Sechs von zehn Grundschulkindern in Deutschland können nicht schwimmen. (Foto: IMAGO, IMAGO / agefotostock)

Es droht der Verlust einer ganzen Generation

Was bringt die Schwimmkurs-Offensive für Kinder in Baden-Württemberg?

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Michael Bollenbacher

Lange Wartelisten, zu wenige Ausbilder, Rückstau durch Corona: Es gibt immer mehr Kinder, die das Schwimmen nicht lernen. In Baden-Württemberg soll ein Sofortprogramm helfen. Ein Überblick.

Die Zahlen klingen alarmierend: 184 Menschen sind in diesem Sommer ertrunken, 24 davon waren Kinder. Das geht aus einem Bericht des WDR-Hintergrundmagazins "sport inside" hervor. So besteht laut des Bundesverbands der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zwischen der Schwimmfähigkeit und der steigenden Zahl der Ertrinkungstoten ein Zusammenhang. Die Corona-Pandemie gilt dabei als Treiber. Viele Anfänger-Schwimmkurse und Kurse an Schulen sind ausgefallen - auch in Baden-Württemberg.

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Sechs von zehn Grundschulkindern in Deutschland können nicht schwimmen

Holger Voigt, Geschäftsführer des Badischen Schwimmverbandes (BSV), kennt diese problematische Entwicklung nur zu gut. Um dem ganzen entgegenzuwirken, wurde im Juni vom Kultusministerium Baden-Württemberg, den beiden Schwimmverbänden im Land und den DLRG-Landesverbänden ein "Corona-bedingtes Sofortprogramm zur Verbesserung der Schwimmfähigkeit" ins Leben gerufen. 900.000 Euro wurden zunächst bereitgestellt, Anfang Juli wurde die Summe um 1,1 Millionen Euro erhöht. "Wir hatten zwei Wochen nach Start schon Anträge für 700.000 Euro auf dem Tisch liegen", sagt Voigt.

"Dieses Sofortprogramm hat mir für meine Kurse sehr geholfen", sagt die DLRG-Schwimmtrainerin Katrin Foschiatti aus Schorndorf. "Die Gemeinde hat mir hier unser Lehrschwimmbecken in den Sommerferien aufgemacht; das heißt, ich konnte so viel Stunden anbieten, wie ich wollte. Ich habe quasi die ganzen Sommerferien sieben Wochen lang Schwimmkurse gegeben."

Corona als Treiber der Nichtschwimmer-Quote

Vereinfacht gesagt: Es gibt zu viele Kinder für zu wenig Schwimmkurse. Die Wartelisten für Anfänger-Schwimmkurse sind endlos lang, der Rückstau durch Corona groß - auch wegen geschlossener Bäder und strenger Hygienevorschriften. So droht eine ganze Generation verloren zu gehen.

Auch das durchwachsene Wetter in diesem Sommer trug zur Entwicklung bei. So gab es laut Holger Voigt viele Gemeinden, die wegen der Witterung lieber zwei Mal überlegten, ob sie ihr Bad überhaupt öffnen. "Wenn das Wetter schlecht ist, wird es schwierig, Anfängerkurse zu geben", so die einfache Formel von Voigt.

Insgesamt haben laut des BSV-Geschäftsführers seit Beginn der Corona-Pandemie allein in Baden-Württemberg rund 100.000 Kinder das Schwimmen nicht gelernt. Im Schnitt können in Deutschland sechs von zehn Grundschulkindern nicht schwimmen.

Rund 26.000 Kindern in drei Monaten das Schwimmen beigebracht

Immerhin: Durch das Soforthilfeprogramm konnte in den letzten drei Monaten in Baden-Württemberg rund 26.000 Kindern das Schwimmen beigebracht werden. Dabei waren 15.000 Kinder in Schwimmvereinen aktiv, 5.000 Kinder wurden bei privaten Anbietern im Wasser geschult und 6.000 belegten DLRG-Kurse. "Ich habe hier Kinder dabei, die vor dem Wasser Angst hatten", sagt Schwimmtrainerin Foschiatti. "Das haben sie jetzt nicht mehr; wir haben jetzt hier lauter Wasserratten."

