Miriam Welte beendet ihre Karriere (Foto: Imago, Beautiful Sports)

Bahnrad | Interview Exklusiv: Miriam Welte erklärt ihren überraschenden Rücktritt

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Bahnradfahrerin Miriam Welte vom 1. FC Kaiserslautern beendet überraschend ihre Karriere. Über die Beweggründe spricht die 32-Jährige vom 1. FC Kaiserslautern mit SWR Sport.

SWR Sport: Miriam Welte, vor einer Woche noch im Trainingslager mit der Nationalmannschaft. Heute verkünden Sie Ihren Rücktritt vom aktiven Rennsport. Was ist da passiert?

Miriam Welte: Ja, es war einfach so, dass ich im Trainingslager festgestellt habe, dass ich gerade in den intensiven Einheiten, die wir ja fast jeden Tag haben, bei denen wir an die absoluten Belastungsgrenzen gehen und wir uns richtig quälen müssen, dass ich da nicht mehr mit den notwendigen 100 Prozent rangehen konnte wie ich das brauche, um mich für Olympia zu qualifizieren oder auch um bei den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen. Deswegen hab ich gesagt: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um Abschied zu nehmen. Weil einfach die Quälerei nicht mehr so funktioniert wie sie funktionieren müsste.

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Also die Motivation wäre durchaus da gewesen, die dritten Olympischen Spiele zu bestreiten. Das ist in zehn Monaten. Also Tokio wär nicht mehr der Grund gewesen, sich da durchzuquälen - buchstäblich?

Es sind viele Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind. Natürlich wär es schön gewesen, nochmal zu Olympischen Spielen zu gehen. Aber wenn, dann wollte ich auch da sein, um mit um die Medaillen zu kämpfen und nicht einfach nur, um bei Olympia am Start zu sein. Ich glaube, dass da einfach die Gedanken so sind, dass ich sage: Wenn ich nicht mit den hundertprozentigen Quälereien, die man braucht, ins Training reingehen kann, dann fahr ich als Tourist nach Tokio. Und das wollt ich nicht. Deswegen hab ich jetzt gesagt: dann reicht‘s.

Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Europameisterin, 21 mal Deutsche Meisterin. Gibt es einen Moment, der besonders in Erinnerung bleibt?

Es sind sehr sehr viele Momente, die in Erinnerung bleiben. Aber natürlich ist es der Olympiasieg gewesen - mit Abstand der schönste Sieg, von dem man das ganze Leben lang erzählen kann. Das ist glaube ich das, was immer da bleibt. Aber auch die andern Medaillen oder Momente, die ich im Sport hatte, die bleiben genauso präsent.

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Besonders emotional, leider im negativen Sinne, war die Nachricht, dass Ihre gute Freundin, Ihre Zimmerkollegin, Ihre Olympiasieger-Partnerin Kristina Vogel einen Unfall hatte im Training und dann querschnittsgelähmt wurde. Wie bleibt das in Erinnerung?

Das war natürlich der schlimmste Moment, den ich erleben musste als Sportlerin, als ich erfahren habe, dass Kristina nicht mehr auf dem Rad sitzen kann. Das ist auch nach wie vor nicht nachvollziehbar, wie es dazu kommen konnte. Aber für mich ist es einfach schön zu sehen, wie Kristina mit ihrem Schicksal umgeht und wie positiv sie ist. Und dass sie jetzt wirklich das Beste aus ihrem Leben macht. Das zu sehen, das freut mich wirklich und ich glaube, das hat es auch für mich leicht gemacht zu verstehen, dass sie nicht mehr dabei sein kann. Sie ist nach wie vor die alte, verrückte Nudel und es macht immer Spaß, wenn wir uns sehen.

Hat so ein Moment auch gezeigt, dass es vielleicht Wichtigeres im Leben gibt als Silber, Bronze oder vierter Platz?

Ja, da denkt man natürlich sehr viel darüber nach, was der Sport eigentlich wert ist und dass wir so dankbar dafür sein können, jeden Tag gesund aufzuwachen und unser Leben einfach zu genießen. Ich glaube, man muss einfach glücklich sein, jeden Tag zu haben, den man haben kann und daraus das Beste daraus zu machen.

