Lena Dieter (Foto: SWR)

Sporthelden 2019 | Triathlon Lena Dieter - Triathlon ohne zu Sehen

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Lena Dieter aus Viernheim macht Triathlon. Im vergangenen Jahr wurde die 22-Jährige Vierte bei den Weltmeisterschaften in Rotterdam, Dritte bei den Europameisterschaften in Kitzbühel. Das besondere - Lena Dieter ist von Geburt an blind.

In Viernheim kennt sich Lena Dieter aus. Orientierungsprobleme hat sie in ihrer Heimatstadt keine, auch dank ihres jahrelangen Orientierungs – und Mobilitätsunterrichts.

"Als ich fünf Jahre alt war, habe ich das Gehen mit dem Stock gelernt und so dann eben auch die Wege in der Stadt kennengelernt. Da gibt es speziell ausgebildete Trainer oder Lehrer, die das unterrichten. Und dann bin ich irgendwann alleine zur Grundschule, beziehungsweise später ins Gymnasium, gegangen, deswegen kenne ich mich hier gut aus", erzählt Lena Dieter, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Alleine zur Uni? - kein Problem!

Auch den täglichen Weg zur Universität nach Mannheim bewältigt die 22-jährige Leistungssportlerin natürlich alleine. Englisch und Französisch im sechsten Semester studiert die angehende Gymnasial-Lehrerin, die auch in der Unibibliothek dank technischer Unterstützung bestens zurechtkommt. Dazu kommt bei ihr eine gehörige Portion Fleiß. 

"Es gibt bestimmt noch fleißigere. Also ich schau schon, dass ich jeden Tag trainiere, das ist mir auch wichtig. Aber außerhalb des Trainings mache ich schon viel für die Uni", erzählt Lena, die als Triathletin natürlich sowieso schon strukturiert sein muss, um den straffen Tagesablauf zu meistern.

Lena Dieter (Foto: SWR)

Gemeinsam stark

Wir treffen sie gemeinsam mit ihrer Schwester Luise in einem Café in Viernheim. Die zwei Jahre jüngere Luise ist ebenfalls von Geburt an blind. Vielleicht ist dies mit ein Grund, dass die beiden Schwestern auch ziemlich beste Freundinnen sind.

"Wir sind schon eng miteinander verbunden und machen viel gemeinsam. Und Lena unterstützt mich, wo sie kann. Und das versuche ich natürlich bei ihr auch", erzählt Luise Dieter, die lange intensiv Judo betrieben hat.

Lena Dieter (Foto: SWR)

Zwischen Hörsaal und Schwimmbecken

Dass die Schwestern sich gemeinsam zu einem Kaffee treffen ist dennoch selten, denn außerhalb von Uni und Training hat Lena Dieter nur sehr wenig Zeit. Sie trainiert nahezu jeden Tag. Zweimal pro Woche in der Schwimmhalle, da kann sie sich ohne Hilfe und ohne Guide anhand der sogenannten Wellenbrecher orientieren und ihre Bahnen ziehen.

Auch wenn sie da durchaus immer mal wieder mit dem Kopf an den Beckenrand knallt, weil sie gedanklich beim Studium ist, erzählt sie. Mehrmals die Woche trainiert sie auch mit einem Guide, der sie, nur mit einem Band an den Handgelenken verbunden, durch den Wald führt oder im Stadion Runde um Runde laufen lässt.

"Es ehrt mich immer wieder, wenn der Guide vergisst eine Stufe oder eine Wurzel anzusagen, weil er vergessen hat, dass sich blind bin. Und wenn ich dann stürze, dann tut es der Person immer wahnsinnig leid und ich muss meistens nur lachen", erzählt uns Lena schmunzelnd.

Im Sommer hatten wir Lena Dieter beim Wettkampf in Ladenburg begleitet. Ein Triathlon über die Sprintdistanz. 500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer laufen.

Lena Dieter (Foto: SWR)

Mit der Mama ins Ziel

Für Lena war es ein gutes Training mit viel Spass, denn ihre Mutter Andrea war an diesem Tag ihr Guide. "Ich habe eine Löwen Mama, die immer alles für mich tut und für mich kämpft, ich finds cool mit der Mama und freu mich auf den Wettkampf", sagte sie uns und ging an den Start.

Beim Fahrradfahren hat sie noch Defizite, verrät sie uns. Da muss sie über den Winter auf der Rolle Gas geben und trainieren. Und dennoch, um als blinder Mensch schnell Rad zu fahren, bedarf es jeder Menge Mut und einer gehörigen Portion Körperbeherrschung.

Lena, die hinten auf dem Tandem sitzt, hat ein bemerkenswert gut geschultes Gleichgewichtsgefühl und muss sich bei Richtungswechseln immer anhand der Anweisungen des vorne sitzenden orientieren. Die Zielzeit war letztlich Nebensache, der Mutter - Tochter - Tag stand im Vordergrund.

"Wenn du mich nicht motiviert hättest, hätte ich gesagt, ich höre auf, hab keine Lust mehr", sagt Mutter Andrea im Ziel mit einem Grinsen. Die beiden verstehen sich bestens. Übrigens, auch Schwester Luise war an diesem Tag mit dabei und hatte die beiden angefeuert.

Bachelor oder Paralympics?

Für Lena steht nächstes Jahr die Bachelorarbeit an. Dann soll der Fokus noch einmal auf die Paralympics 2024 in Paris gerichtet werden. So war der ursprüngliche Plan. Doch nun soll vielleicht doch alles ganz anders laufen.

"Ich habe derzeit einen sehr motivierten Guide, der sich freuen würde, wenn es schon zu den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio klappen würde. Im Juni nächstes Jahr ist die Qualifikation, vielleicht schaffen wir es, wenn alles gut läuft. Ich hätte darauf natürlich auch große Lust", erzählt Lena, die dann vielleicht ihre Bachelorarbeit um ein Semster nach hinten verschieben würde.

Oder auch nicht! Lena Dieter ist so fleißig und motiviert, dass sie wahrscheinlich beides schaffen würde. Studienabschluss und Olympia-Qualifikation. Deshalb ist sie für mich ein wahre Sportheldin.

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