Auch bei der DLRG beläuft sich die Zahl der Kinder, die während Corona das Schwimmen nicht erlernen konnten, auf rund 70.000 bis 100.000 Kinder. Das berichtet Achim Wiese von der DLRG im WDR-Beitrag. Bundesweit betrachtet komme man mit Schulen und Verbänden laut Wiese "mit Sicherheit auf eine Million Kinder." Daher sei Deutschland auf dem besten Weg, "ein Land der Nichtschwimmer" zu werden.

"Die Zahl der Kinder, die nicht zu sicheren Schwimmern ausgebildet werden konnten, beläuft sich bei der DLRG auf 70.000 bis 100.000"

Zeitmanagement als Hindernis - alle wollen abends ins Becken

Doch was tun? Laut Holger Voigt müssen vor allem mehr Angebote geschaffen werden. Dazu braucht es Ausbilder. Auch von denen gibt es Corona-bedingt deutlich weniger. "Wir haben eine Staffel versucht online auszubilden, aber das ist natürlich nicht dasselbe wie in Präsenz", so Holger Voigt. Auch Sportschulen, wie etwa in Baden-Baden-Steinbach, waren ja geschlossen.

"Händeringend versuchen wir sehr, sehr viele Fortbildungen anzubieten. Übungsleiter sind das Herzstück"

Zudem sieht Voigt das Problem auch gesamt-gesellschaftlich verankert: "Wo früher etwa die Mutter zuhause war und einen Kurs übernehmen konnte, gibt es das heute nicht mehr, da oft beide Elternteile arbeiten. Sprich: Alles ballt sich um 16.30 oder 17 Uhr." Daher müsse man schauen, wo man die Kinder in der Kita, im Kindergarten und in der Schule abhole. So gebe es zwischen 12 und 15 Uhr oft Kapazitäten. Auch Lehrer seien laut BSV-Geschäftsführer heute häufig nicht in der Lage, den Kindern das Schwimmen beizubringen. "Viele Eltern, die nicht schwimmen können, bringen es auch ihren Kindern nicht bei."

Zu viel Ehrenamt

Ein weiterer wichtiger Baustein zur Verbesserung: Ehrenamtliche Tätigkeiten würden häufig nicht ausreichen, es müsse zumindest mehr Mitarbeiter in Teilzeitstellen geben.

Ein generelles Bädersterben gebe es laut Voigt in Baden-Württemberg zwar nicht, doch dort, wo marode Bäder während Corona schließen mussten, würden sie wohl auch nicht mehr geöffnet. "Daher haben etwa auch DLRG-Ortsgruppen den Sommer über geschaut: Wie kommen wir an Wasserfläche?" Sprich, Wasserfläche, die nicht genutzt wird, soll für Schwimmkurse genutzt werden. Aber klar ist: Die Gesamtsituation ist verworren, "es wird immer schwieriger", sagt auch Voigt.

Soziologe: Effekte noch in 20 bis 30 Jahren sichtbar

Der Sportsoziologe Prof. Dr. Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln sieht die Lage kritisch. Im vierten Kinder- und Jugendsportbericht, den Breuer mit herausgibt, zeigen sich verstärkte Prognosen aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen. Er geht vom sogenannten "Kohorten-Effekt" aus. So rechnet Breuer damit, dass die Kinder und Jugendlichen von heute in 20 oder 30 Jahren "mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit entsprechende Schwimmfähigkeiten oder entsprechende Bewegungstechniken können".

Deutschland als Land der Nichtschwimmer? Ein düsteres Szenario. Um das zu verhindern, müssen Lösungen her. Am besten: schnell. Das weiß auch Foschiatti: "Jedes Kind, das schwimmen kann, das ertrinkt nachher nicht und im besten Fall wird es noch ein Rettungsschwimmer."

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