Perikles Simon im Gespräch mit Frank Stäbler bei SWR Sport (Foto: SWR)

Sportmedizin | Corona

Sportmediziner Perikles Simon: "Uns bricht die Sportinfrastruktur weg"

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Der Sportmediziner Perikles Simon befürchtet, dass der Breitensport und die Gesunderhaltung der Bevölkerung während der Corona-Pandemie nicht ausreichend beachtet werden. Er erwartet, dass die Abwehrfähigkeit der Menschen abnehmen könnte.

Dass bei Frank Stäbler, dreifacher Weltmeister im Ringen, nach einer Corona-Infektion auch nach vier Wochen mehr als 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit fehlen, überrascht Perikles Simon nicht. Der Leiter der Abteilung für Sportmedizin an der Universität Mainz ist mit vielen Leistungssportlern im Kontakt. Sie würden meistens zwei bis drei Monate brauchen, um ihre alte Form wieder zu erreichen. "Glücklicherweise habe ich aber noch keinen gesehen, der das nicht wieder geschafft hätte", sagt Simon. Im Hobbysport könne es aber deutlich länger dauern.

Auch wenn der organisierte Breitensport im November nahezu still liegt, könnte gerade der Sport ein wichtiger Weg zur Bekämpfung des Virus sein. "Es ist zur Stärkung des Immunsystems wichtig - auch für ältere Personen, dass sie ihren Sport treiben können. Damit das Immunsystem intakt bleibt und auch gegen das Virus gefeit ist." Vor allem für Personen, die vor der Pandemie schon viel Sport getrieben haben, sei es hart, auf ihn zu verzichten.

Aber auch Kinder brauchen viel Bewegung und dazu reiche der Sportunterricht nicht aus, sagt Simon. "Es gibt bezüglich der Möglichkeit, dass Kinder schwer erkranken, eigentlich sehr weitgehend Entwarnung." Deshalb müsse man - aus Simons Sicht - Wege finden, wie man den Kindern wieder ein Leben in Würde ermöglicht. "Pandemiebekämpfung kann nicht weiter um jeden Preis zulasten der physischen und psychischen Gesundheit der Kinder geschehen." Eine Studie von Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, hatte aber in einer Studie gezeigt, dass Kinder genauso viele Viren im Rachen aufweisen wie Erwachsene. Jedoch ist unklar, ob Kinder deshalb auch genauso ansteckend sein können.

"Das schafft eine Struktur wie der Breitensport in Deutschland nicht"

Gerade Kinder sollen aber eigentlich an den Breitensport herangeführt werden. Wegen der Corona-Pandemie fehle ihnen aber bereits ein halbes Jahr Breitensport. "Sie können irgendwann diese Kinder auch nicht mehr in den Sport zurückholen", sagt Simon. Auch ältere Jugendliche wenden sich vermehrt vom Breitensport ab.

Deshalb befürchtet Simon, dass der organisierte Sport die Corona-Pandemie nur schwer überleben kann. "Uns bricht die Sportinfrastruktur weg und vor allem die Personen, die im Sport helfen." Es sei schließlich unbefriedigend, sich erst über viele Wochen mit Hygienekonzepten zu beschäftigen und jetzt wieder in die Situation zu kommen, wo diese Konzepte irrelevant geworden sind, sagt Simon.

"Das schafft einfach so eine Struktur wie der Breitensport in Deutschland nicht", schätzt Simon. Da die Pandemie den Sport aber noch lange begleiten wird, müsse sich der Breitensport mit seinem gesellschaftlichen Gewicht - ähnlich wie der Profi-Fußball - in die Waagschale werfen. "Der Breitensport braucht in der Politik Fürsprecher", sagt Simon. "Man hat lange gehofft, man schafft es aus eigener Kraft. Aber wenn man schon kein Geld von der Politik verlangt, muss man seine Interessen ganz vehement darlegen und begründen."

Bewegungsmangel ist einer der wichtigsten Sterblichkeitsfaktoren weltweit

Schließlich gebe es auch gesellschaftliche Probleme wie Übergewicht und Sesshaftigkeit, wo der Sport helfen kann. Der Bewegungsmangel sei einer der wichtigsten Sterblichkeitsfaktoren weltweit, sagt Simon. Rund 5,8 Millionen Menschen würden weltweit sterben, weil sie sich nicht ausreichend bewegen. Auch nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums lassen sich insgesamt gut sieben Prozent der Todesfälle in Deutschland auf Bewegungsmangel zurückführen.

"Die Sterblichkeit ist so gravierend, dass man als Politiker nicht einfach sagen kann, dass ich kurzfristig auf SARS-CoV-2 reagiere, aber wie viel tue ich für die Gesunderhaltung der Bevölkerung?" Perikles Simon kritisiert, dass das Geld im Gesundheitssystem überwiegend für Krankheiten ausgegeben wird. "Jetzt (während der Corona-Pandemie, Anm. d. Red.) geht es wieder einmal für die Krankheit drauf. Das ist so kurzsichtig. Die Gesunderhaltung der Bevölkerung ist so ein zentrales Anliegen."

Diese Argumente könnte der Breitensport in Gesprächen mit der Politik vorbringen, sagt Simon. "Wir müssen der Politik verdeutlichen: Ihr könnt und dürft uns nicht so stark runterfahren. Das wird ein Bumerang und fällt euch sogar auf zwei, drei Jahre betrachtet auf die Füße." Denn Simon befürchtet, dass ohne Sport die Vitalität und Abwehrfähigkeit der Bevölkerung riskiert wird. Am Montagabend haben die Vertreter von Bund und Ländern jedoch keinerlei Corona-Lockerungen in Aussicht gestellt.

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