Simon Tischer (Foto: SWR)

Volleyball | VfB Friedrichshafen Der Mythos vom Bodensee

AUTOR

Seit 1987 spielt der VfB Friedrichshafen durchgehend in der Bundesliga, ist Rekordmeister und auch Rekordpokalsieger. Am Sonntag besiegten die Häfler im Pokalfinale die Volleyball Bisons Bühl. Der 31. Sieg in Folge.

"Im Moment läuft alles super. Ich kann mich nicht beklagen", grinst David Sossenheimer. Der 1,93 Meter-Hüne sitzt auf einem Geländer in der Friedrichshafener Volleyball-Arena. Einige Meter unter ihm trainiert die Jugendmannschaft des VfB Angriffszüge. Immer wieder knallen Schmetterbälle ohrenbetäubend laut auf den Hallenboden. David scheint den Krach gar nicht mehr zu bemerken.

David Sossenheimer wechselte 2016 vom TV Bühl an den Bodensee. Als Vize-Pokalsieger. Ein Jahr später gewann er mit 21 Jahren zum ersten Mal den Deutschen-Volleyball-Pokal. In Friedrichshafen wurde er zum Nationalspieler, durfte in der Champions League aufschlagen. "Es gibt keinen Verein in Deutschland, der annähernd so erfolgreich ist, wie Friedrichshafen", weiß der heute 22-Jährige. "Man ist als Spieler einfach wunderbar aufgehoben hier. Also die Organisation rund ums Volleyball ist superangenehm für einen Spieler", erzählt er. In Friedrichshafen ist man Vollprofi. Auch wenn Volleyball in Deutschland nicht den höchsten Stellenwert genießt - am Bodensee funktioniert es.

Dauer

"Es ist professioneller als woanders"

Ansprechpartner für jede Lebenslage, Auto, Wohnung - der Verein kümmert sich um seine Spieler. "Es ist definitiv professioneller als es woanders ist. Es sind so Kleinigkeiten. Wenn zuhause mal das Licht nicht funktioniert, dann sagt man vor dem Training Bescheid. Und dann geht jemand während dem Training in die Wohnung und repariert das. Du kommst nach Hause und das Licht geht wieder." Das seien natürlich Kleinigkeiten, aber "das ist wichtig für einen Sportler, dass man sich voll und ganz auf den Sport fokussieren kann."

Für einen deutschen Spieler gebe es eigentlich höchstens noch die Volleys aus Berlin, welche eine ähnliche Anziehungskraft ausüben. Friedrichshafen und Berlin. Das 59.000-Einwohner-Städtchen aus dem Süden und die Dreieinhalb-Millionen-Einwohner-Metropole aus dem Osten. Provinz gegen Hauptstadt. Landidylle vom Bodensee und Großstadt-Flair.

Einer, der beides erlebt hat, ist Simon Tischer. Heute Kapitän der Häfler und 2007 dabei, als man als erste und bisher einzige deutsche Mannschaft den Champions-League-Titel nach Friedrichshafen holte. Nach dem Triumph, wechselte der heute 35-Jährige ins Ausland. "Der Titel hat mir die Möglichkeit gegeben, auch mal international Erfahrungen zu sammeln." Thessaloniki, Athen, Ankara, Krasnodar, Lyon - der Zuspieler kennt europäische Metropolen. Dennoch zog es ihn 2014 zurück an den Bodensee. "Man fühlt sich hier einfach unheimlich wohl. Das habe ich in der Gesamtheit in ganz Europa nirgends erlebt", blickt er zurück. "Ich bin froh, dass ich wieder hier spielen darf", lächelt er.

Der Aufschwung zur Volleyball-Großmacht

Simon Tischer erlebt den endgültigen Aufschwung des VfB Friedrichshafen zur Großmacht im deutschen Volleyball hautnah mit. Seinen ersten deutschen Meistertitel mit den Häflern holt er 2005. Der Auftakt zu sieben Friedrichshafener Meistertiteln in Folge. "Das kam aber nicht aus der Luft. Es wurde hier im Verein einfach besser gearbeitet, als bei der Konkurrenz", bilanziert er. Eine Einschätzung, die man oft hört, im Friedrichshafener Umfeld.

Auch Burkhard Sude, Deutschlands erster Volleyball-Exportschlager, sieht das so. "Ich habe ein Jahr in Montpellier gespielt - und dann kam der Anruf vom VfB. Ob ich nicht Lust hätte, hier zu spielen. Der VfB war damals eine Fahrstuhl-Mannschaft, aber es war bekannt, dass noch einige Spieler dazukommen sollten." Man könne hier vielleicht etwas aufbauen, habe er sich gedacht. "Die Region war volleyball-besessen...."

Im Jahr 1991 kommt Burkhard Sude nach Friedrichshafen. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits hochdekoriert: Fünffacher Volleyballer des Jahres, dreimaliger Deutscher Meister mit dem USC Giessen, Nationalspieler - und einer erste deutsche Volleyball-Profis, der in den 80er Jahren den Schritt ins Ausland wagt.

Fahrstuhlmannschaft Friedrichshafen

Zu diesem Zeitpunkt, ist Volleyball in Friedrichshafen ein einziges Auf und Ab. Zwei Bundesliga-Abstiege und drei -Aufstiege erlebt der Verein. Trotzdem kommen mitte der 1980er regelmäßig über 2.000 Fans in die Halle. Das Potential ist da, das Umfeld funktioniert. Mit dem Team um Burkhard Sude stellt sich dann auch der Erfolg ein. "Das war keine große Überraschung", erzählt er heute selbstbewusst. "Wenn sich ein paar gute Spieler zusammenfinden, dann kriegt man auch ein ordentliches Niveau hin. Man hat natürlich auch finanzkräftige Sponsoren gehabt - das spricht sich in Spielerkreisen rum, dass man keine Angst um seinen Lohn haben muss."

Schon im ersten Jahr mit Sude springt der VfB Friedrichshafen in die top Drei der Bundesliga. Und bleibt da auch. Sude selbst beendet sein Engagement am Bodensee 1994. Doch der Grundstein ist gelegt. Drei Jahre später kommt mit dem neuen Cheftrainer Stelian Moculescu endgültig der Erfolg nach Friedrichshafen. 1998 gewinnen die Häfler zum ersten Mal Meisterschaft und Pokal - der Auftakt zu einer jahrzehntelangen Dominanz im deutschen Volleyball. 13 Meistertitel, 15 Pokalsiege, der Super Cup und 2007, als Krönung, sogar die Champions League. "Mit Moculescu kam noch ein Stückweit mehr Professionalität in den Verein", erinnert Sude sich.

Es läuft, im Friedrichshafener Volleyball

Die Ära Moculescu ist seit zwei Jahren vorbei. Mittlerweile leitet der Belgier Vital Heynen die Geschicke am Bodensee. Der Erfolg aber bleibt. "Mir ist es wichtig, dass es immer auch Spaß macht", erklärt Heynen einen Teil seiner Philosophie. 31 Spiele in Folge ist der VfB unter ihm derzeit ungeschlagen. Wettbewerbsübergreifend. Den Pokaltitel gegen David Sossenheimers Ex-Verein Bühl, verteidigten Tischer, Sossenheimer und Co am Sonntag übrigens locker mit 3:0. In der Champions League steht der VfB im Achtelfinale. Überhaupt gaben die Häfler in dieser Saison lediglich sieben Sätze ab. Es läuft, im Friedrichshafener Volleyball. Immernoch...

AUTOR
STAND