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Elisabeth Seitz, Deutschlands erfolgreichste Turnerin, bereitet sich akribisch auf den letzten internationalen Höhepunkt ihrer Karriere vor: die Olympischen Spiele in Tokio.

Die Hände greifen nach dem 3,6 Zentimeter dicken Holm. Sie sind dran. Doch das bleiben sie nicht. Aus knapp 2,5 Metern Höhe stürzt die Athletin auf die Matte. Ein deftiger Aufschlag. Ein dumpfer Schlag dröhnt durch die St. Jakobshalle in Basel. Ausgestreckt, bäuchlings auf der Matte liegt Elisabeth Seitz, die alle nur "Eli" nennen. Der Jägersalto an ihrem Paradegerät, dem Stufenbarren, wird ihr zum Verhängnis.

Sturz vom Paradegerät bei der EM in Basel

Wir sind bei der Europameisterschaft 2021, Deutschlands Vorzeige-Turnerin war auf dem Weg zu einer Medaille. "Hätte ich am Ende solide durchgeturnt, wäre eine Medaille zum Greifen nahe gewesen - welche wäre mir egal gewesen - aber so war es eben nicht", sagt sie schon am nächsten Tag bei SWR Sport.

Denn auch das ist Eli Seitz. In der Niederlage stellt sie sich, selbst dann, wenn es weh tut, wie sie zugibt. Doch in der vermeintlichen Niederlage gibt sie sich weiter kämpferisch. Sie will nach Tokio, sie will den Traum von einer Medaille weiter träumen. Die EM, nur ein Schritt dorthin, eine schmerzhafte Erfahrung, aus der die 27-Jährige lernen will. Trotz all ihrer Routine. Es werden ihre dritten Olympischen Spiele.

Olympia: Das letzte Highlight der Karriere

Die deutsche Rekordmeisterin im Turnen ist wie die meisten anderen Athletinnen und Athleten zunächst von der Olympia-Absage 2020 aufgrund der Corona-Pandemie ausgebremst, aber nicht ausgeknockt worden. Doch sie gibt zu: "Da bin ich schon ein bisschen in ein Loch gefallen und wusste aber die ganze Zeit auch, wenn du bei Olympia '21 dabei sein willst, dann musst du schnell wieder aus diesem Loch kommen und gut weiter trainieren."

Die Trainingshallen waren fast fünf Wochen geschlossen. Mittlerweile verbringt sie allerdings wieder vier bis sechs Stunden pro Tag im Olympiastützpunkt in Stuttgart und quält ihren Körper für das letzte Highlight ihrer Karriere. Seit 17 Jahren ist sie im Nationalkader, hat WM-Bronze, EM-Silber und -Bronze und 22 Deutsche Meistertitel gesammelt. "Das große Ziel ist Olympia, da möchte ich 1.000 Prozent bringen können", ist die Kampfansage, auch an sich selbst.

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Vorbereitung zwischen Hoffen und Bangen

Aber in der Vorbereitung ist es ab und zu ein Kampf zwischen Engelchen und Teufelchen. "Das Engelchen sagt: 'Komm, es findet alles statt, es wird alles super, auch wenn es andere Spiele werden, es werden die Olympische Spiele werden, du gibst alles und wirst dabei sein'. Und da sitzt das Teufelchen auf der Schulter und sagt: 'Guck dir mal an, wie es im Moment aussieht. Es kann doch nicht sein, dass alles stattfindet'. Die sind die ganze Zeit im Austausch und ich zwischendrin", gewährt die Lehramtsstudentin Einblick in ihr Seelenleben.

Olympische Spiele ohne deutsche Fans

Mittlerweile gehen fast alle davon aus, dass die Spiele stattfinden, auch wenn es komplett andere Spiele werden. Keine ausländischen Zuschauer, keine deutschen Fans in der Halle, die Familie ist nicht dabei. Für Eli Seitz besonders schwierig: "Jeder, der mich kennt, weiß, wenn viele Zuschauer da sind, blühe ich auf. Jetzt sind nur wenige da. Da muss ich mich jetzt quasi selbst veräppeln und so tun, als wäre alles normal."

Jetzt müssen im Ariane Gymnastik Centre in Tokio ihre Hände nach dem Jägersalto nur noch den Holm umklammern und erst dann wieder loslassen, wenn sie sich zum Abgang für eine Medaille katapultiert. Sollte sie dann noch mit einer Medaille um den Hals auf dem Treppchen stehen, wäre das Motto auf ihrer Homepage zur Realität geworden: "Make your dreams come true." Verwirkliche deine Träume.

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