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Trainingshallen geschlossen, Spielbetrieb eingestellt - der Sport in Deutschland steht still. Nur einer trainiert noch: Musbergs Dreifachweltmeister Frank Stäbler trotzt dem Corona-Virus im umgebauten Hühnerstall. Wir haben Deutschlands besten Ringer besucht.

Den Humor hat Frank Stäbler noch nicht verloren. Als wir seine neu ausgebaute Trainingshalle in Musberg betreten, streckt er uns zur Begrüßung sein Bein entgegen - kein Handschlag. Im "World Camp" Stäbler kickt man sich heute gegen den Fuß. "Wir machen das jetzt so. Sicherheit geht vor", lacht er. Positiv bleiben sei die Devise, "alles andere zieht einem nur unnötig Energie."

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Bei aller guten Laune - die Corona-Krise beeindruckt auch den Dreifachweltmeister, beeinflusst den so akribisch ausgearbeiteten Karriereplan des 30-Jährigen. "Es gibt einen unglaublich großen Spielraum", sagt er. "Von 'Ich bin in viereinhalb Monaten Olympiasieger' bis hin zu 'Ich werde nie wieder an Olympischen Spielen teilnehmen' ist alles möglich", fasst er zusammen. Eine Tendenz sehe er derzeit nicht: "Da steht so viel Ungewisses im Raum." Dass Stäbler dennoch mit viel positiver Energie ans Werk geht, liegt auch daran, dass er wohl der einzige Profisportler in Deutschland ist, der unter fast perfekten Bedingungen trainieren kann. Der Stuttgarter Olympiastützpunkt musste den Betrieb einstellen, alle Trainingsplätze und -hallen wurden wegen des Corona-Virus bereits geschlossen. Der Ringerweltmeister jedoch hat Glück.

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Der Weltmeister im Hühnerstall

Familie Stäbler besitzt einen Bauernhof im schwäbischen Musberg, zu dem auch mehrere Stallungen gehören. Als Reaktion auf einen langjährigen Streit mit dem ortsansässigen Ringer-Verein TSV Musberg und einem Rausschmiss aus der örtlichen Trainingshalle, hatten die Stäblers den vergangenen Winter zum Ausbau des elterlichen Hühnerstalls genutzt. Die löchrige Holzwand ist heute mit Pressspan ausgekleidet, der Boden besteht aus Ringermatten - sogar einen Nebenraum mit professionellen Trainingsgeräten gibt es. "Gottseidank habe ich das Privileg, durch das eigene Zentrum nicht eingeschränkt zu sein", weiß Stäbler. Während er beinahe unbeeindruckt weitertrainieren kann, hängt die Zukunft vieler Einzelsportler am seidenen Faden. "Wenn ich meine ganzen Kollegen, auch aus anderen Sportarten, anschaue - die haben Riesenprobleme, sich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten." Helfen könne er trotzdem nicht, zu hoch ist die Ansteckungsgefahr.

"Eigentlich hätte nächste Woche die Olympiamannschaft der Ringer hier zu Gast sein sollen. Wir wollten die Olympiavorbereitung hier machen. Das wurde gestern komplett gecancelt", deshalb sei er jetzt auf sich selbst gestellt. Einzig sein Trainingspartner Abdolmohammad Papi ist noch in der Hühnerstall-Halle, als wir zum Interview erscheinen. Sparring muss sein. Bei allen Versuchen, direkten Kontakt zu vermeiden - so ganz geht das in einer Sportart wie Ringen eben nicht. "Wir halten uns fern von großen Menschengruppen, waschen uns häufig die Hände. Das sind so die Grundlagen", erzählt Stäbler. "Wir müssen derzeit noch davon ausgehen, dass Olympia stattfinden wird." Also werde so normal wie möglich weitertrainiert.

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"Ärzte und Pflegekräfte - davor ziehe ich den Hut"

Natürlich sei die Finanzierung für Profisportler derzeit nicht einfach, dennoch: "Ärzte, Pflegekräfte, die Leute, die gerade wirkliche Höchstleistungen bringen - da ziehe ich meinen Hut, größten Respekt - darauf sollte der Fokus liegen. Was diese Menschen gerade für Entbehrungen bringen müssen. Nicht auf uns, weil es ein paar Monate mal finanziell schlechter läuft."

"Ärzte, Pflegekräfte, die Leute, die gerade wirkliche Höchstleistungen bringen - da ziehe ich meinen Hut, größten Respekt - darauf sollte der Fokus liegen. Was diese Menschen gerade für Entbehrungen bringen müssen. Nicht auf uns, weil es ein paar Monate mal finanziell schlechter läuft."

Frank Stäbler

Corona-Virus bedroht den Lebenstraum

Auch wenn Frank Stäbler es sich nicht anmerken lässt - die drohende Absage der Spiele von Tokio schwebt natürlich auch über dem "World Camp" getauften Trainingscamp. Noch vor kurzem hatte Stäbler sein Karriereende für den 05. August 2020 um Punkt 20:30 Uhr vorausgesagt. Dann sollen in Tokio die Ringer-Finals der Olympischen Spiele zu Ende gehen - am Besten mit einer Goldmedaille um Stäblers Hals. "Es ist jetzt natürlich eine ganz andere Situation", gibt er heute unumwunden zu.

Zwar sei er nach wie vor optimistisch, dass die Spiele stattfinden werden, dennoch: "Meine Karriere ist auf Olympia ausgelegt. Das letzte Mosaiksteinchen ist eine olympische Medaille. Darauf ist mein Leben die letzten beiden Jahre komplett ausgelegt worden. Wenn jetzt die Spiele verschoben werden, kann ich nicht einfach sagen: 'Okay, es hat nicht sollen sein.'" Ein Rücktritt stünde dann also nicht mehr zur Debatte: "Im worst case geht meine Karriere eben noch zwei Jahre weiter. So lange muss der Körper dann noch halten", sagt er durchaus ernst.

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Als wir gehen, reichen wir uns noch einmal den Fuß. Frank Stäbler zeigt auf eine in den Boden eingelassene Holzplatte: "Tokio 2020" steht darauf. "Notfalls hole ich ein bisschen Tape raus und klebe eine 22 drüber", lacht er. "Und dann geht's weiter."

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