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Mit jeder Woche, die ohne Rennen verstreicht, sinkt die Chance für Nachwuchssportler, sich mit guten Leistungen für neue Profiverträge zu empfehlen. Die Radsport-Familie Märkl im pfälzischen Queidersbach erlebt das derzeit in besonderer Form – und lässt sich trotzdem den Optimismus nicht nehmen.

Auf dem Frühstückstisch Erdbeeren, Trauben, Brötchen. Mama Annette bringt frisches Rührei dazu. Auf der Anrichte Autogrammkarten. Auf dem Schrank Pokale und Medaillen. Das ganz normale Sportler-Leben der Familie Märkl in Queidersbach. Doch normalerweise wären zu dieser Zeit alle Familienmitglieder bei Radrennen unterwegs.

Bangen um neue Verträge

"Auf der einen Seite hat man viel Zeit", sagt Niklas Märkl, Profi im Development-Team von Sunweb. "Auf der anderen Seite kann man nichts machen." Der 21-Jährige, der unbedingt ins World-Tour-Team seines Rennstalls aufsteigen will, empfindet die Corona-Zwangspause zwiespältig: "Die ganze Winterarbeit, die man investiert hat, kann man nicht abrufen. Aber es geht ja jedem so derzeit."

Auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lukas würde jetzt lieber mit seinem Team Lotto-Kern Haus irgendwo am Start stehen. Denn der 19-Jährige Nachwuchs-Profi besitzt zwar einen Vertrag bis Ende des Jahres, aber für die Zeit danach müsste er sich jetzt durch gute Leistungen empfehlen. "Man versucht ja von Anfang an, sein Bestes zu zeigen", erzählt Lukas Märkl. "Aber je mehr sich die Saison rauszögert, desto mehr steigt der Vertragsdruck."

Geduld ist gefragt

Papa Andreas, selbst früher ein erfolgreicher Radrennfahrer, kann seine Jungs nur zu gut verstehen. "Gerade diejenigen, die im letzten Jahr der U23 unterwegs sind, haben nur noch dieses Jahr, um sich den Profiställen zu zeigen", sagt er. Als Landesverbandstrainer der Junioren in Rheinland-Pfalz weiß er aber auch, dass jetzt im Training Geduld vonnöten ist. "Ziel ist im Moment, die Grundlage so lange wie möglich zu halten", erklärt der Radsport-Enthusiast des RSC Linden kurz vor der nächsten Trainingsausfahrt. "Denn wenn die jetzt wieder Vollgas fahren würden, dann wäre die Form im Juli schon wieder weg. Und man fragt sich: für was?"

Hält die Topform bei Liane Lippert?

Eine Frage, die viele Athleten derzeit umtreibt. Auch die Freundin von Niklas Märkl: Liane Lippert ist ebenfalls Profi bei Sunweb, glänzte Anfang Februar mit einem Sieg in Australien und wäre jetzt im Frühjahr sicherlich auch in Europa erfolgreich.

"Ja, ich war in Topform, hab gut durchgezogen. Aber man muss es jetzt nehmen wie es ist. Wir machen das Beste draus."

Liane Lippert, Radprofi Team Sunweb

Auch die kleine Schwester trainiert mit den Profis

Zu viert fahren sie deshalb bei schönstem Sonnenschein trainieren, neben Liane Lippert und den Märkl-Brüdern auch Jule, die jüngere Schwester von Niklas und Lukas. Die 15-Jährige vom RSC Linden gewann zum Jahresbeginn die deutsche Meisterschaft im Cyclocross und gilt als eines der großen Nachwuchstalente im Land. Für gut zwei Stunden wird sie an diesem Tag bei den Profis mitradeln. "Aber nur im Windschatten", lacht sie.

Rennställe geben Rückendeckung

Die Zeit ohne Wettkämpfe überbrücken die jungen Profis mit viel Rückendeckung ihrer Rennställe. "Ich bin mit dem Team ständig in Kontakt", schildert Liane Lippert vom Sunweb-Frauenteam. "Dazu kommen digitale Konferenzen und immer wieder Aufgaben, die wir für zuhause gestellt bekommen." Auch ihr Freund Niklas, der in der gleichen roten Berufskleidung des Profiteams unterwegs ist, braucht sich um seinen Arbeitsplatz keine Gedanken machen: "Ich bekomme die Trainingsvorgaben digital. Der Trainer schreibt jeden Tag, was wir machen müssen. Im Moment ist es aber eher so ein Aufbautraining wie sonst im Winter, und nicht so ein Training, wie wenn wir Rennen fahren würden."

Wenigstens ein bisschen Rennfeeling: Die Corona-Bahn

Apropos Rennfeeling: Das gönnen sich die Radsport-Brüder dann doch noch. Nämlich zuhause, unterm Dach, wo sie sich eine riesige Modellauto-Rennbahn aufgebaut haben. "Wir hatten ja Zeit in den letzten Wochen", lacht Niklas Märkl und gibt Gas am Handregler. Und Lukas verrät schmunzelnd auch gleich noch den Spitznamen der Anlage: "Es ist unsre Corona-Bahn."

Die Radsport-Familie Märkl lässt sich die gute Laune nicht nehmen. Und hofft gleichzeitig weiter, dass alle möglichst bald wieder auch auf dem Rad Vollgas geben dürfen.

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