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Handball | Europameisterschaft 2018 Rolf Brack: "Glücksfaktor ist aufgebraucht"

Göppingens Trainer Rolf Brack zieht nach den knappen Vorrundenspielen der deutschen Handballmannschaft ein Resümee und blickt auf die kommenden Kontrahenten in der Hauptrunde.


Zwei Unentschieden ein Sieg. Wie fällt Ihrer Meinung nach das Vorrunden-Fazit der deutschen Mannschaft zu dieser Europameisterschaft aus?

Ich denke, man muss kritisch anmerken, dass das Punkte-Resultat, dass man mit 2:2-Punkten in die Hauptrunde geht, sogar höher einzuschätzen ist, als die Leistung. Beide Spiele (Slowenien und Mazedonien) waren in den letzten fünf  Sekunden so gut wie verloren. Man hat mit ein bisschen Glück diesen einen Punkt gerettet. Andererseits waren die Gegner auch stärker als erwartet. Ich denke, dass die Gegner in der Vorrunde vielleicht sogar tendenziell, auch wenn es keine großen Namen waren mit Slowenien und Mazedonien, besser sind als Dänemark und Spanien.

Emotional hat die Mannschaft schon in der Vorrunde ziemlich viel erlebt. Kann das hilfreich für den weiteren Turnierverlauf sein?

Oft gleichen sich Glück und Pech aus. Die Slowenen haben diese Dummheit begangen, eine Sekunde vor Schluss diesen unsinnigen Regelverstoß zu machen. Das war ein bisschen Glück für die Deutschen. Und auch, dass der Kreisläufer von Slowenien sechs Sekunden vor Schluss den Ball ins Tor wirft, war ebenfalls ein bisschen Glück. Da ist der Glücksfaktor schon aufgebraucht. Andererseits ist man noch steigerungsfähig was die Leistungen angeht. Und ich denke auch, dass die Gegner große Namen haben, aber wenn die deutsche Mannschaft ihr Level noch ein bisschen steigern kann, ist durchaus noch alles möglich.

Gestern beim Spiel gegen Mazedonien hatte die deutsche Mannschaft in den letzten elf Sekunden die Chance auf den Sieg. Was ist da genau schief gelaufen?

Von Prokop gab es eine klare taktische Vorgabe. Aber die Spieler haben untereinander ausgemacht, eine Art Kempa-Pass von Rückraum links nach rechts außen zu spielen. Deswegen wurde auch von "Disziplinlosigkeit" gesprochen. Das heißt, die Spieler haben ihre eigene Idee über die Vorgaben des Trainers gestellt. Obwohl ich die Auszeiten und die taktischen Dinge, die Prokop macht, für ausgezeichnet halte. Die Spieler hatten in der Szene vor allem die falsche Idee im Kopf und hatten diese auch dummerweise umgesetzt.
Ein Trainer kann die Erfolgswahrscheinlichkeit mit etwas mehr Weisheit, Erfahrung und Expertise besser bewerten. Dafür ist ein Trainer auch da. Aus der Geschichte wird man lernen. Bei einer Zehn-Sekunden-Aktion dürfen eigene Ideen nicht so eine große Bedeutung bekommen. Da muss man das ohne Wenn und Aber zu 100 Prozent umsetzten. Das wird der Christian Prokop den Spielern deutlich sagen.

Die deutschen Handball-Nationalspieler Patrick Groetzki, Finn Lemke und Silvio Heinevetter freuen sich über einen Punkt gegen Mazedonien

Patrick Groetzki, Finn Lemke und Silvio Heinevetter freuen sich über einen Punkt gegen Mazedonien

Mit nur zwei Punkten auf der Habenseite ziehen die Deutschen in die Hauptrunde ein. Vor zwei Jahren war man so erfolgreich. Deshalb: Keine Panik?

Wirklich keine Panik. Der Bundestrainer hat gut reagiert. Er hat erkannt, dass man neben dieser aggressiv-offensiven Abwehr-Philosophie auch eine defensiv kompaktere mit mehr Körperlichkeit spielen kann. Taktisch wird er nicht nur Plan A und B haben, sondern auch Plan C. Die Gegner, die jetzt mit großen Namen kommen, sind eher zu schlagen, als die, die in der Vorrunde unsere Gegner waren.

In der Hauptrunde treffen die Deutschen auf die Außenseiter, Olympiasieger und Ex-Weltmeister. Tschechien, Dänemark und Spanien. Wie lassen sich diese drei am besten einschätzen?

Tschechien ist eine Wundertüte. Ich hatte selbst als schweizer Nationaltrainer mehrere Spiele gegen Tschechien. Das ist eine unangenehme Mannschaft. Sie haben jetzt eine sehr, sehr gute Abwehr- und Towartqualität mit Martin Galia. Der interessanterweise in Göppingen gespielt hat. Sie haben aber auch einige Spieler, die in der Schweiz spielen. Ich bin mir eigentlich sicher, dass wir gegen Tschechien keine Probleme haben werden.

Dänemark hat ein Problem auf der Linkshänderposition im Angriff. Sie haben nicht die Breite im Kader. Sie haben in der Vorrunde gegen Spanien mit einer guten Leistung gewonnen. Bei Spanien ist sehr viel Sand im Getriebe. Sie stellen zwar eine sehr gute Abwehr, aber haben mit Julen Aguinagalde einen Kreisläufer-Ausfall. Sie haben nicht mehr diese Topspieler zur Verfügung, die sie in den vergangenen Jahren noch hatten. Ich denke, wir haben gegen beide Gegner eine sehr, sehr gute Chance. Dann müsste es auch für das Halbfinale reichen.

Also dreimal anspruchsvoll, aber lösbar?

Ja, zumal wir einen sehr breiten Kader im Gegensatz zu anderen Mannschaften haben. Wir haben eine unglaubliche Breite auf der Bank. Das ist im Verlauf des Turniers ein sehr wichtiger Aspekt und ein potenzieller Erfolgsfaktor, dass wir in der Lage sind, uns von Spiel zu Spiel zu steigern. Im Gegensatz zu vielen kritischen Bemerkungen, halte ich den Trainer für einen ausgezeichneten Fachmann. Er ist auch sicherlich in der Lage, noch mehr aus der Mannschaft heraus zu kitzeln.

Das Interview führte Jens Wolters