Masataka Morizono schlägt auf (Foto: Imago, Revierfoto)

Tischtennis | Bundesliga Grünwettersbach goes USA - Ein Dorf zieht gen Westen

Der ASV Grünwettersbach ist ein Stadtteil-Verein aus Karlsruhe. Neben Sportarten wie American Football, Turnen und Kampfsport unterhält der 4.000-Einwohner-Ort auch eine Tischtennis-Abteilung - die in der Bundesliga aufschlägt. Nun steht für die Badener ein besonderes Spiel an: Die Bundesliga-Partie gegen den Post SV Mühlhausen wird in Washington D.C. ausgetragen.

Wer mit dem Auto durch Grünwettersbach fährt, fühlt sich in einen alten Heimatfilm zurückversetzt. In einem flachen Tal gelegen, zieht sich die ehemals eigenständige Gemeinde zu beiden Seiten einen Hang hinauf. Fachwerkhäuser, abgelaufene Pflasterstraßen, roter Backstein. Grünwettersbach ist badisches Land-Idyll. Grünwettersbach ist aber auch deutsche Tischtennis-Elite. Seit dem Jahr 2015 gehört der ASV Grünwettersbach der Tischtennis-Bundesliga an - einer der stärksten Ligen der Welt.

Im Zwei-Wochen-Rhythmus schlagen die Tischtennis-Stars des ASV in heimischer Halle auf - und das "Dorf" ist auf den Beinen. Die mit 400 Plätzen ausgestattete Tischtennishalle platzt dann aus allen Nähten. Man könnte noch mehr Tickets verkaufen - allein, es ist kein Platz mehr. "Wir haben schon eine große Fangemeinde", sagt Armin Freiburger, der Leiter der Tischtennis-Abteilung des ASV. "Wenn man die Autoschilder anschaut... Aus 200 bis 300 Kilometern kommen die her. Und durch Livestreams werden wir in ganz Europa übertragen."

"Die kommen aus zwei- bis dreihundert Kilometern"

Armin Freiburger

Armin Freiburger ist das Urgestein der Tischtennis-Abteilung. Weiße Haare, weißer Bart, dunkelgrauer Anzug. In der Halle kennt ihn jeder. Gemeinsam mit dem Gesamtvorsitzenden Peter Schorle begrüßt er am Spieltag die Zuschauer. Per Handschlag. Schorle steht dem Gesamtverein ASV Grünwettersbach mittlerweile seit acht Jahren vor. "Eine meiner wichtigsten Maßnahmen war die Abschaffung der Herren-Fußballabteilung", erzählt Peter Schorle früher am Tag. Er geht über das alte Fußballfeld des Vereins. Von Damenfußballern wird es noch genutzt. Und vom Football-Team. Im Hintergrund thront das Wahrzeichen von Grünwettersbach: Der Fernsehturm.

"Die Fußballer haben in der untersten Liga gespielt. Und auch dort verloren. Trotzdem hatten wir bezahlte Spieler. Das war für den Verein einfach nicht leistbar", erzählt er. Leicht gewesen sei das nicht, natürlich hätten sich viele im Ort dagegen gewehrt. Der mittlerweile große Erfolg der Tischtennis-Abteilung allerdings entschädigt wohl für den Verzicht auf den rollenden Ball. Mit Nationalspielern wie Ricardo Walther oder dem japanischen Vize-Weltmeister Masataka Morizono besteht der Grünwettersbacher Kader auch längst aus international erfolgreichen Spielern. Das fällt auf. Mittlerweile sogar in den USA.

Grünwettersbach goes USA

Da der Grünwettersbacher Hauptsponsor das Tischtennis nun auch in den Staaten populärer machen möchte, lud man den ASV kurzerhand zu einem Promo-Event in die USA ein. Um dort öffentlichkeitswirksam ein Bundesliga-Spiel auszutragen. Am 24. November trifft der ASV aus dem kleinen 4.000-Einwohner-Ort Grünwettersbach nun also auf den Post SV Mühlhausen - immerhin 35.000 Einwohner - und kämpft um Bundesliga-Punkte. Um Tischtennis auf Weltniveau zu präsentieren. In Washington D.C....

