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Dorothee Schneider ist nach ihrem Unfall, bei dem ihre Stute starb und sie sich einen Schlüsselbeinbruch zugezogen hat, in den Sattel zurückgekehrt und kämpft mit neuer Zuversicht um das Ticket für Tokio.

Ein Mai-Tag wie viele derzeit in Framersheim: kühler Wind und nur ab und an ein wärmender Sonnenstrahl zwischen dicken Wolken. Und doch ist es für Dorothee Schneider wieder ein besonderer Tag. Denn im Viereck auf ihrem Gestüt St. