Das Deutsche Herren-Team bei der Turn-WM (Foto: Imago, masterpress)

Turnen | WM Erst turnen, dann warten: Geduldsprobe für deutsche WM-Riegen

Die Entscheidung rückt näher, der Druck steigt: Dennoch sind die deutschen Turnerinnen und Turner zuversichtlich, dass sie sich mit dem Heimvorteil im Rücken bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart für Olympia 2020 in Tokio qualifizieren werden.

Schon vor dem letzten Trainingsdurchgang seiner Ex-Kollegen in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle hatte Zaungast Fabian Hambüchen genug gesehen. "Wenn die Jungs in Ruhe ihr Ding durchziehen, werden sie in Tokio dabei sein. Davon bin ich überzeugt", sagte der Reck-Olympiasieger.

Dauer

Heim-Atmosphäre als große Hilfe

Zum ersten Mal seit 20 (!) Jahren müssen sich die deutschen Gerätartisten ohne ihren langjährigen Vorturner bei den am Freitag in Stuttgart beginnenden Weltmeisterschaften ihr Teamticket für Olympia sichern. Und dabei auf den Heimvorteil setzen, den Hambüchen schon vor zwölf Jahren an gleicher Stelle beim Gewinn seines einzigen WM-Titels als große Hilfe empfand: "Das war einfach nur gigantisch."

Stützen fehlem im Männer-Team

Damals wie heute stand Andreas Hirsch als Chefcoach neben der Turnmatte, nur fehlt dem Berliner diesmal nicht nur Hambüchen als Zugpferd, sondern auch Marcel Nguyen als Routinier und Stabilisator. Der zweimalige Barren-Europameister ist nach einer Schulteroperation ebenfalls nur Zuschauer, was Hirsch durchaus Sorgen bereitet. "Marcel fehlt uns wirklich. Wir müssen uns taktisch etwas einfallen lassen. Aber das Lösen von Problemen macht mir ja bekanntlich Spaß", sagte der Bundestrainer.

"Jetzt-erst-recht-Stimmung"

Wichtiger denn je ist nunmehr die Verfassung von Andreas Toba. Der "Hero de Janeiro" der Sommerspiele 2016 soll und wird die Riege nach dem Nguyen-Ausfall zusammenhalten. Der Hannoveraner hat nach eigenem Bekunden eine ausgeprägte "Jetzt-erst-recht-Stimmung" in der Truppe ausgemacht. "Nach der Verletzung von Marcel sind wir noch mehr zusammengewachsen und fokussiert geblieben. Eigentlich brauchen wir im Wettkampf nur machen, was wir auch im Training machen. Dann wird es gut werden", sagte der 28-Jährige.

Turnen | WM in Stuttgart Das Turn-Team Deutschland Männer

Andreas Toba (Foto: Imago, imago)
Er ist Hannovers Turnstar und der Held von Rio: Andreas Toba. Bei seinem Einsatz bei den Olympischen turnte er trotz eines Kreuzbandrisses am Pauschenpferd und sicherte damit der deutschen Mannschaft die Finalteilnahme. Nach einem starken Sieg im Ländervergleich und einer langen anstrengenden Vorbereitung freut sich der 28-Jährige auf die Heim-WM und will mit dem deutschen Team die Olympia-Qualifikation schaffen. Wenn sie in Stuttgart nicht einen der acht zu vergebenden Plätze erkämpfen können, ist der Traum von Tokio 2020 zu Ende. Seine stärksten Geräte sind das Pauschenpferd und das Reck. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Lukas Dauser ist ein Barren-Spezialist – vor genau drei Monaten hat er sich jedoch einen Mittelhandknochen gebrochen. Der Heilungsprozess verläuft gut beim 26-Jährigen. Als Team-Kapitän will er gemeinsam mit der Mannschaft die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio schaffen. Seine stärksten Geräte sind der Barren und das Reck. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ist Philipp Herder als Ersatzturner mitgefahren. Drei Jahre später gehört er nach der Absage von Marcel Nguyen nun zum Deutschen Team für die Heim-WM in Stuttgart. Seine stärksten Geräte sind Barren und Boden. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Mit seinen 19 Jahren ist Karim Rida der jüngste Turner im deutschen Team der Männer. Mit seinem dritten Platz beim Mehrkampf bei den Finals in Berlin überraschte er viele – auch sich selbst. Cheftrainer Andreas Hirsch schätzt bei Rida seine Perfektion – damit soll er gemeinsam mit dem DTB-Team die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 schaffen. Seine stärksten Geräte sind Boden, Pauschenpferd und Ringe. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Vor drei Jahren ist Nick Klessing Junioren Europameister an den Ringen geworden. An seinem Spezialgerät will er jetzt auch bei der Turn-WM überzeugen und sich gemeinsam mit dem Team für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 qualifizieren. Neben den Ringen sind seine stärksten Geräte Sprung und Boden. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen

Allerdings: Auslosungsbedingt steht dem Quintett des Deutschen Turner-Bundes (DTB) eine lange Zitterpartie bevor. Denn die Hirsch-Schützlinge müssen am Sonntag (19.30 Uhr/SWR Livestream) an die Geräte, erst nach Wettkampfende 24 Stunden später steht fest, ob es für den mindestens erforderlichen zwölften Platz gereicht hat.