"So etwas gab es, glaube ich, noch nie", überlegt ASV-Athlet Ricardo Walther nach dem Spiel gegen Rekordmeister Borussia Düsseldorf. "Ich glaube, es gab es noch nie, dass man ein Bundesliga-Match überhaupt außerhalb von Deutschland gespielt hat. Aber ich denke, dass es eigentlich eine gute Sache ist." Die Aufmerksamkeit und Vermarktung steht im Mittelpunkt. Für den Sport und den Verein. Dass Spieler wie Walther in der Weltspitze mithalten können, hilft da natürlich. 2017 konnte er mit der deutschen Mannschaft EM-Gold gewinnen, bereits vor drei Jahren gewann er sein erstes großes ITTF World Tour-Event. Gegen seinen Nationalmannschafts-Kollegen, Borussia Düsseldorfs Weltstar Timo Boll, verliert er an diesem Tag trotzdem. Im Einzel, nach tollem Kampf, mit 1:3. "Das hatten wir uns natürlich anders vorgestellt", bilanziert er nach dem Spiel lapidar.

Es wird ein Spiel wie jedes andere - nur etwas größer...

Ricardo Walther

Für Ricardo Walther und seine Teamkollegen gehe es in Washington zwar vorrangig um Bundesliga-Punkte, sagt er, dennoch solle aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Ein NBA-Spiel, ein Football-Spiel, eventuell sogar Eishockey - und ein bisschen Shopping am sogenannten "Black Friday". Klingt nach Freizeitstress für die Grünwettersbacher Tischtenniscracks.

"Der Fokus liegt trotzdem auf dem Spiel", grinst der 21-jährige Dang Qiu. "Ricardo wird sich aber wohl noch ein NBA-Spiel anschauen und ein Eishockey-Spiel, aber das kann nicht jeder machen. Sonst würden ja alle Spieler beim Turnier fehlen." Nach dem Bundesliga-Spiel heißt nämlich vor dem Turnier. Direkt im Anschluss an die Bundesliga, am Samstag, treten die Grünwettersbacher beim "North American Teams"-Turnier an. Das findet ebenfalls in Washington statt und könnte das Reisebudget ein bisschen aufstocken. 15.000 Euro erhält das Sieger-Team. Ein zusätzlicher Ansporn, weiß der Leiter der Tischtennis-Crew, Martin Werner: "Wir haben ihnen gesagt, ihr könnt Euch ein bisschen Taschengeld verdienen. Die sind alle hellauf begeistert", lacht der sympathische Badener.

"Natürlich geht es vorrangig um Punkte"

Auch Martin Werner ist eine Institution in Grünwettersbach. "Die Idee mit Washington kam aus den USA", erzählt er. Das "North American Teams"-Turnier feiert nämlich sein 20-jähriges Jubiläum und in diesem Rahmen wollten die Veranstalter dem Publikum etwas Besonderes bieten. Nachdem die Anfrage gekommen sei, "haben wir sofort gesagt 'cool'. Das machen wir." Die Stimmung im Team sei großartig, meint er: "Als sie gehört haben: Washington! War die erste Frage: 'Wie lang?'", grinst Werner. Eine Woche bleibt das Team letztendlich in der amerikanischen Hauptstadt. Inklusive Einladung der deutschen Botschaft. "Auch wenn die Woche drauf schon wieder ein Heimspiel gegen Werder Bremen ansteht." Natürlich gehe es um Punkte, sagt er. Doch er lacht dabei. In Washington geht es um mehr als Alltag.

Das sieht auch Dang Qiu so. Das Küken im Grünwettersbacher Team betont zwar ebenfalls brav das Credo "Punkte", gibt aber auch zu: "Es wird etwas ganz neues sein. Wir freuen uns alle mega darauf." Der gebürtige Nürtinger mit chinesischen Eltern ist ebenfalls bereits deutscher Nationalspieler - der erste Deutsche, der im sogenannten Penholder-Stil spielt. Die berühmte asiatische Technik, bei welcher der Schläger "andersherum" gehalten wird.

