STAND
AUTOR/IN

Der Breitensport kehrt zurück. Endlich sind Vereinssport, Sportgruppen oder Schwimmen im Freibad vielerorts wieder möglich. Aber Vorsicht beim Wiedereinstieg nach einer langen, oft bewegungsarmen Phase. Worauf Hobbysportler jetzt achten müssen, verrät Sportmediziner Dr. Klaus Gerlach.

Geringes Fitnesslevel erhöht Verletzungsgefahr

"Auf welchem Fitnesslevel bin ich eigentlich?" Das werden sich aktuell viele Hobbysportler fragen, die seit über einem halben Jahr keinen Sport betrieben haben und nun wieder einsteigen. Dr. Klaus Gerlach, Sportmediziner aus Mainz, schätzt es so ein: "Wenn man wirklich gar nichts gemacht hat, fängt man fast wieder bei null an. Ein wenig Ausdauerleistung wird noch vorhanden sein, doch was Beweglichkeit und Schnellkraft angeht, wird das meiste verloren gegangen sein."

Dementsprechend vorsichtig müsse man die ersten Einheiten angehen, denn eine verringerte Beweglichkeit bringe ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich. Auch die abhanden gekommene Koordination spielt eine Rolle: "Wenn Bewegungsmuster nicht mehr sitzen, dann kann es schon sein, dass manch einer schneller umknickt", so Gerlach, der früher Mannschaftsarzt bei Mainz 05 war. Vor allem das obere Sprunggelenk sei dadurch zu Beginn anfällig für Verletzungen.

Gefahr für den Rücken

Größere Sorgen macht sich der Sportmediziner aber um ein anderes Körperteil.

"Ich beobachte, dass immer mehr Leute mit Rückenbeschwerden zu mir in die Praxis kommen, weil niemand daran gedacht hat, dem Rücken während des Lockdowns etwas Gutes zu tun."

Weniger Bewegung im Alltag durch Home-Office-Zeiten oder das Wegfallen des Vereinssports würde dazu führen, dass der Rücken nicht mehr optimal auf sportliche Bewegung vorbereitet ist.

Besonders bei "Stop-and-go-Sportarten", also überall da, wo ständig abgebremst und wieder beschleunigt wird, sei Vorsicht geboten. "Bei vielen ist der Rücken nicht mehr stabil genug, um die schnellen Bewegungen wieder auszugleichen", erzählt Gerlach.

Individual-Training zum Einstieg

Doch genau das sind die Sportarten - wie Fußball, Handball oder Basketball -, auf die sich viele Sportbegeisterte nun wieder freuen. Was also tun, wenn der Körper noch nicht bereit dafür ist? "Gut aufgewärmt einfache Bewegungs- und Schnellkrafttests machen, und dann sollte der Trainer auf Individual-Training setzen - auch im Mannschaftssport", sagt Gerlach. Positiver Nebeneffekt des Individual-Trainings: Die aktuell vielerorts geltende Regelung, dass im Freien ausschließlich kontaktarmer Sport mit bis zu 20 Personen stattfinden darf, kann somit leicht eingehalten werden.

Einen Vorteil hätten all jene, die sich durch Joggen und Home-Workouts fit gehalten haben. Dadurch sei eine schnellere Rückkehr zu gewohnten Belastungen möglich. Doch wie lange dauert es für die, die gar nichts gemacht haben, bis das alte Fitnesslevel wieder erreicht ist? "Das lässt sich pauschal nicht sagen. Bei manchen dauert es zwei Wochen, andere brauchen bis zu vier Monate, um wieder bei 100 Prozent zu sein", so Gerlach.

Auf den Körper hören

Doch nicht jeder bringt die Geduld mit, sich langsam an sein vorheriges Niveau heranzuarbeiten. Viele Sportler und Sportlerinnen sind nach der langen Durststrecke heiß darauf, endlich wieder loszulegen und im Training oder Fitnessstudio gleich ans Limit zu gehen.

Da hat der Körper aber seine eigenen Mechanismen, um die übermotivierten Sportler zu bremsen, erzählt Gerlach: "Die werden so einen Muskelkater bekommen, dass sie danach drei Tage gar nicht mehr ins Fitnessstudio gehen können, weil sie keinen Schritt mehr laufen können." Auf diese Weise würde sich der Körper die Ruhe holen, die er benötigt.

Für die optimale Herangehensweise rät Gerlach zu einem strukturierten Beginn mit Ruhetagen zwischen den Einheiten und allmählichem Steigern von Intensität und Umfang der Belastung.

Wie sieht es bei Kindern aus?

Für die Herangehensweise an den Wiedereinstieg sei aber vor allem das Alter der sporttreibenden Person ein wichtiger Faktor. Auch Kinder dürften nicht als eine Gruppe über einen Kamm geschert werden. Bei den Drei- bis Sechsjährigen, die ohnehin viel Bewegung im Kita-Alltag oder beim Spielen erfahren haben, müsse man keine Rücksicht nehmen.

Anders sehe es im fortschreitenden Schulalter aus. Da sei vieles verloren gegangen, weil die Kinder keine Lust hätten, sich zuhause sportlich zu betätigen. Auch da sieht Gerlach ein individuelles Programm zum Wiedereinstieg als ideale Lösung. Trotzdem, so Gerlach, seien Kinder insgesamt weniger verletzungsanfällig als Erwachsene und könnten schneller zu gewohnten Belastungen zurückkehren.

Arztbesuch zum Wiedereinstieg bei Senioren?

Bei Senioren gestaltet sich die Sache ebenfalls differenziert. Wer gesund ist, könne mit einem moderaten Training problemlos wieder loslegen. Personen mit erhöhtem Blutdruck oder Vorerkrankungen rät Gerlach hingegen zum Besuch des Hausarztes vor der ersten Sporteinheit: "Da sollte man einen Check machen und mittels Laboruntersuchungen schauen: Sind die Leute gut durch die Pandemie gekommen?" Um die Senioren macht sich der Sportmediziner aber die wenigsten Sorgen. Denn die, so Gerlach lachend, seien ohnehin vernünftiger als die jüngere Generation.

Die meistgeklickten Artikel auf swr.de/sport:

Kaiserslautern

Fußball | 3. Liga FCK verpasst Sieg zum Saisonauftakt

Der 1. FC Kaiserslautern ist mit einem torlosen Remis gegen Eintracht Braunschweig in die neue Drittliga-Saison gestartet.  mehr...

Freiburg/Schruns

Fußball | Bundesliga Christian Streich: Der SC Freiburg muss sich treu bleiben

Der SC Freiburg arbeitet in Schruns am Team für die neue Saison und in Freiburg an der neuen Infrastruktur. Im Interview mit SWR Sport erklärt Trainer Christian Streich, warum Freiburg sich treu bleiben muss - auf und nebem dem Platz.  mehr...

Stuttgart/Kitzbühel

Fußball | Bundesliga VfB Stuttgart mit positiver Trainingslager-Bilanz

Der VfB Stuttgart ist aus dem Trainingslager in Kitzbühel zurück. So bewerten Trainer Pellegrino Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat die Dienstreise nach Österreich.  mehr...

STAND
AUTOR/IN