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Am 11. März geht es auf große Reise für Heiko Wiesenthal: Qualifikationsturnier für die Paralympics im Sommer in Tokyo. Für die deutschen Sitzvolleyballer ist es die letzte Chance, sich das Ticket zu sichern.

Eigentlich hatte der beinamputierte Koblenzer seine internationale Karriere nach den letzten paralympischen Spielen schon beendet. Jetzt wurde er noch mal reaktiviert - mit 45 Jahren für ihn eine große Herausforderung, aber auch eine Ehre. Im Trikot mit dem Adler auf der Brust zu spielen, das macht ihn stolz. Außerdem freut er sich, wenn er in seinem Alter der Mannschaft noch helfen kann.

"Das werden Wahnsinns-Spiele"

"Das ist Wahnsinn, die Paralympics zu erleben. Das ist das Ziel von jedem Sportler. Und Tokyo wird noch mal was ganz besonderes, das werden Wahnsinns-Spiele werden. Das ist ein super Anreiz, na klar", erzählt Wiesenthal gegenüber SWR Sport.

Amputation nach Bundeswehr-Unfall

Zu Hause im Koblenzer Stadtteil Güls kramt er ab und zu die alten Fotos raus. Die zeigen seine Verbrennungen an Kopf und Oberkörper, die Verstümmelung des linken Fußes, die eingebrannte Kette am Hals. Wer diese Fotos sieht, kann nicht glauben, dass Heiko Wiesenthal den Unfall überlebt hat. Als 20-jähriger Soldat soll er die Verladung von schwerem Gerät auf einen Zug bewachen. Er bekommt den Befehl, auf einen Panzer zu klettern. Der Abstand zur Hochspannungsleitung ist viel zu gering. Es kommt zum Kontakt. 15000 Volt schießen durch seinen Körper. An den Unfall hat er keine Erinnerung mehr: "Ich lag im Koma, bin nach drei Tagen aufgewacht. Dann hat man natürlich die Verletzungen gesehen, das war erst mal krass."

Beim Unfall verdunsten innerhalb von Sekunden zehn Liter Wasser aus seinem Körper. Der linke Fuß ist als solcher nicht mehr zu erkennen und nicht mehr zu retten. Die Entscheidung für eine Amputation ist unumgänglich, erinnert er sich heute noch: "Zusammen mit dem Arzt haben wir nach zwei Wochen entschieden, dass das Bein amputiert werden muss. Dann bin ich nach der OP wach geworden und habe eine Nacht geheult. Am nächsten Tag habe ich gesagt, ok, das ist jetzt so, jetzt musst du weiter machen."

Über Faustball zum Sitzvolleyball

Er trainiert, quält und schindet sich - mit Erfolg. Nur eineinhalb Jahre nach der Amputation ist er zurück in dem Sport, der ihm vor dem Unfall so viel Spaß gemacht hat: Faustball. Heiko Wiesenthal ist der einzige Sportler, der mit seiner Prothese sogar in der Bundesliga spielt.

Durch Zufall kommt er zum Sitzvolleyball. Und auch hier ist er auf Anhieb so gut, dass er in die Nationalmannschaft aufgenommen wird. Nach nur zwei Jahren Training feiert er seinen bisher größten Erfolg: die Bronzemedaille bei den Paralympics in London. Ein Ereignis, das sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat: "Das war das absolute Highlight meiner Karriere. Die Emotionen kann man nicht wiedergeben. Das war der Wahnsinn."

Rücktritt vom Rücktritt

Nach den Paraylmpics in Rio 2016 wollte er eigentlich kürzertreten, mehr Zeit für die Familie haben. Er trainierte noch eine kleine Gruppe Sitzvolleyballer in Koblenz, als im vergangenen Jahr die Anfrage kam - zurück in die Nationalmannschaft und mit ihr die Qualifikation für Tokyo 2020 schaffen. Lange hat er nicht überlegt und mit der Zustimmung seiner Frau Tanja zugesagt. Damit ist aber viel Zeit und Aufwand verbunden. Für Lehrgänge und Turniere muss er 40 bis 50 Tage seine Arbeit als Ergotherapeut ruhen lassen. Aber mit inzwischen 45 Jahren nimmt er diese Strapazen gerne noch mal auf sich.

Vom 11.03. bis 22.03 ist er in Oklahoma/USA und will unbedingt seine dritten paralympischen Spiele klar machen. Er sagt, er ist fitter als vor vier Jahren und hofft, dass er seiner Mannschaft helfen kann: "Der Ehrgeiz ist der Spaß am Sport und eine geile Mannschaft, die Nationalmannschaft. Viele Jungs, mit denen ich schon gespielt habe, viele junge Leute. Ich glaube, das macht den Reiz noch mal aus, denen zu helfen. Wollen wir mal hoffen, dass es auch so klappt."

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