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Gegen 100 andere Bewerbungen hat sich die junge Eiskunstläuferin Sasha Tandogan durchgesetzt. Gestern feierte die Tochter von Anuschka Gläser-Tandogan ihre Show-Premiere bei Holiday on Ice.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Es ist die erste Show-Nummer nach der Pause. Aus den Lautsprechern ertönt eine Stimme, die ein Stuttgarter Nachwuchstalent ankündigt. Sasha Tandogan gleitet auf das Eis. Die Scheinwerfer fangen das kleine Mädchen im roten Kostüm ein. Musik schallt aus den Boxen. Den Großteil des Abends stehen die Stars von Holiday on Ice im Mittelpunkt, doch dieser Moment gehört ganz alleine der Zehnjährigen vom Stuttgarter Eis- und Rollsportclub.

Auf der Eisfläche scheint Sasha über ihre zierlichen 1,44 Meter hinauszuwachsen. Aufrecht steht sie auf ihren Schlittschuhen, reiht Sprünge, Pirouetten und Tanzschritte aneinander. Sie wirbelt um die eigene Achse, während ihr Pferdeschwanz wild hin und her schlägt. Spielerisch wirken ihre Bewegungen zur Musik. Am Ende strahlt sie. "Es war sehr, sehr, sehr, sehr, sehr toll. Es hat wirklich Spaß gemacht. Ich habe es genossen", beschreibt sie ihren Auftritt vor 2.500 Zuschauern direkt im Anschluss.

Schule, Training, Hausaufgaben

Um bis dahin zu kommen war es harte Arbeit. Sasha ist zwar erst zehn Jahre alt, in Sachen Training gehört sie aber schon zu den Profis. Sechsmal die Woche steht sie zwei bis drei Stunden auf dem Eis. Hinzu kommen Athletik- und Balletttraining, sowie einmal die Woche Physiotherapie.

Vormittags geht sie jedoch, wie jede Zehnjährige, zur Schule: Es ist kurz nach 13 Uhr. Im Klassenzimmer herrscht die übliche Geräuschkulisse in der letzten Stunde. Vor Sasha auf dem Tisch liegen "Emil und die Detektive". Als der Lehrer die Deutschstunde beendet, muss es schnell gehen. Bis zum Training auf der Stuttgarter Waldau bleibt nicht viel Zeit.

Wie jeden Tag trifft sich Sasha an der Straßenbahnhaltestelle mit ihrer Mutter. Anuschka Gläser-Tandogan war selbst eine erfolgreiche Eiskunstläuferin. Dreimal gewann sie im Paarlauf den deutschen Meistertitel. Sie nahm an Olympia teil und erreichte bei Europameisterschaften einen fünften Rang.

Die Mutter hat erst mal das Mittagessen für die Tochter dabei. Es gibt Nudeln mit Käse. Um Zeit zu sparen, isst das Eiskunstlauftalent am Bahnsteig, während es auf die Straßenbahn wartet. Bei Familie Tandogan sind die Abläufe optimiert.

Mutter und Trainerin in einem

Im Eissportzentrum heißt es dann umziehen, aufwärmen und ab auf die Eisfläche. Sasha übt Sprünge, Pirouetten und Schrittsequenzen, immer unter Beobachtung ihrer Mutter. Das die Olympia-Dreizehnte von 1994 nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre Trainerin ist, sieht Sasha positiv. "Ich glaube, es wäre nicht viel anders, wenn ich bei jemand anderem trainieren würde aber so kann ich zuhause auch noch ein paar Übungen machen, die sie mir sagt. Es ist toll", erklärt Sasha im Gespräch mit SWR Sport.

Gläser-Tandogan erkennt in der Konstellation sogar noch einen Vorteil. "Ich lasse alles auf dem Eis raus, was gesagt werden muss. Dann gehen wir nach Hause und dann ist Eislaufen wirklich kein Thema mehr. Bei Kindern, die Trainer und Mutter extra haben, schimpft erst der Trainer, dann fahren sie nach Hause und dann schimpft die Mama noch weiter. In sofern hat sie es gut. Bei uns ist alles schon gesagt und zuhause bin ich dann Mama."

Nach der ersten Einheit auf dem Eis hat Sasha Zeit für ihre Hausaufgaben. Diese erledigt sie ganz pragmatisch, direkt vor Ort im Eissportzentrum. Danach folgt ein Athletiktraining und zuletzt geht es noch mal auf die Eisfläche.

