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Im Reitsport geht die Angst vor einer gefährlichen Variante des Herpes-Virus um. Nach einem Turnier in Spanien sind bereits zehn Tiere verstorben. Was bedeutet das für Pferde und Reiter hier im Südwesten?

Michael Jung kennt das Herpes-Virus bei Pferden schon seit vielen Jahren. "Es tritt gerade in dieser Jahreszeit sehr häufig auf und lässt dann mit der wärmeren Jahreszeit wieder nach", sagt der mehrfache Olympiasieger aus Horb am Neckar im Gespräch mit SWR Sport. In seinem familiengeführten Ausbildungsstall stehen momentan 40 Pferde.

Die schlimmen Meldungen aus Valencia hat er während der Teilnahme an einem anderen Turnier erfahren. Deutschlands erfolgreichster Vielseitigkeitsreiter analysiert die besorgniserregende Situation rund um das Virus unaufgeregt: "Die Angst ist da", gibt Jung unumwunden zu, "aber meine Pferde sind geimpft. Damit haben sie schon mal einen sehr, sehr großen Schutz. Sie können zwar erkranken, aber ohne schlimmen Verlauf."

Auch für Peter Hofmann, Veranstalter des traditionsreichen Mannheimer Reitturniers und Präsidiumsmitglied der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist das Virus nicht neu: "Im Normalfall ist das Pferde-Herpes nichts Ungewöhnliches und Schlimmes. 80 Prozent aller Vierbeiner tragen das Virus in sich, so Hofmann auf Anfrage von SWR Sport: "Die Infektion verläuft normalerweise relativ symptomlos. Etwas weniger Fresslust, ein bisschen Fieber, das ist in der Regel nicht schlimm im Verlauf."

Neue Variante des Herpes-Virus verläuft aggressiv

Anders dagegen verläuft offenbar die Variante EHV-1 des Virus, das bei einem Turnier im spanischen Valencia aufgetreten ist. Stand jetzt sind bereits zehn Tiere in Valencia verstorben, darunter drei aus deutschen Ställen. "Dieses Virus ist überaus aggressiv, überträgt sich auch schneller als die anderen Stämme", weiß Peter Hofmann. Die Folge sind unter anderem Atemnot und Schlappheit: "Die Nerven werden befallen, die Pferde können sich nicht mehr richtig bewegen", was laut Peter Hofmann bis zum Tod der Tiere führen kann. Die seltene Ausprägung "nimmt jetzt offenbar ihren Lauf".

Viele Reiter, wie eben auch Olympiasieger Michael Jung, lassen ihre Pferde zwar vorsorglich gegen das Herpes-Virus impfen. Das Problem ist aber laut den Informationen, die Peter Hofmann bekommen hat, "dass die Impfung zwar gegen einige Stämme des Herpes-Virus schützt", man habe jetzt aber festgestellt, "dass Pferde trotz der Impfung mit dem Virus EHV-1 erkrankt sind." Hofmanns Schlussfolgerung: "Die Impfung schützt nicht konsequent."

Gelingt die Eindämmung der Virus-Variante?

Kritisch könnte es jetzt werden, wenn die Virus-Variante ungezügelt und unkontrolliert weitergetragen wird. So hat sich EHV-1 durch die abgereisten Pferde von Valencia inzwischen in ganz Europa verteilt. Und nicht nur hier, es ist auch nach Doha gekommen. Dort soll am kommenden Wochenende die Global Champions Tour starten. Zwei Pferde des deutschen Springreiters Sven Schlüsselburg hatten nach Angaben von Bundestrainer Otto Becker positive Tests. Der 39 Jahre alte Reiter aus dem baden-württembergischen Ilsfeld war laut Becker aber bereits vor Ausbruch der Infektionen bei einer Turnierserie in Spanien und in Unkenntnis der Ansteckung abgereist.

Peter Hofmann: "Es könnte zur Katastrophe werden"

"Es könnte zur Katastrophe werden, wenn wir das Virus nicht eindämmen können", beschreibt Peter Hofmann das schlimmste Szenario für die Reiterszene. Bedenklich für ihn auch: "Das Herpes-Virus ist bislang noch keine meldepflichtige Seuche. Deshalb gibt es da keinen richtigen Überblick. Bei anderen Seuchen kommt der Tierarzt und schließt möglicherweise den Stall". Aber, so Hofmann: "Ich denke, nach dieser Geschichte wird sich das auch ändern".

Nach Aussage von Peter Hofmann hilft jetzt nur Quarantäne. Für seinen eigenen Reiterverein in Mannheim mit 75 Pferden und 600 Mitgliedern gilt: "Wir müssen das jetzt ordentlich regeln und lassen vorerst keine fremden Pferde mehr auf den Hof". Wenn ja, "dann muss sie der Tierarzt auf den Kopf stellen um feststellen zu können, dass das Tier nicht befallen ist." Dazu kommt, dass sich Tierärzte und Pferde-Schmiede jetzt besonders schützen müssen.

Alle Turniere bis Ende März gestoppt

Erste wichtige Konsequenzen wurden bereits gezogen: Alle rund 1.000 Pferde, die in Valencia mit dabei waren, sind vorerst gesperrt und können nirgendwo an den Start gehen. Bis Ende März wurden alle internationalen Turniere und Wettkämpfe abgesagt. Auch ein Turnier in Österreich, bei dem Dorothee Schneider teilnehmen wollte: "Ich bin froh, dass die Notbremse gezogen wurde", sagt die Dressur-Mannschaftsolympiasiegerin aus dem rheinhessischen Framersheim.

Olympiasiegerin Dorothee Schneider hofft auf Turniere im April

Wie es mittelfristig weitergeht, darauf hat auch die Olmpiasiegerin von 2016 in Rio de Janeiro noch keine Antwort parat. Auf Dorothee Schneiders Pferdehof in der Nähe von Alzey stehen 50 Tiere, alle sind geimpft. Auch bei ihr kommt aktuell "kein neues Pferd in den Stall". Weil die Inkubationszeit aber mindestens 14 Tage beträgt, "müssen wir jetzt die Entwicklung abwarten. Eventuell geht es im April weiter, das erste große Ziel ist das Maimarkt-Turnier in Mannheim." Eben jene Großveranstaltung, der Peter Hofmann vorsteht.

"Wenn wir alle möglichen hygienischen Maßnahmen konsequent ergreifen", hofft der erfahrene Mannheimer Reiterfunktionär, "dann bekommen wir das schnell in den Griff". Und auch Michael Jung sagt: "Ich hoffe, dass jetzt alle sehr vernünftig sind, damit das schnell wieder weiter geht".

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