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Zweitligavolleyball ist für die Mannschaft der TGM Gonsenheim eine Leidenschaft. Aber es ist nicht ihr Beruf, sie sind alle Amateure. Trotzdem müssen sie trainieren und spielen, während gleichzeitig im Privat- und Berufsleben Kontakte minimiert werden sollen. Das wollen die Gonsenheimer nicht länger hinnehmen.

Manuel Lohmann darf weiter seinem Sport nachgehen. Der Spielertrainer der Gonsenheimer Volleyballer weiß, dass das ein Privileg ist. "Ich kann mich aber über dieses Privileg gerade nicht freuen, es fühlt sich einfach falsch an", sagt er. Die TGM Gonsenheim plädiert für eine Unterbrechung des Spielbetriebs in der 2. Bundesliga Süd. Mit einem offenen Brief an die Liga und ihre Vereine hat Gonsenheim den ersten großen Schritt gemacht, gebracht hat es aber bisher nichts. Die Mehrheit der Vereine spricht sich für eine Fortsetzung der Saison aus.

Das Dilemma zwischen Berufsleben und Volleyball

Keiner der Gonsenheimer Spieler verdient mit dem Volleyballspielen Geld. Alle Spieler gehen einem normalen Beruf nach. Ein Leben in einer "Sportblase", wie zum Beispiel bei Profifußballern, ist überhaupt nicht möglich. Die Spieler versuchen im Job und im Privatleben ihre Kontakte zu minimieren. Im Sport dagegen: Mehrmals die Woche gemeinsames Training, dazu die Spiele gegen fremde Teams am Wochenende. Vor den Spieltagen werden zwar Antigen-Tests gemacht, in den zahlreichen Trainingseinheiten dazwischen allerdings nicht. "Da sind wir wie Freiwild der Infektion ausgesetzt", sagt Lohmann. Und das hat die Mannschaft auch schon zu spüren bekommen: Sechs Spieler wurden bereits positiv auf das Virus getestet und haben teilweise auch Menschen in ihrem Umfeld angesteckt.

"Sportlich ergibt das längst keinen Sinn mehr"

Für die Gonsenheimer ist der Spielbetrieb sportlich schon jetzt nicht mehr sinnvoll. Spiele werden verlegt, weil zum Beispiel die Inzidenzwerte in den Städten zu hoch oder Mannschaften in Quarantäne sind. Es fehlen Spieler, weil sie Kontaktpersonen von coronainfizierten Personen sind, wodurch Mannschaften geschwächt werden. Zudem gibt es ungleiche Trainingsbedingungen, so der Verein in seinem offenen Brief. "Das ist mit Sicherheit irgendwo Wettbewerbsverzerrung", meint Lohmann. Die ganze Mannschaft der TGM Gonsenheim musste zuletzt zwei Wochen in Quarantäne. Danach sollte für die Nicht-Infizierten eine Trainingseinheit ausreichen, um das nächste Spiel zu bestreiten. Für alle Spieler, die sich mit dem Virus infiziert haben, empfiehlt die Liga laut Lohmann einen sportmedizinischen Test vor der Rückkehr in den Spielbetrieb. Der Spielertrainer sorgt sich aber auch um Langzeitschäden, empfindet die Erholungszeit für erkrankte Spieler als viel zu kurz.

"Ich sehe die Liga in der Verantwortung"

Einfach zu den Spielen nicht anzutreten, ist für das Gonsenheimer Team nicht möglich. Das würde den Verein mehrere tausend Euro pro Spiel kosten. Bei einer Saison, die noch bis Ende April läuft, kommt da viel Geld zusammen, das der Verein nicht hat. Viel lieber hätte Manuel Lohmann sowieso, dass die Liga den Spielbetrieb unterbricht: "Sie können sich nicht einfach dahinter verstecken, was die Vereinsverantwortlichen entscheiden." Für Lohmann ist alles, was gerade im Spielbetrieb passiert, konträr zu dem, was in Deutschland mit dem sogenannten "Lockdown-Light" angestrebt wird. Aus gesellschaftlicher Sicht, so der Verein in seinem offenen Brief, sollten Tests in medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen zur Verfügung stehen. Die Spieler würden außerdem an ihren Arbeitsplätzen gebraucht und sollten sich deshalb maximal vor Infektionen schützen.

