Marcel Nguyen (Foto: Imago, imago images / Schreyer)

Turnen | Turn WM Stuttgart Nguyen: Traum von der Heim-WM in Stuttgart geplatzt

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Der nächste Nackenschlag für die deutschen Turner: Marcel Nguyen von der KTV Straubenhardt fällt mit einer Schulterverletzung für die Heim-WM in Stuttgart aus.

Marcel Nguyen kann sich nicht mal mehr hängen lassen. Nicht am Reck und schon gar nicht an den Ringen. Die linke Schulter hält nicht - die Supraspinatussehne, die wichtigste Sehne im Muskelring, der das Schultergelenk bewegt, ist verletzt. Selbst das einfachste Armheben tut dann weh. Beim Ringeturnen, am Reck und am Barren, wo Marcel Nguyen immer noch Topleistungen bringt, ist die Belastung auf das Schultergelenk enorm groß. Bei einem Trainingswettkampf dann die Gewissheit: Die Schulter hält nicht mehr.

"Dies war die schwerste Entscheidung meiner Karriere. Die Einheiten in Kienbaum haben aber gezeigt, dass eine WM-Teilnahme leider keinen Sinn macht und ich auch unserem Team nicht so helfen kann, wie ich es mir gewünscht hätte."

Marcel Nguyen über die Absage bei seiner Heim-WM
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Hoffnung bis zuletzt

So könne er dem Team nicht helfen, sagte Nguyen. Bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin Anfang August hatte sich Nguyen schon an die Ringe gequält, geturnt obwohl er an diesem Gerät kaum trainiert hatte. Beim Länderkampf am vergangenen Wochenende pausierte Nguyen, saß mit Freundin Michelle Timm ganz am Rand und schaute zu. „Ich bin in vier Wochen fit und turne an vier Geräten“, sagte er noch optimistisch, wohl wissend, dass nicht er, sondern sein Körper die Entscheidung trifft.

Teamgeist statt Ego-Show

Der Ausfall von Marcel Nguyen ist ein schwerer Rückschlag – für ihn persönlich, aber auch für das deutsche Turn-Team. Nguyen ist einer der wichtigsten Punktelieferanten im Team, ein Spezialist beim Bodenturnen, an den Ringen und am Barren. Nguyen wollte für die Mannschaft turnen, helfen, dass sich das Team für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert. Dafür hätte Nguyen seine persönlichen Ziele zurückgestellt, sich vielleicht doch nochmal für ein WM-Finale zu qualifizieren.

Die einzige Chance

Es gibt nämlich nur diesen einen Wettkampf, bei dem das Ticket für Tokio vergeben wird. 6. Oktober, 19:30 Uhr in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Platz 12 der Mannschaft ist dafür notwendig. Mit dem Ausfall von Nguyen wird das noch schwerer, als bisher gedacht. Schon im vergangenen Jahr bei der WM in Doha hatte Nguyen beklagt, dass er mit damals 31 Jahren eigentlich keinen Mehrkampf an allen sechs Geräten mehr turnen möchte. Und schon gar nicht am Pauschenpferd. Doch Bundestrainer Andreas Hirsch hat neben dem Deutschen Meister Andreas Toba keinen, der an allen sechs Geräten konstant, verlässlich und auf Topniveau turnt. Der Berliner Lukas Dauser verletzte sich beim Länderkampf vergangenen Samstag in Backnang, wird nach SWR-Informationen vermutlich dennoch an vier Geräten turnen können.

„Das ist natürlich für Marcel ein herber Rückschlag. Und ich wünsche ihm baldige Genesung auf dem Weg nach Tokio. Ich hoffe, dass die Mannschaft eine gewisse Trotzreaktion zeigt und ihre Chancen wahrnimmt“.

DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam

Wer kann ihn ersetzen?

Teamkollege Karim Rida, bei den Deutschen Meisterschaften überraschend Dritter im Mehrkampf, hat kaum internationale Erfahrung, bezeichnet sich selbst als eher ängstlichen Turner. Wie er vor 6.000 Zuschauern in der ausverkauften Schleyer-Halle turnen wird, wenn es bei jeder Übung darauf ankommt, keinen Fehler zu machen?

Für Nguyen wird Philipp Herder ins Team rutschen. Der Berliner lag bei den Deutschen Meisterschaften bis zum vorletzten Durchgang auf Titelkurs. Herder turnt weniger spektakulär, unauffällig, aber meist fehlerfrei. Doch über allem steht die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio – Einzelinteressen? Nebensache.

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