Apnoetauchen (Foto: Tim Oehmigen)

Tauchen | Schwäbischer Grenzen-Tester im Tiefenrausch 93 Meter – in einem Atemzug

Wie tief kann man sinken? Diese Frage stellt sich Apnoetaucher Tim Oehmigen aus Starzach bei Tübingen häufig. Auf den Bahamas hat der Abenteurer nun seine Grenzen ausgelotet – und den deutschen Rekord geknackt.

Sein Zwerchfell wird zu Wackelpudding. Wenn Tim Oehmigen seine speziellen Yoga-Übungen zur Flexibilisierung des Muskels macht, ist das für den Betrachter ein belustigendes, bisweilen auch bizarres Bild. Sein Bauch macht Wellenbewegungen. Wie ein Bauchtanz auf hoher See.

Der 28-Jährige steht in seinem Wohnzimmer in Starzach bei Tübingen. Oberkörperfrei, seinen linken Arm ziert ein großes Tattoo. Ein Abenteurer auf Heimatbesuch. Ansonsten lebt Tim Oehmigen auf den Philippinen und ist auch sonst eher in der großen, weiten Welt zuhause. Die braucht es zum Apnoetauchen – dem Tauchen mit nur einem Atemzug.  

Tim Oehmigen taucht 93 Meter tief – mit einem Atemzug

Vor wenigen Tagen auf den Bahamas: Eingebettet in eine Landschaft, wie sie der liebe Gott nicht schöner zeichnen könnte, liegt ein tiefblaues Loch. Das "Dean's Blue Hole" – eines der tiefsten "Blue holes" der Welt. 202 Meter ist es tief und jedes Jahr im Mai das Tauch-Mekka für Freitaucher. Die Besten der Welt treffen sich dort zum "Vertical Blue", dem renommiertesten Wettkampf der Apnoetaucher-Szene.

Mittendrin: Tim Oehmigen. Bereits im vergangenen Jahr stellte er mit 91 Meter einen deutschen Rekord auf. 2017 knackt er ihn. Er taucht 93 Meter tief, ist mehr als drei Minuten ohne Luft zu holen unter Wasser. An einem Seil geht es runter in die Tiefe. Ab 80 Meter wird es dunkel, erzählt er. Dann hilft nur noch das Seil als Orientierung.

Von Puls 80 auf 35 – vier Minuten atemlos

Zurück in Tims Wohnzimmer unter der Dachschräge. Der 28-Jährige dehnt seine Lungenkapazität über das Normalmaß hinaus. Dann legt er sich auf den Boden und setzt eine Nasenklammer auf.

Nach kurzer Vorbereitung geht es los. Tim Oehmigen hält die Luft an. Innerhalb von vier Minuten sinkt sein Puls von 80 Schlägen auf 35. Ab 40 Schlägen piepst sein Pulsoximeter am Zeigefinger, der Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz anzeigt. Dann ist die Übung vorbei.

Die Lunge schrumpft auf Tennisballgröße

Während der Übung rötet sich Tims Kopf. "Das kommt daher, dass sich die Blutgefäße in den Extremitäten verengen", erklärt der Starzacher. "Der Kopf und das Herz werden dafür mehr durchblutet". In 90 Metern Tiefe schrumpft die Lunge auf ein Zehntel ihres ursprünglichen Volumens. Stetiges Training ist daher zwingend nötig. Eine Übung für den Druckausgleich unter Wasser und für die Balance zwischen Entspannung und Konzentration. "Ein Limit gibt es nicht wirklich", sagt er. Zwar gebe es Limitierungen, aber man müsse eben schauen an was man arbeiten kann, um tiefer zu tauchen.

Ein gefährlicher Sport - wenn Sicherheitsstandards ignoriert werden

Auf die Frage, wie gefährlich der Sport wirklich ist, antwortet Tim Oehmigen: "Es sind schon viele Leute gestorben - allerdings nicht im Wettkampf." Solange man sich an die Sicherheitsstandards halte, sei der Sport sehr sicher. Wenn nicht, sei er sehr gefährlich. Auch die Strömungen unter Wasser können den Tauchgang beeinflussen, erzählt Tim Oehmigen.

Blut und Plasma in der Lunge

Strömungen gibt es beim "Vertical Blue" auf den Bahamas nicht. Aber auch der Schwabe hatte zu kämpfen, verletzte sich an der Lunge und erlitt einen sogenannten "Squeeze". Ein Unterdruck-Barotrauma, durch das ein wenig Blut und Plasma in die Lunge gelangten. Sein gestecktes Ziel von 100 Metern konnte er daher nicht mehr anpeilen. Safety first.

"Die Druckabnahme ist vor allem auf den letzten Metern enorm", sagt Oehmigen. Ab und an werden Apnoetaucher bei Wettkämpfen kurz vor dem Auftauchen bewusstlos. Tim war es noch nie, erzählt er. Aber gerade für den Fall der Fälle sind immer sogenannte "Safety-Tauchern" beim Wettkampf dabei. Zudem sollten man sich immer am Sicherungsseil befestigen und nur bei voller Gesundheit tauchen, rät der Sportler.

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