Der deutsche Ringer Frank Stäbler vor einem Wettkampf.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Kadir Caliskan | Kadir Caliskan)

Olympia | Ringen

Frank Stäblers letzte Mission

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"Showtime" für den dreimaligen Ringer-Weltmeister Frank Stäbler. Der Musberger ringt in Tokio um seinen letzten sportlichen Traum: olympisches Gold. Dafür ist der Schwabe tief gefallen.

Wenn Deutschland am Morgen des 3. August erwacht, hat Frank Stäblers letzte Mission bereits begonnen. Um 4:30 Uhr deutscher Zeit starten für den Ringer die Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Stäblers letzter sportlicher Traum

Stäbler ist "all-in" gegangen, wie er sagt. Tokio ist für den 32-Jährigen die letzte Chance auf eine olympische Medaille. Danach wird er seine internationale Karriere beenden. “Die Vorfreude ist unglaublich. Ich habe mich noch nie so sehr auf ein Event gefreut, weil ich noch nie so lange darauf hingefiebert habe", sagte Stäbler kurz vor seinem Abflug nach Japan. Doch hinter dem Ausnahmeringer liegen einige Rückschläge und harte Monate des Leidens.

Deutscher Meister, Europameister, Weltmeister – nur eine olympische Medaille fehlt Stäbler noch zur Krönung seiner Karriere. Bei den Spielen 2016 war der Schwabe als großer Favorit an den Start gegangen, doch eine schwere Verletzung verhinderte den Sprung auf das Podest. “An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass mir das in Japan nicht nochmal passieren wird”, betont Stäbler.

Extreme Erwartungshaltung

Dann wurden die Olympischen Spiele 2020 um ein Jahr verschoben - und "anstatt vier Jahre wurden fünf verdammt lange Jahre daraus”, wie Stäbler sagt. Der Ringer hatte seine Karriere eigentlich schon nach den Spielen 2020 beenden wollen.

Der Schwabe musste also ein Jahr dranhängen, der Traum von der Goldmedaille im griechisch-römischen Stil lebt weiter: "Die eigenen Erwartungshaltungen sind extrem. Ich habe diesen Traum schon viele, viele Jahre, und ich weiß, ich habe die Möglichkeiten und das Können, es zu schaffen – wenn alles perfekt läuft", gibt er sich selbstbewusst.

Stäblers tiefer Fall

Für das Ziel der Goldmedaille ist der Schwabe zuletzt tief gefallen. Zehn bis 15 Sekunden lang blickte er auf einem Brett sitzend in den Abgrund, ehe er sich gemeinsam mit Ringerin Aline Rotter-Focken aus 4.000 Metern Höhe in die Tiefe stürzte. Erwartungshaltung, Angst, Druck: All das sollte der Schwabe mit dem Fallschirmsprung loslassen. Es war die Idee seines Mentaltrainers.

"Das war so ein krasser Moment. Ich glaube, selbst Tokio kann diesen Moment nicht toppen. Die Angst war am absoluten Siedepunkt. Und dann machst du einfach diesen Sprung und lässt alle negativen Gedanken, die Zweifel, die Ängste im Flugzeug. Das Vertrauen, dass alles gut werden wird, haben wir mitgenommen", beschreibt Stäbler dieses aufregende Erlebnis.

Gegen alle Widerstände

Stäbler wird in Tokio nicht als Favorit an den Start gehen. In seiner langen Vorbereitungszeit musste er einige Rückschläge wegstecken. Durch eine Corona-Erkrankung im vergangenen Jahr brachen seine Leistungen zeitweise ein. Außerdem plagt den Ringer eine chronische Schulterverletzung, weswegen er auf ein Vorbereitungsturnier vor Olympia verzichtete: "Sonst wäre ich ganz kaputt nach Tokio gefahren", gibt Stäbler zu. Seinen letzten Wettkampf bestritt er bei der Europameisterschaft im April, bei der er schon nach seinem ersten Kampf ausschied.

Die Hunger-Tortur

Seit Wochen kämpft sich der Schwabe durch eine kräftezehrende Diät, um das Gewicht für die Klasse bis 67 kg zu bringen - eine beinahe unmenschliche "Tortur". Normalerweise wiegt der Modellathlet 75 Kilogramm. Doch Stäblers ursprüngliche Gewichtsklasse wurde vor Tokio gestrichen. Mit Blick auf die klimatischen Bedingungen ist diese Gewichtsreduktion medizinisch nicht unbedenklich. "Da ist ein großes Fragezeichen”, gibt Stäbler zu.

Musberg

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Doch Stäbler gibt sich trotz aller Widerstände kämpferisch: "Die Form ist gut, ich habe die zurückliegenden Trainingskämpfe alle überragend gewonnen. Das gibt große Hoffnung, der Traum lebt", sagt der zweifache Familienvater. Das "Gewicht machen" verlaufe planmäßig, ist aus Stäblers Management zu hören. "Die letzten zwei Kilos müssen noch runter und dann kann es endlich losgehen", lässt Stäbler seine Fans vier Tage vor seinem ersten Olympia-Wettkampf wissen.

Da Stäbler nicht gesetzt ist, könnte er gleich in der ersten Runde auf einen Topfavoriten treffen. "Ich hoffe, dass die Besten der Welt in der Form ihres Lebens antreten. Wenn man dann eine Medaille gewinnt, hat man es auch verdient", sagt Stäbler.

Am 3. (Qualifikation) und 4. August (Entscheidungen) heißt es: "Showtime" für den 32-Jährigen. Er trifft am Dienstag gleich in seinem Auftaktkampf in der Gewichtsklasse bis 67 Kilogramm auf den amtierenden Europameister Mate Nemes aus Serbien. In einem möglichen Halbfinale könnte der kubanische Olympiasieger Ismael Borrero Molina warten, gegen den Stäbler bei der WM 2019 eine empfindliche Niederlage kassiert hatte. "Der Olympia-Gott hat mir viele Steine in den Weg gelegt. Ich weiß, was ich für diese letzte Chance alles geopfert habe - und was ich überwunden habe." Jetzt will er seine Mission zu Ende bringen.

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