Ihr Leben war der Radsport. Kommt da jetzt nicht Wehmut auf?

Ein bisschen schon, klar. Ich glaube, wenn dann die Weltcups losgehen und nächstes Jahr die WM in Berlin ist, dann denk ich natürlich schon: Ach, vielleicht hätt ich ja auch dabei sein können oder ich weiß, ich wäre auch dabei gewesen. Weil die sportlichen Leistungen waren ja auch noch da: ich war qualifiziert für die Weltcups, ich hätte in die ganze Saison einsteigen können. Aber ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist und ich freue mich auch sehr auf die Zeit, die jetzt kommt. Ja, alles ist gut (lacht).

Was wird denn kommen?

Auf jeden Fall heißt es jetzt erstmal bei der Polizei anfangen zu arbeiten. Und das wird dann auch ein ganz neuer Schritt für mich, weil ich bisher immer nur vier, fünf Wochen am Stück gearbeitet habe. Und ich glaube, dass das die größte Umstellung wird, morgens aufzustehen und dann wirklich acht, neun Stunden im Polizei-Alltag zu sein. Aber ich freue mich auch auf alles andere drumrum, was ich nie machen konnte als Sportlerin: Konzerte besuchen gehen, am Wochenende einfach mal ausschlafen oder mal mit Freunden abends weggehen, eine Weinschorle trinken auf einem schönen Weinfest. Das Leben war ja schon geprägt von viel Verzicht und ich glaube, dass das jetzt einfach was ganz anderes wird, aber ich freue mich drauf.

Wenn Sie auf die letzten zwei Jahrzehnte zurückblicken: was hat der Radsport, was hat der Sport, was haben die Erfolge Ihnen gegeben mit auf den weiteren Lebensweg?

Dass es sich lohnt zu kämpfen für seine Ziele, mit sehr viel Disziplin und Leidenschaft an alles heranzugehen. Und dann hab ich auch so viele liebe Menschen kennenlernen dürfen durch den Sport, hier in der Region, aber auch ganz weit außerhalb. Ich hab Freundschaften auf der ganzen Welt: in Neuseeland, in Australien, in den USA, in England, in Südafrika. Und das hätte ich niemals erleben dürfen und die ganzen Menschen nicht kennenlernen dürfen - und dafür bin auch sehr dankbar.

Und ein konstanter Wegbegleiter: die Familie. Ich glaube, ohne die wäre es nicht gegangen. Oder sieht man das als Außenstehender falsch?

Nee, absolut richtig. Meine Mama als Physiotherapeutin, und der Frank, mein Stiefvater als mein Trainer. Aber dann auch alle anderen: die Schwester, Oliver, mein Freund, mein leiblicher Vater, dann das ganze Umfeld, Tanten, Onkel, Oma, Opa - die waren immer für mich da, genauso wie meine Freunde, die mir geholfen haben, wenn‘s nicht so gut geht. Aber auch bei ganz vielen Wettkämpfen waren, wo man gemeinsam feiern konnte. Wenn die Unterstützung nicht da gewesen wäre, und diese wirklich auch bei allen Fans, freunden, Familie, das absolute Verständnis für den Sport - ich glaube, dann wäre ich nicht so weit gekommen. Und das ist einfach schön gewesen die ganze Zeit, so ein tolles Umfeld zu haben.

Und jetzt, der Entschluss abzusteigen - ein schwerer oder doch leichter Entschluss, weil man soviel erreicht hat?

Ich glaube beides ein bisschen. Schwer deswegen, weil ich eben weiß, jetzt ist es vorbei. Aber leicht auch auf der anderen Seite, weil die ganzen Quälereien aufhören und ich morgens hoffentlich dann aufstehe, ohne dass mir alles weh tut - ich werd ja auch nicht jünger, nicht? Und die Rückenschmerzen, Knieschmerzen, die immer wieder da sind, die werde ich nicht vermissen (lacht).

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