Gotsch (Foto: SWR, SWR)

Tischtennis | Qianhong Gotsch Unbesiegt mit 50 - Das Böblinger Tischtennis-Märchen

AUTOR/IN

Sie ist schnell, erfolgreich und in dieser Saison noch unbesiegt. Qianhong Gotsch vom SV Böblingen hat in dieser Saison noch kein Bundesliga-Spiel verloren. Dabei ist sie schon 50 Jahre alt.

"Heute ist es besonders kalt bei Bärbel aus llll"

mehr dazu auf Twitter

Qianhong Gotsch lässt den kleinen weißen Ball dreimal auf dem Boden auftippen. Dann hält sie das runde Plastik kurz in ihrer flachen Hand und blickt auf ihre Gegnerin. Ein schneller Schwung mit der Rückhand, und der letzte Ballwechsel der Partie ist gestartet. Er dauert sechs Sekunden.

Mit einem lauten "JA!" und einer geballten Faust quittiert Qianhong Gotsch den Aufprall des Balles auf dem Hallenboden. Wieder ein Sieg. Der achte, im achten Spiel. Die Defensivspielerin des SV Böblingen bleibt also auch an diesem Wochenende unbesiegt in der Tischtennis-Bundesliga. Und das, obwohl Qianhong Gotsch bereits 50 Jahre alt ist.

"Ich fühle mich wie 20"

"Ich möchte eigentlich nur für mich selbst spielen", lächelt Gotsch. "Ich möchte gerne sehen wie weit ich noch komme, wie weit ich noch spielen kann. Es macht mir einfach noch viel Freude." Qianhong Gotsch sieht nicht aus wie 50. Und sie fühlt sich auch nicht so. "Eher wie 25 oder sogar wie 20. Deswegen kann ich auch noch gegen junge Leute gewinnen", lacht sie.

1991 kam die damals 21-Jährige gebürtige Chinesin zum Tischtennis-Verein SV Böblingen, um in der Bundesliga zu spielen. "Ich konnte damals weder Deutsch noch Englisch, das war schon eine schwierige Zeit", erinnert sie sich heute. "Aber ich bin dann auf die Volkshochschule gegangen und habe angefangen Deutsch zu lernen." Kurze Zeit später lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen: Ingo Gotsch, der damals ebenfalls sehr erfolgreich in der Tischtennis-Bundesliga aufschlägt. Gemeinsam leben sie heute im schwäbischen 12.000-Einwohner-Ort Gärtringen. Ein großer Gegensatz zu Qianhongs Geburtsstadt Tjanjin: "Dort leben ungefähr 17 Millionen Menschen. Das ist schon ein bisschen größer als Gärtringen. Aber ich genieße die Ruhe hier sehr." So sehr, dass sie mittlerweile sogar im Gemeinderat von Gärtringen sitzt.

Karrierehöhepunkt EM 2000

Ihre erfolgreichste Zeit hatte Qianhong Gotsch zwischen den Jahren 1998 und 2000. Mehrfach gewann sie Turniere auf der Pro-Tour, wurde Deutsche Meisterin und krönte ihre Karriere mit einem fünften Platz bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney sowie dem Gewinn der Europameisterschaft im selben Jahr. Auf der Weltrangliste stand sie damals auf dem vierten Platz. "Der Europameistertitel war der Schönste", erinnert sie sich heute. Jahrelang hatte sie zuvor versucht, einen deutschen Pass, sowie eine Spielberechtigung für die deutsche Nationalmannschaft zu bekommen, verpasste auch deshalb die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1996.

Gotsch (Foto: Imago, imago)
Imago imago

Nach dem EM-Titel 2000 beendete Gotsch ihre Karriere. "Ich wollte Kinder. Und ich war damals schon über 30. Deshalb habe ich für ein paar Jahre aufgehört." Doch nun seien die Kinder alt genug: "Jetzt habe ich wieder mehr Zeit. Und da dachte ich, da geh ich wieder ein bisschen Tischtennis spielen."

Die chinesische Mauer

Dass ihr Ehemann auch gleichzeitig ihr Trainer ist, erleichtert natürlich vieles. "Im Prinzip bringt sie den Ball zurück wie eine chinesische Mauer", grinst Ingo Gotsch. "Irgendwann kommt dann der überraschende Angriffsschlag und die junge Spielerin schaut dem Ball hinterher." Dass es mittlerweile vorkommen kann, dass Qianhongs Gegnerinnen noch nicht einmal geboren waren, als diese ihren EM-Titel gewann, ändert daran nichts. "Die wissen das", freut sich Qianhong Gotsch. "Und sie haben da wirklich Respekt davor."

Ans Aufhören denkt die 50-Jährige jedenfalls noch nicht. Sie möchte weiterspielen, so lange es noch Spaß macht. Und so lange der sportliche Erfolg passt. "Eigentlich sollten die Jungen mich jagen, aber im Moment jage ich die Jungen", lächelt sie verschmitzt. Für ein paar weitere Jahre wird der Atem von Qianhong Gotsch also bestimmt noch reichen.

Dauer
AUTOR/IN
STAND