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Max Walscheid, Radprofi aus Neuwied, erreichte gerade nach 21 Etappen das Ziel der Tour de France in Paris und rechnete mit einigen Tagen Erholung, da klingelte sein Telefon: Der Bundestrainer war am anderen Ende der Leitung und nominierte ihn nach für die Weltmeisterschaft im Einzelzeitfahren. SWR Sport erreichte den 27-Jährigen kurz nach seiner Ankunft im Hotel in Italien. Die WM der Elite im Kampf gegen die Uhr findet am Freitag in Imola statt.

"Ich liege gerade auf der Massagebank", erzählte ein hörbar tiefenentspannter Max Walscheid. Dass sich der gebürtige Neuwieder jetzt kurzfristig auf eine Weltmeisterschaft vorbereitet, war so nicht geplant. Doch als der eigentlich nominierte Nikias Arndt wegen einer Erkältung passen muss, nominierte Bundestrainer Jens Zemke am Schlusstag der Tour de France Walscheid nach.

"Meine erste WM als Profi"

"Ich freue mich auf den Start in Imola", sagte der 27-Jährige. Kein Wunder. Der Kampf um das berühmte Regenbogentrikot bedeutet einen weiteren Schritt nach vorne in der Profi-Karriere des 1,99 Meter großen Rennfahrers. "Das Einzelzeitfahren am Freitag ist meine erste WM als Profi", so Walscheid. Und dass er statt im Firmentrikot seines südafrikanischen Rennstalls NTT jetzt in Schwarz-Rot-Gold an den Start geht, erfüllt ihn mit Respekt und Stolz gleichermaßen: "Das Nationaltrikot zu tragen, das ist eine Ehre für mich."

Doch stecken ihm nicht die drei Wochen Tour de France mit über 50.000 Höhenmetern in den Beinen? "Klar: auf der einen Seite bin ich natürlich nicht ganz so frisch“, schmunzelt Walscheid. „Aber auf der anderen Seite habe ich auch eine gute Form aus der Tour mitgebracht. Ich bin gesund geblieben und ohne Stürze über die Runden gekommen."

Endlich Pizza und Bier

Und das als Neuling beim berühmtesten und härtesten Radrennen der Welt! Dass er bei seiner Tour-Premiere gleich durchgehalten hat bis Paris, ist Genugtuung und Motivation gleichermaßen. Deshalb hat er den Anruf des Bundestrainers gerne angenommen - am Schlußabend der Tour, als das NTT-Team sich nach Wochen der Entbehrung endlich Pizza und Bier gönnen durfte

Dass Walscheid im Flachland große Gänge und hohe Geschwindigkeiten treten kann, hat er auch bei der Tour de France bewiesen. Eigentlich war er als Sprint-Vorbereiter für Teamkapitän Giacomo Nizzolo nach Frankreich angereist. Doch der Italiener stieg nach Sturzverletzungen bereits nach der ersten Tour-Woche aus und der Neuwieder konnte dann ab und zu auch auf eigene Rechnung fahren, unter anderem mit einem 165 Kilometer langen Ausreißversuch in einer sechsköpfigen Spitzengruppe zur Halbzeit der Rundfahrt und mit einem zehnten Platz beim Massensprint auf der Champs Elysee in Paris. Dass er beim WM-Zeitfahren auf dem legendären Autodromo Enzo e Dino Ferrari keine Chance auf eine Medaille hat, weiß der intelligente Walscheid nur allzu gut:"Ich hatte ja keine spezielle Vorbereitung jetzt. Mein Ziel ist ein Platz unter den Top 20."

Wohnhaft in Heidelberg

Auf Unterstützung seiner Freundin am Streckenrand muss Walscheid in Imola allerdings verzichten. "Ja, bei der Tour de France war sie fast drei Wochen lang dabei. Das hat mir viel gegeben", erzählt der Neuwieder, der jetzt in Heidelberg lebt. "Aber jetzt muss sie sich wieder um ihr Jura-Studium an der Uni in Heidelberg kümmern und ist deshalb bei der WM nur per Fernsehübertragung dabei."

Das Straßenrennen der Elite am Sonntag bestreitet Walscheid übrigens nicht. Die 259 Kilometer mit insgesamt über 5000 Höhenmetern sind für den Rouleur mit seinen 90 Kilogramm Wettkampfgewicht schlichtweg zu schwer. Doch auf eine große Verschnaufpause kann der NTT-Profi auch nach dem Zeitfahren nicht hoffen: Schon nächsten Dienstag startet er bei der renommierten BinkBank-Rundfahrt, die zur Worldtour zählt. "Und dann kommen vier Wochenenden mit Klassikern, am Ende sogar Paris-Roubaix", schilderte der 27-Jährige seinen ambitionierten Renn-Plan. Die Vorfreude ist auch da unüberhörbar.

Seine Massage-Einheit geht derweil langsam ihrem Ende entgegen, kurz vor 22 Uhr. Ein engagierter Berufsrennfahrer wie Max Walscheid kennt keinen Acht-Stunden-Tag - erst recht nicht, wenn nach dem Erlebnis Tour de France gleich der nächste Traum wahr wird: ein WM-Start.

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