Schon mit drei Jahren auf dem Eis

Obwohl neben dem Eislaufen nicht viel Freizeit bleibt, genießt die Zehnjährige das aufwendige Hobby: "Eiskunstlaufen bedeutet mir sehr viel. Am besten gefällt es mir, wenn man bei Sprüngen fliegt. Bei Pirouetten - meine Lieblingspirouette ist die Biellmann - da fühlt man sich ganz toll, wenn man sowas kann."

Zum Eiskunstlauf kam Sasha natürlich über ihre Mutter, genauso wie ihre beiden Schwestern. Von allen dreien hat Sasha beim Eislaufen allerdings die größten Ambitionen. "Sasha wollte bei mir sein. Deshalb ist sie auch die Einzige, die von Anfang an nah am Eiskunstlaufen war und das immer als ihren Sport gesehen hat", sagt Anuschka Gläser-Tandogan.

Den Sport betreibt Sasha jetzt seit sieben Jahren und sie ist ehrgeizig. Ihr Traum ist es "wie Mama bei Olympia mitzumachen" aber sie möchte "einen besseren Platz" erreichen. Das Talent dazu hat sie. "Mit zehn Jahren war ich noch nicht so gut", erklärt Anuschka Gläser-Tandogan, "ich finde schon, dass sie um einiges besser ist. Sie ist jetzt mit zehn Jahren auf dem Stand auf dem ich mit elf, zwölf Jahren war."

Aber sie räumt auch ein, dass heute mehr Fähigkeiten gefordert werden als noch zu ihrer Zeit und es Sasha in dieser Hinsicht schwerer hat. Auch deshalb versucht Gläser-Tandogan ihrer Tochter nicht zu viel Druck zu machen: "Meine Töchter sind im Sport breit aufgestellt, also nicht nur Eiskunstlaufen. Das war mir wichtig", erklärt die 50-Jährige. Sascha konzentriert sich erst seit ihrer Aufnahme in den Landeskader, vor zwei Jahren weitestgehend auf Eiskunstlauf.

Acht aus über einhundert

Für ihre Teilnahme an der Eisshow hat sich Sasha im vergangenen Sommer beworben - am letzten Tag der Einsendefrist. Anschließend wurde sie von einer Jury, zu der unter anderem Olympiasiegerin Aljona Savchenko gehörte, aus über 100 Einsendungen ausgewählt. Als eines von acht Talenten nahm sie im August an einem Trainingscamp mit Savchenko und ihrem Partner Bruno Massot teil. Für den Auftritt selbst trainierte Sasha rund zwei Monate.

Der große Tag

Auch vor ihrem großen Tag in Stuttgart war Sasha ganz normal in der Schule. Als die junge Eiskunstläuferin in der Halle ankommt, wirkt sie trotz aller Vorbereitung ein wenig eingeschüchtert. Nach den ersten Erklärungen zum Ablauf und der Trainingseinheit auf dem Showeis legt sich die Nervosität aber ein wenig. "Ich habe mir vorgenommen Spaß zu haben und es zu genießen, weil so was kann ich nicht noch mal so erleben", beschreibt Sasha, was sie sich für ihren Auftritt vorgenommen hat.

Während sich die Halle füllt, richtet Anuschka Gläser-Tandogan ihrer Tochter noch die Haare und schminkt sie. Dann kann Sasha bis kurz vor der Pause die Show genießen, bevor sie zur letzten Vorbereitung für ihren großen Auftritt hinter die Kulissen verschwindet.

Am Ende war alle Nervosität unnötig. Sasha bringt ihre Kür bis auf Kleinigkeiten sauber auf das Eis. Das Publikum wird von Beginn an mitgerissen und klatscht am Ende begeistert Beifall. Gegen 22:00 Uhr ist die Show vorbei. Endlich kann die ganze Familie Sasha zum Auftritt gratulieren. "Ich fand es klasse. Ich war einfach stolz, als ich es gesehen habe", beschreibt Anuschka Gläser-Tandogan ihre Eindrücke.

Die junge Eisprinzessin ist müde, aber glücklich. Heute Abend war sie ihrem großen Traum schon nah. Am nächsten Morgen geht dann der Alltag weiter für die Zehnjährige: Schule, Mittagessen, Training.

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