Frank Stäbler (Foto: Imago, Frank Stäbler)

Ringen | Weltmeisterschaft Wie "Eisenbieger" Frank Stäbler mit dem eigenen Körper ringt

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Seit Mittwoch ist Frank Stäbler in der kasachischen Hauptstadt Nursultan. Dort kann sich der Musberger Dreifach-Weltmeister am Sonntag bei der Ringer-WM auch für die olympischen Spiele in Tokio qualifizieren.

Es war die ultimative mentale Übung vor dem Abflug nach Kasachstan: Reingehen in die Angst, Widerstände überwinden. Zum Treff auf dem elterlichen Bauernhof im schwäbischen Musberg hatte Frank Stäblers Mentalcoach Christian Bischoff eine daumendicke Eisenstange vom Bau mitgebracht. Die Aufgabe: Das Eisen biegen. Nicht mit Händen oder Füßen, sondern mit dem Hals, einem weichen und sehr verletztlichen Körperteil.

Dauer

Wenn der Hals stärker ist als Eisen

Es beginnt zu knistern. Minutenlang werden von Christian Bischoff Konzentration und Spannung aufgebaut. Dann stehen sich Stäbler und Bischoff gegenüber, die Eisenstange wird jeweils unterhalb des Kehlkopfes fixiert, liegt in der Waagerechten. "Eins, zwei, drei, und Go", ruft Christian Bischoff, "komm, komm, komm". Frank Stäbler baut, nur mit seinem Hals, Schritt für Schritt Druck auf, immer mehr. Nach wenigen Sekunden gibt die Eisenstang plötzlich nach, verbiegt sich um 180 Grad. Geschafft! Ein Schrei, ein Jubel. "Der Eisenmann", freut sich Mentalcoach Bischoff, "der erste Schritt, wenn die Angst kommt, ist immer der schwierigste".

Stäbler will mit 67 Kilo über die Waage

Weltmeister Frank Stäbler aber hat Angst und Zweifel überwunden. Nach der gelungenen Aktion steht er noch eine Weile wie unter Strom: "Das ist der absolute Hammer. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, die Stange steht für meinen unerschütterlichen Glauben". Den Glauben daran, dass alles möglich ist für ihn als Sportler. Eine gebogene Eisenstange quasi als Symbol für das, was Frank Stäbler in Kasachstan schaffen will: Am frühen Sonntagmorgen in der Hauptstadt Nur-Sultan mit 67 Kilo über die Waage gehen, mit mindestens Platz fünf die Olympia-Qualifikation für Tokio schaffen und sich im besten Fall noch den vierten Stern holen, den vierten WM-Titel in der vierten Gewichtsklasse. "Wenn es einer schafft, dann Frank Stäbler", ist Mentalcoach Christian Bischoff, der schon viele Spitzensportler betreut hat, wenige Tage vor dem WM-Start überzeugt, "er ist der Athlet mit dem stärksten Mindset, was ich je erlebt habe". Ein Top-Athlet mit unerschütterlichem Glauben, einer der jede noch so schwierige Herausforderung mit noch stärkerer Motivation und Mentalität angeht.

Stäbler" "80 Prozent sind Kopfsache"

Wie auch jetzt wieder. Um sich für die olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren zu können, musste Frank Stäbler in den vergangenen Wochen und Monaten und bis zum ersten WM-Kampf in Kasachstan acht Kilo Körpergewicht abhungern. Der Grund: Seine bisherige 72 Kilo-Klasse wurde für Tokio gestrichen. Und die WM in Kasachstan ist zugleich auch Olympia-Qualifikation. Also blieb nur die "Rosskur" runter in die 67 Kilo-Konkurrenz, und das möglichst ohne Kraftverlust. Eine Art Quadratur des Kreises, ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht für "Mentalitätsmonster" Stäbler. Der 30-Jährige gibt für Kasachstan, seine letzte WM, und die olympischen Spiele in Japan nochmal alles. Am 5. August 2020 wird und soll sein Weg auf internationalem Parkett enden. Mit einer Medaille in Tokio.

Der Kopf, glaubt Frank Stäbler inzwischen zu wissen, macht 80 Prozent des Sieges aus: "Ich habe es auch geschafft, das Eisen umzubiegen. Mit dem Hals. Alles ist möglich, man weiß nie, wo sein Limit ist".

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