Nico Denz führt das Fahrerfeld an (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Roth )

Radsport | Giro d'Italia

Nico Denz beim Giro d'Italia: Bodyguard der Besten

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Die zweitgrößte Rundfahrt im Radsport geht in die Endphase. Der Kampf um den Gesamtsieg beim Giro d’Italia ist in vollem Gange, und mittendrin ist Nico Denz (26) aus dem Schwarzwald. Denn in seinem Windschatten fährt derzeit der Topfavorit.

Nach weit über 100 Kilometern gibt Nico Denz die Führung ab und lässt sich zurückfallen. Er hat das Rennen lange genug bestimmt, jetzt ist es an seinen Teamkollegen, ihren Job zu machen. Und den machen Wilco Kelderman und Jai Hindley an diesem Sonntag nahezu perfekt. Am Ende gewinnen sie wertvolle Sekunden gegenüber der Konkurrenz und stehen vor der letzten Woche des Giro d’Italia auf den Plätzen zwei und drei - Tendenz steigend. Denz hat ihnen für das Rennfinale die bestmögliche Ausgangssituation verschafft. Und auch im Kampf um den Gesamtsieg ist sein Team Sunweb nun optimal positioniert.

Vorteil in den Bergen

"Den Giro zu gewinnen ist mit dieser Ausgangslage definitiv unser Ziel", sagte Denz am letzten Ruhetag der Rundfahrt zu Beginn der Woche. 17 Sekunden trennen seinen niederländischen Teamkollegen noch vom Gesamtführenden João Almeida, der am Sonntag erstmals Schwächen zeigte. Kelderman nahm ihm im schweren Schlussanstieg deutlich mehr als eine halbe Minute Zeit ab, auch den Rest der Siegaspiranten distanzierten er und sein Berghelfer Jai Hindley klar. Und die letzte Woche hält noch einige ähnlich schwere Etappen bereit. Für die beiden Sunweb-Fahrer auf den Podiumsplätzen ein Vorteil, ist sich Denz sicher: "Sie machen einen Wahnsinnseindruck und sind definitiv die stärksten Kletterer im Feld. Und wir haben auch das richtige Team, um sie bestmöglich zu unterstützen."

Bestmögliche Unterstützung liefert der junge Mann aus Waldshut-Tiengen im Schwarzwald in der Tat. Er selbst beschreibt sich bescheiden als "Mädchen für alles", was heißt, dass er unterwegs auch mal Trinkflaschen einsammelt und an die Kollegen verteilt. Vor allem aber soll er die Kräfte der Gesamtfavoriten schonen, bevor es in die steilsten Anstiege geht. "Wenn es im Finale stressig wird oder in einen Berg rein geht, ist es meine Aufgabe Wilco vorne abzuliefern, sodass er in idealer Ausgangsposition in den Anstieg fahren kann." Denz liefert Geleitschutz für den derzeit wohl stärksten Fahrer im Feld, manövriert ihn um Stürze herum und spendet auf flacheren Stücken wertvollen Windschatten. Er ist in diesen Rennphasen gewissermaßen Keldermans Bodyguard.

Ungewissheit durch Corona

Diese Aufgabenverteilung wird sich auch in der dritten Giro-Woche nicht ändern, in der Kelderman möglichst schnell das Trikot des Gesamtführenden erobern soll. "Wir werden auf keinen Fall Zeit verschwenden", sagt Denz mit Blick auf die kommenden Tage, die genug Möglichkeiten zum Angriff bieten. "Wenn man bei den Konkurrenten eine Schwäche sieht, dann muss man die auch ausnutzen."

Keine Zeit verschwenden - das ist auch deshalb wichtig, weil niemand sicher sagen kann, ob die Rundfahrt wie geplant beendet wird. Zwei Mannschaften haben sich bereits komplett aus dem Rennen verabschiedet, weil es in den Teams mehrere Corona-Fälle gab. Trotzdem geht der 26-Jährige davon aus, dass das Feld wie geplant bis nach Mailand fährt. "Im Moment sieht es so aus, als ob wir bei Sunweb unsere Blase im Griff haben. Und in anderen Teams sieht das ähnlich aus. Die Zuschauer sind fast alle mit Masken unterwegs, Start- und Zielbereiche sind abgeschottet, wir haben keinen Besuch von der Familie. Da sind schon spezielle Maßnahmen ergriffen worden."

Tour de France als Ziel im nächsten Jahr

2020 ist alles ein bisschen anders. Das gilt für den Giro d’Italia, aber auch für den Rest der Radsport-Saison - und für Denz persönlich, der nach 5 Jahren als Profi beim französischen Rennstall AG2R in dieser Saison zu Sunweb gewechselt ist. Für das neue Team möchte er im kommenden Jahr nicht nur in Italien angreifen, sondern auch bei den prestigeträchtigen Klassikern. Die Eintagesrennen sind seine Paradedisziplin. In der "verrückten Corona-Saison" finden sie aber alle im Herbst statt - und damit ohne Denz, der zugunsten des Giro auf eine Teilnahme verzichten muss. In Italien stellt er bisher eindrucksvoll unter Beweis, wie wertvoll er auch auf einer dreiwöchigen Landesrundfahrt ist - und hat sich deshalb für 2021 noch ein weiteres großes Ziel gesetzt.

Ich bin nächstes Jahr 27 Jahre alt, dann würde ich auch gerne mal die Tour de France fahren. Das ist ein persönliches Ziel, was in meiner Liste noch fehlt. Da mit dabei zu sein - da träumt jeder von.

Seine Leistung in diesen Tagen ist fraglos ein gutes Empfehlungsschreiben für das bedeutendste Radrennen der Welt. Darüber wird Nico Denz sich aber erst wieder Gedanken machen, wenn er zurück im Schwarzwald ist, wo er lebt und trainiert. Vorerst liegt der Fokus darauf, seinen Teamkollegen sicher bis nach Mailand zu bringen und auch dort in idealer Position "abzuliefern" - ganz oben auf dem Podium.

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