Klare Forderungen der TGM Gonsenheim

Die TGM Gonsenheim fordert in ihrem offenen Brief, dass der Spielbetrieb ausgesetzt wird, bis die Infektionszahlen wieder unter Kontrolle und Gesundheitseinrichtungen nicht mehr überbelastet seien. Außerdem seien überall offene Trainingsanlagen nötig, damit ein "fairer Wettkampfbetrieb" möglich sei. Dazu solle man abwarten, bis der Schutz der Gesundheit aller Beteiligten wieder hinreichend gewährleistet werden kann und sich erkrankte Spieler wieder vollständig erholt haben. "Eine Pausierung des Spielbetriebs ist keinesfalls ein Eingeständnis von Schwäche, sondern wäre ein Zeichen der solidarischen  Verantwortungsübernahme für unsere Volleyballsportler sowie für alle Menschen in unserem Land", schreibt der Verein.

"Aktuell noch kein Anlass, die Notbremse zu ziehen"

Fabian Kunze, der Geschäftsleiter Medien der Volleyball-Bundesliga (VBL), kann die Ängste von Vereinen wie Gonsenheim auf einer gewissen Ebene nachvollziehen. Am vergangenen Dienstag wurde deshalb vom VBL-Vorstand beschlossen, eine Ausstiegsoption für Mannschaften, "die die Saison nicht fortsetzen wollen oder können", ins Leben zu rufen. So wolle man den "individuellen Situationen der Clubs" gerecht werden. Normalerweise ist die Rückgabe der Lizenz mit einer Strafe verbunden. Die soll nun bis zum 4. Januar 2021 ausgesetzt werden. Strafe gäbe es dann zwar keine, allerdings "ist das mit dem sportlichen Abstieg verbunden", so Kunze im Gespräch mit SWR Sport. Sofern in der kommenden Saison Plätze in der Staffel vorhanden sein sollten, wird für die betroffenen Mannschaften aber ein "erleichterter Wiedereinstieg" möglich sein. Die Teams könnten sich dann um eine Wildcard bewerben.

Der Geschäftsleiter Medien glaubt jedoch auch, dass ein Saisonabbruch für manche Vereine perspektivisch schwieriger sein könnte, als die aktuellen Bedingungen in Kauf zu nehmen. Viele Vereine würden aktuell mit den Hygienevorschriften und Testszenarien ganz gut zurechtkommen. Außerdem sei durch den Sport derzeit keine nachweislich erhöhte Infektionsgefahr gegeben, so Kunze: "Aktuell sehen wir noch keinen Anlass dazu, die Notbremse zu ziehen." Mit der Entscheidung soll auch gewährleistet werden, dass Vereine ihren vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Partnern und Sponsoren nachkommen können.

Finanzielle Zwänge vs. Gesundheit

Auch in Gonsenheim gibt es einzelne Spieler, die gerne weiterspielen würden. Viele andere wollen aber lieber ihr Umfeld schützen, haben beispielsweise Risikopatienten in der Familie. Dass sich die Mehrheit der Vereine für eine Fortsetzung des Spielbetriebs ausgesprochen hat, führt Manuel Lohmann auch auf finanzielle Gründe zurück. Beispielsweise, weil sie Sponsorenleistungen erfüllen müssen. Für Lohmann zählt das nicht: "Wir wollen weiterspielen, weil uns sonst ein Sponsor abspringt – das stellt für mich keinen höheren Wert dar und reicht mir daher als Argument nicht aus, wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht." Es ginge ihm nicht darum, eine Revolution anzuzetteln, sagt Lohmann. "Ich mag meinen Sport. Aber ich finde, dass man ihn im Moment nicht mögen kann, so wie es läuft."

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