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Rugby | Nationalmannschaft Heidelberger Rugby-Academy legt sich mit DRV an

Die Wild-Rugby-Academy aus Heidelberg hat sich mit dem Deutschen Rugby-Verband angelegt. Der Streit ist nun eskaliert. Und natürlich geht es dabei um Geld und Einfluss, aber auch um die Frage, ob der Verband lieber zu Olympia oder zur WM will.

Marcel Henn und Jarrid Els laufen beim Freundschaftsspiel der deutschen Rugby-Nationalmannschaft gegen Brasilien ins offene Gedränge

Marcel Henn und Jarrid Els wollen das Länderspiel gegen Chile bestreiken

Noch nie hatte die deutsche Rugby-Nationalmannschaft bessere Chancen, sich für eine WM zu qualifizieren als diesmal. Das hat mit dem neuen Quali-Modus zu tun, aber auch mit dem Engagement der Wild-Rugby-Academy aus Heidelberg. Und gerade jetzt eskaliert ein seit längerem schwelender Konflikt zwischen den Deutschen Rugby-Verband (DRV) und der Heidelberger Academy. Und er gipfelte darin, dass fast alle aktuellen Rugby-Nationalspieler Länderspiel Ende November gegen Chile boykottiert haben. In dem Streit sind mehrere Konflikte miteinander verwoben. Dabei geht es anscheinend um Geld und Einfluss, aber auch um die grundsätzliche Ausrichtung des deutschen Rugbys.

Konflikt 1 - Geld und Einfluss

Die Wild Rugby-Academy und die deutsche Rugby-Nationalmannschaft waren bis Mittwoch weitgehend identisch. Der Bundestrainer und ein Großteil der Nationalspieler sind bei der Heidelberger Akademie angestellt und werden von dem Heidelberger Saft-Milliardär Hans-Peter Wild bezahlt. Seit 2007 gibt es einen Kooperationsvertrag, der zum 1. September ausgelaufen ist und bisher nicht verlängert wurde. In diesen zehn Jahren ist es dem DRV und der Akademie gelungen, die deutsche Rugby-Nationalmannschaft von einer Hobby-Truppe in ein vermarktbares Produkt zu verwandeln – so werden die WM-Qualifikationsspiel beispielsweise beim Sparten-Sender "Sport1" übertragen.

Im Interview mit "Mein Sportradio.de" sagte Akademie- Geschäftsführer Robert Mohr, dass der DRV alleine entscheiden wolle, wofür dieses Geld verwendet wird, ohne dabei die Interessen der Akademie zu berücksichtigen. Das das führt zum zweiten Konflikt.

Konflikt 2 - Olympia versus WM

15er- oder 7er-Rugby: Wenn Menschen in Europa von Rugby sprechen, meinen sie in der Regel Union-Rugby - auch 15er-Rugby genannt, weil es mit 15 Spielern pro Mannschaft gespielt wird. Das berühmte Six-Nations-Turnier, die Rugby-WM oder die legendären All Blacks aus Neuseeland sind mit diesem Modus berühmt geworden. Auch die deutsche Rugby-Bundesliga mit dem von der Wild-Rugby-Akademie geförderten Rekordmeister Heidelberger RK spielen 15er-Rugby.

Seitdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) jedoch entschieden hat, das schnellere und dynamischer 7er-Rugby ins Programm aufzunehmen, das bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro eine überaus erfolgreiche Premiere feierte, rückte auch diese Variante mit sieben Spielern pro Mannschaft in den Fokus. Nun werfen Kritiker wie Akademie-Chef Mohr dem DRV vor, dass der Verband lieber die olympische Variante des Rugby-Sport fördern möchte, die zusätzlich vom Innenministerium und vom Deutschen Olympischen Sportbund gefördert wird.

DRV-Sportdirektor Manuel Wilhelm räumte im Gespräch mit "Mein Sportradio.de" ein, dass der DRV allein nicht beide Rugby-Varianten auf dem gleichen finanziellen Niveau fördern könne und deswegen auf Sponsoren wie die Wild Academy angewiesen sei. Dies dürfe jedoch nicht dazu führen, dass ein Sponsor die Verbandsarbeit diktiere: "Wir sind für alle da, für die Profis, aber auch für die Frauen und Amateure."

Wild-Academy will den Druck auf den Verband erhöhen

Doch warum eskaliert der Konflikt gerade jetzt? Der Streit schwelt angeblich schon seit anderthalb Jahren. Seitdem wird über eine gemeinsame sportliche und finanzielle Strategie für das deutsche Rugby verhandelt. Bereits nach dem Testspiel vergangenen Samstag gegen die USA haben sich einige Nationalspieler auf einer Pressekonferenz beschwert, dass die Kommunikation mit dem DRV nicht gerade rund laufe. Die erhoffte Wirkung blieb jedoch aus, auch die Medien griffen dieses Thema damals noch nicht auf. Daher setzte die Wild-Rugby-Academy auf Eskalation und untersagte den von ihr bezahlten Nationalspielern, am Samstag für Deutschland zu spielen, um den Druck auf den Verband zu erhöhen.

Für das Spiel gegen Chile setzte der DRV vor allem auf eine pragmatische Lösung und hat einfach eine komplett neue Nationalmannschaft berufen, die sich zwar ganz gut verkaufte, das Testspiel aber mit 10:32 (3:14) verloren hat. Anschließend nahm DRV-Sportdirektor Wilhelm auch nochmal Stellung zu den Vorwürfen. Demnach sucht der DRV eine Möglichkeit, dass der Bundestrainer zukünftig nicht mehr von der Rugby-Academy bezahlt wird, "damit es dort keine Interessenskonflikte zwischen dem Arbeitgeber der Spieler und dem Nationaltrainer gibt. Da wünschen wir uns eine unvoreingenommene Berufung."

DRV beklagt zu viel Einfluss der Academy

Wilhelm gab zu, dass sich das deutsche Rugby in den letzten Jahren so gut entwickelt hat, wäre ohne die Academy nicht möglich gewesen. Allerdings sei der Einfluss der Academy in diesem Zeitraum zu groß geworden "Das hat sich dann aber so sehr verselbstständigt, dass dann nahezu eine Abkopplung zwischen Verbandsarbeit und der Stiftung bzw. der späteren GmbH erfolgte." Aktuell ist ein Treffen für Dezember geplant, um doch noch zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen.

Die Qualifikation für die Rugby-WM 2019 in Japan wird erstmals in einem gemeinsamen Europa-Turnier ausgespielt. Der Turnier-Sieger qualifiziert sich direkt für die WM, der Zweite kann sich in einem Relegationsspiel gegen Europe-Trophy-Gewinner Portugal ebenfalls für die WM qualifizieren. Der Verlierer hat dann nochmal die Chance, sich in einer interkontinentalen Qualifikationsrunde für die WM in Japan zu qualifizieren. Da sich Georgien als Gruppendritter der WM 2015 bereits für das Turnier in Japan qualifiziert hat, reicht dem deutschen Team bereits Platz drei für die Relegation. Aktuell steht Deutschland auf Platz fünf des European Championchips und hat fünf Punkte Rückstand auf Spanien.

Von Michael Richmann