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Aufgrund der Gefährdungslage durch das Corona-Virus ruht derzeit der Wettkampfsport. Ob Olympia 2020 im Sommer in Tokio wie geplant stattfindet, ist zudem unklar. Der Weltklasse-Vielseitigkeitsreiter Michael Jung sprach mit SWR Sport darüber, wie er mit der schwierigen Situation umgeht.

Horb-Altheim, Reitstall Jung, 14 Uhr mittags: Die Sonne scheint, auf dem Sandpaddock wälzt sich ein glückliches Pferd, vierbeinige Kollegen laufen munter in der Führmaschine - alles ganz normal, sogar idyllisch. Und doch ist alles ganz anders, sehr ungewöhnlich. Denn es sind zwar alle Mitarbeiter und die ganze Familie Jung auf dem Hof zu sehen - aber nur aus großer Entfernung, denn das Tor ist und bleibt zu!

Der "Corona-Schatten" schwebt über allem

Besuche sind verboten, weder Reitschüler noch der Bundestrainer dürfen den Hof betreten. Michael Jung und sein Team bleiben zu Hause beziehungsweise auf dem Gelände. Es gilt äußerste Vorsicht, der "Corona-Schatten" schwebt auch hier über allem.

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Michael Jung: "Da fühlt man sich verloren"

"Es ist schon ein ganz komisches Gefühl. Das Wetter wird richtig schön, eigentlich geht die Saison in der Vielseitigkeit jetzt los - und alles ist abgesagt. Mir ist das noch nie passiert, da fühlt man sich so verloren", sagt Michael Jung im Gespräch mit SWR Sport.

Für den Vielseitigkeitsreiter ist die Situation schwierig. Nicht nur seine Spitzenpferde "Fischerschipmunk" und "fischerRocana" sind fit - in 30 Boxen stehen muntere Pferde, die auf Turnieren richtig glänzen könnten.

"Tagesablauf ist noch entspannt"

Das jetzt erstmal bis Mitte Mai alles abgesagt ist, versucht der Chef erstmal positiv zu sehen. "Mein Tagesablauf ist noch entspannt, angenehm. Ich habe jetzt viel Zeit für meine Pferde, kann jedes trainieren. Ich wechsle mich mit meinen Bereitern ab, unsere Hochleistungssportler können bei diesem Wetter auch raus, das tut jedem gut", so Jung.

Optimale Trainingsmöglichkeiten

Das liegt auch an den optimalen Trainingsmöglichkeiten: es gibt eine Reithalle, Außenplätze für Dressur und Springen, vor allem aber auch einen Geländepark mit 100 verschiedenen Hindernissen, inklusive Kletterhang und zwei Wasserkomplexen.

Hier trifft SWR Sport Jung für das Interview, natürlich in sicherer Distanz. Denn Besuch auf dem Hof ist aus Sicherheitsgründen für keinen möglich. Keine Reitschüler, keine Lehrgänge, keine Bundestrainer-Stippvisiten. Das Team hier soll keiner Ansteckungsgefahr ausgesetzt werden. Die Pferde, so das tierärztliche Zentrum für Pferde in Kirchheim, können von diesem Erreger nicht infiziert werden.

"Die Sinne sind geschärft"

Doch auch intern, beim Kernteam im Reitstall, heißt es vernünftig und vorsichtig sein. "Jetzt sind alle Sinne geschärft, auch morgens, wenn alle in den Stall kommen, werden erstmal die Hände gewaschen. Dann wird immer wieder alles desinifziert, was angefasst wird, ob nun am Putzplatz, am Solarium oder in der Sattelkammer. Auch die sanitären Anlagen werden noch gründlicher gereinigt als ohnehin schon", erzählt Jung.

Wann wächst die Ungeduld?

Der 37-Jährige ist auch hier ein Perfektionist und er kümmert sich selbst um viele Dinge, ist immer noch ein "Kumpel-Chef", der selbst überall mitanpackt. Und der demnächst vielleicht ein bisschen ungeduldig wird, denn "irgendwann sollte es wieder losgehen, man muss mit den Pferden mal wieder raus, auf Turniere, damit die Tiere wieder andere Situationen kennenlernen, sich an Trubel gewöhnen. Für perfekte Trainingsplanung braucht man Turniere".

Gold in London 2012

Vor allem die Hoffnung auf die olympischen Spiele in Tokio ist im Reitstall sehr groß. Schließlich haben alle noch die Bilder im Kopf und die Stimme von ARD-Olympiareporter Carsten Sostmeier im Ohr, als Michael Jung 2012 in London und dann auch noch 2016 in Rio de Janeiro mit Pferd Sam die ganze Pferdewelt begeisterte: "Ja, souverän, das ist ja eine Liga für sich. Michael Jung hört in sein Pferd, fühlt, was unter ihm stattfindet und Sami weiß, der Beste sitzt bei mir im Sattel. Phantastisch, das war die Demonstration pur, Sam und Michael Jung sind einfach nur samsationell gut."

Jung hofft noch auf Olympia

Einzel- und Teamgold in London, Einzelgold und Teamsilber in Rio de Janeiro – doch für erfahrene und erfolgreiche Olympiasieger bleiben olympische Spiele einzigartig. "Das ist für jeden Athleten ein großer Traum, ein großes Ziel, da trainiert man jahrelang drauf hin. Wenn das einfach wegfällt, das ist zwar kein Weltuntergang, aber so bitter. Im Moment hoffe ich immer noch, das alles klappt oder das es wenigstens verschoben wird", so Jung.

Deswegen ist er jetzt vernünftig, verabschiedet sich mit einem fröhlichen Winken und geht zurück auf den Hof, in den Stall. Denn jetzt kümmert er sich erstmal darum, dass sein legendäres Pferd Sam das richtige Programm bekommt: der 20-jährige Rentner war vormittags auf der Weide und wird jetzt mit Mitarbeiterin Lena Steger für einen gemütlichen Ausritt auf eine Geländerunde geschickt.

Für Sam ist das Leben im Reitstall Jung ganz normal, so schön wie immer. Irgendwie tröstet das alle!

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