Sven Hannawald bei der Vierschanzentournee 2002 (Foto: imago images, imago images / Laci Perenyi)

Skispringen | Hintergrund

Sven Hannawald: Die Schanze als Bild für den Lebensweg

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Sven Hannawald hat sportlich fast alles erreicht, was man im Skispringen erreichen kann. Doch nach seinem Höhenflug kam der gesundheitliche Absturz. Heute hilft der 46-Jährige anderen, die richtige Balance in ihrem Leben zu finden.

Bischofshofen 2002. Ein ewiger Mythos der Vierschanzentournee steht kurz davor, zur Realität zu werden. Sven Hannawald hat bereits drei der vier Springen gewonnen, könnte mit seinem letzten Versuch auch das Dreikönigsspringen gewinnen und sich in den Geschichtsbüchern des Skispringens verewigen. Es klappt. Als erstem Sportler überhaupt gelingt es ihm, alle vier Springen der Tournee für sich zu entscheiden.

Ganz nach oben. Und ganz nach unten.

Der vierfache Weltmeister im Skispringen und -fliegen und Olympiasieger im Team weiß, wie es ist, ganz oben zu stehen. Doch er kennt ebenso das Gefühl, tief zu fallen. 2005 verkündet Hannawald das Ende seiner aktiven Karriere als Folge einer Burnout-Erkrankung.

Vom Schanzentisch ans Rednerpult

Mit dem Ende seiner Laufbahn als Skispringer beginnt für Hannawald ein neues Leben. Stets bleibt er dabei dem Sport treu, ohne medialen Druck und übertriebene Erwartungen. Er ist unter anderem als Rennfahrer und Amateur-Fußballer tätig. Auch außerhalb der Sportwelt hat sich Hannawald mittlerweile einen Namen gemacht. Seit 2016 ist er als Speaker in der Unternehmensberatung aktiv. Sein Thema: Die betriebliche Gesundheit. In seinen Seminaren thematisiert er Leistungsdruck und fehlende Balance. Seine Workshops veranstaltet er oft an alten Wirkungsstätten. Gemeinsam mit den Teilnehmer wandert er eine Skisprungschanze hinauf. "Das Profil einer Schanze spiegelt eine Art Karriereleiter oder auch unseren Lebensweg wieder", erzählt er im SWR Sport-Interview. "Wir merken dann, wenn es steiler und anstrengend wird, dass wir das Ziel nicht mehr sehen, weil der Buckel vor uns ist", so der 46-Jährige. Das ließe sich gut aufs allgemeine Leben übertragen.

Als Experte nicht mehr wegzudenken

Hannawalds Entwicklung vom Spitzensportler zum erfolgreichen "Allrounder" zeigt sich nicht nur in seinem Engagement als Unternehmensberater. Von 2016 bis 2020 berichtet er als Experte für Eurosport von Springen aus aller Welt. Legendär ist seine Berichterstattung von den Skisprung-Weltmeisterschaften 2019 in Innsbruck. Nach dem entscheidenden Sprung von Markus Eisenbichler ist Hannawald kaum in der Sprecherkabine zu halten. Zu groß ist die Freude über den Weltmeistertitel für den Kollegen. Seit diesem Winter ist Hannawald für die ARD tätig. Ob man sich auf ähnliche Szenen freuen darf, lässt er offen: "In diesem Jahr weiß ich, dass sie (die deutschen Springer) da oben mitspringen können. Dann ist vielleicht die große Euphorie gar nicht so dabei."

Wie überzeugt er von Karl Geiger und Markus Eisenbichler ist, betont der ehemalige Weltmeister im Interview mehrfach. Besonders stark schätzt Hannawald dieses Jahr Eisenbichler ein: "Wenn er Fehler macht, haben andere Chancen. Wenn Markus keine macht, gewinnt er." Dass die Corona-Pandemie für ungewöhnliche Bedingungen sorgt, sieht er nicht zwingend als Nachteil.

Skispringen vor leeren Rängen - gibt es nur Verlierer?

Skispringen lebt schon immer von den Zuschauern, welche zu Tausenden an die Schanzen strömen und die Auslaufzone am Fuß des Hanges in ein Tollhaus verwandeln. In diesem Jahr macht das Corona-Virus eine stimmungsvolle Vierschanzentournee unmöglich. Außer einigen Medienvertretern und den Coaches der Athleten werden die Tribünen in diesem Winter leer bleiben. Für Hannawald hat diese Situation nicht nur Nachteile: "Es wird auch Gewinner geben, speziell die Springer, die vor so viel Publikum nicht ganz locker waren. Die haben in meinen Augen in dieser Saison mehr Möglichkeiten, weil das eher wie ein Trainingswettkampf rüberkommt." Dass durch das fehlende Publikum die Springer nicht zu Bestleistungen motiviert werden könnten, befürchtet er nicht: "Ich glaube, dass die Jungs sich einfach freuen, dass sie sich battlen dürfen, dass sie mit verschiedensten Nationen oben am Start stehen und endlich Wettkämpfe stattfinden."

Abschalten als Familienvater

Sven Hannawald blickt auf bewegte Jahre als Spitzensportler, TV-Experte und Unternehmensberater zurück. Komplett abschalten kann der 46-Jährige bei seiner Familie. "Ich bin der Papa, der sich auf die Kinder freut und die Familie genießt. Auf der anderen Seite ist mir auch der Sport wichtig. Mir ist wichtig, dass ich mich bewege, dass ich meinen Körper etwas reize, damit er nicht zu schnell einschläft." Ganz loslassen wird Hannawald den Sport, der sein Leben nach wie vor prägt, vermutlich nie.

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