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Schwimmen zu können ist überlebenswichtig. Trotzdem gab es schon vor Corona nicht nur beim Leistungsschwimmen, sondern auch bei der Grundausbildung Probleme. In SWR Sport zeigt sich auch Weltrekordler Paul Biedermann besorgt.

Für Mathis Schönung macht in Mainz derzeit kein Hallenbad auf. Dabei ist er Nachwuchsleistungsschwimmer im deutschen Bundeskader und im Landeskader Rheinland-Pfalz - um trainieren zu können, muss er seit der neuen Corona-Verordnung aber nach Hessen fahren. Noch vor der Schule macht sich der 16-Jährige regelmäßig auf den Weg zu einem Hallenbad in Wiesbaden, das ihm frühmorgens die Pforten öffnet. Auf die gewünschte Anzahl an Trainingseinheiten im Wasser kommt er trotzdem nicht: Unter normalen Umständen schwimmt das Talent zehnmal pro Woche für jeweils zwei Stunden, momentan muss er sich oft aber mit Trocken-Einheiten begnügen.

Nur wenige sind von den Auswirkungen der derzeitigen Schwimmbad-Schließungen so direkt betroffen wie Mathis Schönung. Aber die Konsequenzen der Maßnahmen könnten gravierend sein, vor allem für Kinder, die nun - wie schon im Frühjahr - auf Schwimmunterricht oder Kurse verzichten müssen. Denn die Grundausbildung im Wasser ist schon seit Langem ein Problem: Circa 60 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland können nicht schwimmen. Eigentlich sollten Kinder spätestens in der Grundschule schwimmen lernen, generell gilt: je eher, desto besser. Denn mit dem Alter steigt beim Menschen auch die Angst vor dem unbekannten Element.

Gravierendes Schwimmbad-Sterben

Eine einfache Erklärung für diese Zahlen ist das fehlende Schwimmangebot - auch in Rheinland Pfalz. Viele Schulen können oft gar keinen Schwimmunterricht machen, weil es in erreichbarer Nähe zu wenig verfügbare Schwimmbäder gibt. Einige sind dringend sanierungsbedürftig, andere schon komplett dicht: Jedes Jahr schließen in Deutschland laut DLRG etwa 80 Schwimmbäder - die Zahlen der Ertrunkenen sind hoch. Damit Eltern ihre Kinder beruhigt baden lassen können, müsste deutlich mehr Geld ausgegeben werden. Auch Elternvertreter in Rheinland-Pfalz haben sich deshalb in einer Umfrage klar dafür ausgesprochen, dass das Land stärker in seine Bäder investiert.

Fünf Millionen Euro sind vorgesehen - das reicht aber nicht

Einer, der mit seinen Leistungen im Wasser über Jahre Werbung fürs Schwimmen betrieb, findet die Situation "alarmierend". Paul Biedermann, Weltmeister und Weltrekordhalter, sieht dringenden Handlungsbedarf: "Es gibt sehr viel zu tun und es muss auch etwas getan werden", sagte er in SWR Sport. Die fünf Millionen Euro, die das Land Rheinland-Pfalz im Haushalt für Schwimmbäder reserviert hat, reichten bei Weitem nicht aus: "Das klingt erstmal viel - aber wenn man weiß, dass man für den Bau einer Schwimmhalle etwa zehn bis elf Millionen Euro braucht, ist es wiederum wenig."

Mehr Geld für Schwimmbäder - das würde auch dem Leistungsschwimmen helfen. Nicht nur, weil vielversprechende Talente wie Mathis Schönung Zugang zum Wasser brauchen. Wenn Kinder nicht mehr schwimmen lernen, bricht dem Sport die gesamte Basis weg. Dazu kommt, dass Schwimm-Events - im Gegensatz zu vielen Mannschaftssportarten - in der Öffentlichkeit kaum noch stattfinden. Die Einzelsportarten seien "extrem unterrepräsentiert, auch medial", bemängelt Biedermann. "Überlegen Sie mal, wann Sie das letzte Leichtathletik- oder Schwimm-Event gesehen haben."

"Das Grundproblem sind wirklich die Schwimmbäder"

Aber auch mehr Aufmerksamkeit hilft nur, wenn Kinder früh genug mit dem Wasser in Kontakt kommen. "Das Grundproblem sind wirklich die Schwimmbäder", sagt Nina Fiedler, die Präsidentin der Schwimmgemeinschaft EWR Rheinhessen Mainz, in der Mathis Schönung aktiv ist. Das gelte auch im Hinblick auf die aktuelle Corona-Situation. Zwar kriege ihr Verein in dieser Hinsicht viel Unterstützung von den Verbänden, das helfe aber nur bis zu einem gewissen Punkt: "Am Ende des Tages muss uns trotzdem ein Schwimmbad die Türen öffnen." Und genau das passiert momentan nicht.

Für Schönung geht es deshalb auch in der nächsten Zeit frühmorgens nach Wiesbaden. Dort öffnet nämlich ein Bad seine Türen für die Schwimmer - damit Nachwuchstalente wie Schönung möglicherweise in Paul Biedermanns Fußstapfen treten können. "Ich hätte das alles damals nicht geschafft ohne ein tolles Team um mich herum - und natürlich auch Schwimmmöglichkeiten", so Biedermann. "Deswegen ist es umso wichtiger, dass für die Talente von morgen ähnliche Bedingungen herrschen."

Die Bedingungen sind für Mathis Schönung derzeit schwierig, der Aufwand enorm. Der ehemalige Weltstar Biedermann ist sich aber sicher, dass sich das lohnen wird: "Für mich sind das die Leute, die da früher oder später auch erfolgreich rausgehen werden, weil sie diese ganzen Entbehrungen entgegennehmen und trotz der Umstände eine Lösung finden." Auf die Umstände bei der Suche nach einem Schwimmbad würde Schönung, genau wie viele andere, wohl trotzdem gerne verzichten.

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