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Solch ein Geständnis hat keiner erwartet, als Pascal Ackermann in seine ehemalige Schule nach Kaiserslautern zurückkehrt: "Athletisch bin ich eine Flasche", erzählt Deutschlands bester Straßenradsprinter und lacht nach dieser schonungslosen Selbsteinschätzung herzhaft. Ganz seriös setzt er aber gleich noch eine Kampfansage drauf: "Ich will im Kraftraum wieder stärker werden." Und damit auch auf dem Rad. Sein großes Ziel 2021: die Tour de France.

Vor vier Wochen gewinnt Pascal Ackermann die Schlussetappe der Spanien-Rundfahrt - und damit den Königssprint einer Grand Tour. Es ist der zweite Sieg des 26-jährigen Pfälzers bei der Vuelta 2020 und damit der erneute Beweis seiner Weltklasse im Massensprint.

Ackermann: "Beeindruckt, was hier entstanden ist"

Doch der Sprint-Star des deutschen Radsports hebt nicht ab. Im Gegenteil: ganz locker und gut gelaunt besucht er Anfang Dezember seine ehemalige Schule in Kaiserslautern, wo er vom Talent zum Weltmeister reifte. "Ich war sicher fünf oder sechs Jahre nicht mehr hier", erzählt Ackermann und blickt staunend in den High-Tech-Kraftraum des Heinrich-Heine-Sportgymnasiums. "Denn das war ja damals noch ein ganz normaler Klassenraum. Da hab‘ ich in Geschichte drin gesessen und Kurs-Arbeiten geschrieben. Jetzt ist es ein phantastischer Kraftraum! Ich bin beeindruckt, was hier entstanden ist."

Seine ehemaligen Lehrer und Trainer sind dazu gekommen: Frank Ziegler und Hermann Mühlfriedel. Seine Physiotherapeutin von einst ist auch da, Alexandra Welte. Und Jan Christmann, der Leiter des Sportzweigs, bringt gleich den neuesten Schul-Hoodie als Geschenk vorbei. Aber es geht nicht nur um alte Erinnerungen an den Schüler Pascal Ackermann, der von 2011 bis 2013 am HHG lernte und trainierte. "Nein, mir geht es auch wirklich darum, wieder neue Akzente zu setzen im Training ohne Rad", erklärt der Berufsradfahrer.

Erster Test: Kniebeugen mit Hantel auf den Schultern. Ackermann geht in die Knie – und dem Trainer entfährt ein "Ach du scheiße…!" Denn der bärenstarke Sprinter schafft es nur bis zur halben Kniebeuge. "Das kommt, weil er zu viel Rad gefahren ist", stichelt Frank Ziegler - und Pascal Ackermann lacht lauthals: "Ja, da hat er recht. Ich brauch das gar nicht zu leugnen. Athletisch bin ich eine Flasche."

Einseitige Belastung durchs Radfahren

Die Erklärung ist einfach: Durch die Ausdauer-Beanspruchung mit über 25.000 Pedal-Kilometern jährlich ist die Belastung einseitig geworden. "Dadurch ist die Muskulatur verkürzt und Pascal kann eben nicht so tief in die Knie gehen. Da braucht es viel Stretching und Kraftraum jetzt", analysiert Frank Ziegler, der als Trainer schon Dutzende hochkarätige Meisterschaften errungen hat, unter anderem den Olympiasieg von Miriam Welte im Teamsprint mit Kristina Vogel.

Pascal Ackermann nimmt die Analyse sehr ernst. "Diese Corona-Saison war am Ende durch die vielen Rennen so intensiv, dass zwischendrin gar keine Zeit war für Krafttraining", erzählt der Mann aus Minfeld bei Kandel. "Und da will ich was ändern. Krafttraining wird wieder ganz wichtig nächstes Jahr."

Kampfansage an die Konkurrenz

Eine Kampfansage an die Konkurrenz, zweifellos. Aber auch ein Beweis für seinen ungebrochenen Ehrgeiz. Denn nach Etappensiegen beim Giro d’Italia im vergangenen Jahr und jetzt bei der Vuelta kann für den endschnellen Mann das nächste große Ziel nur heißen: Tour de France.

Ackermann legt bei seiner Rückkehr ans Heinrich-Heine-Gymnasium auch gleich los: Steigerung der Gewichte bei den Kniebeugen bis auf 100 Kilogramm (Ziegler: "Mehr erstmal nicht. Wir bauen vorsichtig auf.") und bei der Beinpresse auf satte 260 Kilo. "Er würde sogar 320 Kilo schaffen", ist sich Ziegler sicher, zügelt aber erst einmal seinen ehemaligen Schüler, um Fehlbelastungen vorzubeugen. Dass harte Arbeit beim Krafttraining unverzichtbar ist, um auf Weltklasse-Niveau Rad zu fahren, weiß Ackermann am allerbesten: "Wir fahren mittlerweile so große Gänge im Finale, ein 55er-Kettenblatt vorne, das muss man erstmal rumkriegen."

Die Gleichung klingt einfach: Je mehr Muskelkraft, desto höher die Endgeschwindigkeit im Schlussspurt. Doch bei Radprofis kommt hinzu, dass vorher oft noch schlappe 200 Kilometer zu verdauen sind. "Und Pascal hat eben das Talent, dass Ausdauer und Schnelligkeit in einer perfekten Konstellation stehen", schwärmt sein Coach.

An diesem Tag erzählen sie sich noch viele Geschichten aus der einstigen Schulzeit. "Wir waren echt brave Jungs damals", sagt Ackermann und garniert den Satz mit seinem schönsten Sonnyboy-Lächeln. Alle an diesem Tag freuen sich, wieder mal den pfälzischen Bub getroffen zu haben, der mittlerweile ein internationaler Sport-Star ist. Und vielleicht bald ein Etappensieger bei der legendären Tour de France.

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