Special Olympics Teilnehmer Hartmut Freund an der Tischtennisplatte (Foto: SWR, Fritz Neuscheler)

Tischtennis | Special Olympics Tischtennisspieler Hartmut Freund - mit scharfem Kakao zu den Special Olympics

Hartmut Freund ist Tischtennisspieler, trainiert an sieben Tagen in der Woche - und das trotz Schwerbehinderung. Ab dem 14. März tritt er für Deutschland bei den Special Olympics in Abu Dhabi an.

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Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
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SWR Fernsehen BW

"Willst Du nicht mal einen Schluck aus der Pulle?", fragt Norbert Freund seinen Bruder. "Oooh jaa", ruft Hartmut Freund enthusiastisch zurück: "Sehr gut, sehr sehr gut. Trinken ist wichtig!". Hartmut hat das Trinken schon wieder vergessen. So sehr ist er in seine Welt versunken, wenn er an der Tischtennisplatte steht. "Jetzt ist genug, Hartmut", sagt Norbert und nimmt Hartmut die Flasche aus der Hand.

"Hartmut merkt oft nicht, dass er durstig ist. Und er weiß auch nicht, wann er genügend getrunken hat. Das muss ich ihm dann auch sagen", lächelt Norbert Freund. Sein Bruder Hartmut ist derweil längst wieder an der Platte und übt Aufschläge. Die "Scharfe Annette" und den "Scharfen Kakao" - Tischtennisfachbegriffe kann er sich nicht merken, dafür aber Namen seiner Freunde oder eben das Lieblingsgetränk. Deshalb werden die Aktionen "codiert". So verbindet Hartmut seinen Alltag mit dem Sport.

Sauerstoffmangel führt zu schwerer Behinderung

Hartmut wird am 29. Januar 1968 als Zwilling geboren. Was genau schief läuft, in der Nacht der Geburt, ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Mutter Edeltraud Freund ist sich aber sicher: Sauerstoffmangel - die Hebamme sei eingenickt gewesen, der Arzt nicht rechtzeitig vor Ort. Hartmuts Bruder Holger hat damals Glück im Unglück, kommt ohne schwere geistige Behinderung davon - nicht aber Hartmut.

Bei Hartmut Freund wirkt der Sauerstoffmangel schwer: ein IQ von 46, außerdem diagnostizieren die Ärzte "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Autismus. Ein Kind also mit Schwerbehinderung - für die junge Familie Freund eine Zerreißprobe.

Inklusion in den 70ern

In den 1970er Jahren ist "Inklusion" ein Fremdwort, die Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft noch nicht sonderlich ausgeprägt. Dennoch bemüht sich Familie Freund nach Kräften, Hartmut ein normales Leben zu ermöglichen. "Wir haben ja wirklich alles versucht", erzählt Mutter Edeltraud heute. "Wir wollten, dass er auf eine bessere Schule gehen kann." Eine Schule, die nicht lediglich eine "Aufbewahrungsstätte" sei, wie sie sagt. Am Ende ziehen die Freunds sogar einen Anwalt hinzu - mit Erfolg. Hartmut wechselt in eine für ihn bessere Einrichtung. Auch später treiben Vater Gregor, Mutter Edeltraud und Hartmuts großer Bruder Norbert die Integration voran. Hartmut arbeitet mit Hilfe seines Vaters jahrelang in einer Metallfirma und bedient eine Strahlmaschine - mit Festanstellung. Für einen geistig stark eingeschränkten Mann sehr unüblich zur damaligen Zeit.

Hartmut Freund, Special-Olympics-Teilnehmer, an der Tischtennisplatte (Foto: SWR, Fritz Neuscheler)
Fritz Neuscheler

Heute arbeitet Hartmut Freund nicht mehr in der Firma - heute spielt er Tischtennis. "Ich habe irgendwann bei unserem Cousin mit ihm gespielt", erinnert sich Norbert Freund. "Und es hat ihm Spaß gemacht." Bald habe man im eigenen Keller einen Hobbyraum eingerichtet und eine Tischtennisplatte aufgestellt. Und Hartmut spielte, spielte und spielte. Irgendwann auch im Verein.

Mittlerweile haben die Freunds auch eine Ballmaschine im Keller stehen, die Hartmut die Bälle zuspielt. So kann er auch alleine trainieren, wenn die Familie keine Zeit hat. "Bei uns dreht sich ja alles um Tischtennis. Das ist schlimm. Ich würde ja auch gerne mal wieder zum Tanz gehen, aber mein Mann ist ja immer nur in der Halle", beschwert sich Edeltraud Freund halb im Spaß, halb ernsthaft. Tatsächlich bestimmt das Tischtennis-Spiel von Hartmut Freund den Familienalltag. Norbert kündigte vor einigen Jahren sogar seinen Job bei der Saarbrücker Zeitung, um für seinen Bruder da zu sein. Mutter Edeltraud ist 77 Jahre alt, Vater Gregor bereits 82. Und die Pflege raubt Kraft.

Training in sechs verschiedenen Tischtennis-Vereinen

TTC Bietigheim-Bissingen, TSG Reutlingen Inklusiv, BSV Walldorf, die Liste von Vereinen, in welchen Hartmut heute aufschlägt, ist lang. Für insgesamt sechs Tischtennis-Clubs steht Hartmut Freund mittlerweile an der Platte, trainiert mit, bestreitet Wettkämpfe. Unzählige Meisterschaften hat Hartmut bereits gewonnen - auch wenn er bei Spielende nie weiß, wer denn nun der Sieger ist. Denn zählen kann Hartmut nicht. Hartmut spielt mittlerweile auf der ganzen Welt, holt Trophäen in Frankreich, Thailand oder Ecuador - immer begleitet von Gregor und Norbert. Auf Facebook hat Hartmut Freund fast 3.000 Follower. Er ist ein kleiner Promi im deutschen Behindertensport.

Der geistig behinderte Tischtennis-Sportler Hartmut Freund nutzte seinen Start bei den Europaspielen in Paris nicht nur zum Gewinn der Bronzemedaille im Herren-Einzel, sondern ließ es sich auch bei einer Bootstour auf der Seine gutgehen. Immer mit dabei natürlich sein Vater und - wie es im Teilnehmerausweis hieß -"daily life assistant" Gregor Freund.

"Grundstellung, Hartmut. Nicht alles nach links, Hartmut", korrigiert Hartmut Freund sich selbst. "Jaah, gut, Danke gleichfalls", freut er sich über eine gelungene Aktion. Dann ruft sein Bruder Norbert ihn wieder zur Pause. "Trinken ist wichtig", sagt Hartmut wieder. "Ja. Sehr gut, sehr sehr gut!"

Am 14. März wird Hartmut Freund in Abu Dhabi bei den Special Olympics an den Start gehen. Einer Veranstaltung nach Vorbild der Olympischen Spiele, nur für geistig Behinderte. Hartmut tritt dort gemeinsam mit seinem nicht-behinderten Doppelpartner Heinrich Schullerer im Unified Doppel an. "Das sind dort richtig starke Gegner", sagt Heinrich am Rande des Trainings. "Dort müssen wir Gas geben", sagt er. "Jaah, ja, Gas geben. Gas geben, weil wir Gas geben müssen", bestätigt Hartmut. Dann lächelt er. Und geht zurück zur Tischtennisplatte. Weiterspielen.

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