Auch Qius Eltern waren Nationalspieler. Allerdings für China. Vater Qiu Jianxin gewann 1987 sogar die Studentenweltmeisterschaft und auch Mutter Chen Hong zählte zur chinesischen Elite. Nun betreiben sie eine Tischtennis-Schule in Nürtingen. Auf Dang Qius eigener Ehrentafel steht mittlerweile unter Anderem ein zweiter Platz bei den U21-Europameisterschaften im Einzel. Ein großes Talent also. Das sieht sicher auch Deutschlands derzeit bester Tischtennis-Profi so: Timo Boll, der mit Borussia Düsseldorf an diesem Tag einen weiteren 3:0-Sieg einfährt und danach "schnell weg muss", weil er schon wieder auf dem Sprung zu einem weiteren Wettbewerb ist.

"Ich selbst spiele auf so vielen internationalen Turniere, da brauche ich nicht noch unbedingt einen Trip in die Staaten", gibt er lachend zu. Aber die Vermarktung seines Sports in den USA ist auch ihm ein Anliegen. Der ehemalige Weltranglistenerste ist derzeit wieder in absoluter Topform. Mit mittlerweile 36 Jahren zählt der Bronzemedaillen-Gewinner von Rio derzeit wieder zu den absoluten Spitzenspielern der Welt - kein Wunder also, dass ganz Grünwettersbach etwas von ihm abhaben will.

Vielleicht haben sie ja noch etwas Zeit für Sightseeing

Timo Boll

Autogrammwünsche ohne Ende, nachdem die Bundesliga-Partie zu Ende ist. Timo Boll kommt ihnen, trotz Terminstress, gerne nach. Tischtennis ist eine andere Welt. Der Fan zählt noch etwas. Anonym ist anders. Überhaupt ist Grünwettersbach anders. Die Tischtennishalle ist ein umgebautes, ehemaliges Schwimmbad - dort wo früher der Wasserspiegel war, steht heute die Tischtennisplatte. Außenherum sind Tribünen aufgebaut. Bis zu 800 Karten hätte man für die Partie gegen Rekordmeister Düsseldorf verkaufen können, doch mehr als 400 passen einfach nicht hinein.

In jenen Räumen ein Stockwerk tiefer, wo früher einmal Heizungsanlagen und Wasserpumpen des Schwimmbads arbeiteten, liegt heute der VIP-Raum. Großzügige, nach Lounge anmutende Räumlichkeiten, in welchen ein großes Buffet serviert wird. Von Rippchen über Schupfnudeln bis Linzer-Torte, verstecken muss sich das Catering in Grünwettersbach nicht. "Die Leute, die hier unten arbeiten, sind alle Vereinsmitglieder", sagt der Vorsitzende Peter Schorle stolz. Man gibt hier viel auf das Ehrenamt.

3.000 Zimmer gegen 4.000 Einwohner

Die Reise nach Washington wird für den Kader des ASV Grünwettersbach im Übrigen komplett vom Sponsor übernommen. Für Spieler und Betreuerteam, versteht sich."Das war Bedingung", sagt Crew Leiter Martin Werner. "Die restlichen, die mitgehen vom Verein, die bezahlen das aber selbst." Er rechnet sogar mit dem ein oder anderen Fan, der sich nach Washington verirren könnte. "In der Halle, in der das Turnier stattfindet, stehen 140 Tischtennisplatten. Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen, so etwas imposantes zu sehen." Ein bisschen genießen möchte er aber, neben all dem Trubel, auch. "Das gehört, denke ich, auch dazu."

Das Hotel, in welchem die ASV-Athleten in Washington untergebracht sind, verfügt im übrigen über 3.000 Zimmer. Und dürfte damit mehr Einwohner beherbergen als ganz Grünwettersbach. Es ist eben alles ein bisschen größer in Washington. Monument, statt Fernsehturm - Badische Idylle goes West. Grünwettersbach goes USA.

STAND