Frauen-Team stark besetzt

Dann wissen die deutschen Kunstturnerinnen längst, ob sie dieses Klassenziel erreicht haben. Anders als Hirsch kann dessen Trainerkollegin Ulla Koch personell nahezu aus dem Vollen schöpfen. Die interne Konkurrenz ist so stark, dass sich sogar die ehemalige Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer aus Chemnitz mit der Rolle der Ersatzturnerin anfreunden musste. Lokalmatadorin Elisabeth Seitz kann den WM-Auftakt der DTB-Turnerinnen am Freitag (13.30 Uhr/SWR) kaum noch abwarten. "Vor zwölf Jahren war ich hier als Zuschauerin und kleiner Zwerg im Jugend-Camp dabei. Es war damals für mich unvorstellbar, da unten auf dem WM-Podium zu turnen. Und jetzt habe ich es tatsächlich geschafft", sagte die deutsche Rekordmeisterin im SID-Interview. Für ihre dritte Olympiateilnahme steckt die letztjährige WM-Dritte am Stufenbarren ihre ganz persönlichen Ziele ein wenig nach hinten: "Aber mit einer tollen Übung am Stufenbarren würde ich natürlich nicht nur dem Team helfen, sondern auch selbst ins Finale kommen."

Turnen | WM in Stuttgart Das Turn-Team Deutschland Frauen

Elisabeth Seitz (Foto: Imago, imago)
Elisabeth Seitz vom MTV Stuttgart ist die erfolgreichste deutsche Turnerin. Mit ihrem 22. deutschen Meistertitel bei den Finals in Berlin ist sie alleinige deutsche Rekordhalterin. Die 25-Jährige hat die Olympischen Spiele in Tokio fest im Blick und erhofft sich bei der Heim WM in Stuttgart auch eine Medaille an ihrem Lieblingsgerät dem Stufenbarren (Finale Sa, 12.10., live im Stream auf swr.de/sport). Neben dem Stufenbarren ist sie auch am Boden stark. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Emelie Petz (TSG Backnang) ist erst 16 Jahre alt und gilt als großes Talent im deutschen Team. Aus dem Wohnzimmer in Allmersbach turnte sie sich 2017 mit einer Silbermedaille bei den Europäischen Jugendspielen auf die internationale Bühne. Bei der Heim-WM ist sie eine der fünf Turnerinnen, die das Ticket für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio lösen möchte. Ihre stärksten Geräte sind Sprung und Stufenbarren. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Bei der Heim-WM in Stuttgart dabei zu sein, ist für Kim Bui eine große Ehre. Denn bereits vor zwölf Jahren, als die WM 2007 ebenfalls in Stuttgart Station machte, war Kim Bui dabei, allerdings nur als Ersatzturnerin. Jetzt wird die mehrfache deutsche Meisterin die deutsche Mannschaft als Teamseniorin anführen. Ziel ist es unter die besten zwölf Nationen zu kommen, um bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 dabei zu sein. Neben dem Turnen schreibt Kim Bui gerade an ihrer Masterarbeit in Technischer Biologie. Ihre stärksten Geräte sind Stufenbarren und Boden. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Sophie Scheder ist nach einer langen Verletzungspause zurück im Team und will mit der Mannschaft die angestrebte Qualifikation für Olympia schaffen. Seit ihrer olympischen Bronzemedaille in Rio 2016 war Scheder oft verletzt – die Nominierung kam daher überraschend. Ihre Trainerin Gabi Frese trainierte auch lange Zeit Ersatzturnerin Sophie Schäfer – doch es kam zum Zerwürfnis. Daher wird die Heimtrainerin der Chemnitzerin Scheder bei der Heim-WM in Stuttgart nicht mit dabei sein. Ihre stärksten Geräte sind der Stuffenbarren und der Schwebebalken. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen
Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin war Sarah Voss mit insgesamt drei Titeln die erfolgreichste deutsche Turnerin. Mit ihren 19 Jahren sicherte sich die Kölnerin einen festen Platz im DTB-Team um bei der Heim-WM das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio zu lösen. Die stärksten Geräte der 19-Jährigen sind Sprung und Schwebebalken. Imago imago Bild in Detailansicht öffnen

Simone Biles: In anderen Sphären

Ähnliche Ambitionen hegt aber auch Teamkollegin Sophie Scheder aus Chemnitz, Olympia-Dritte 2016 am Doppelreck. Auch die Frauen müssen nach ihrem freitäglichen Auftritt bis Samstagabend auf das Endergebnis warten, nicht nur für Koch eine nervenaufreibende Angelegenheit. "Uns erwartet eine emotionale Achterbahnfahrt", sagte die 64-Jährige dem Reutlinger General-Anzeiger. Solche Probleme kennt Simone Biles nicht. Die Qualifikation für alle erreichbaren Finalwettbewerbe steht für die Rekord-Weltmeisterin aus den USA nahezu außer Zweifel. Und fast nebenbei möchte sich die 22-Jährige mit jeweils einem "Biles" am Schwebebalken und am Boden in der Turnhistorie verewigen.

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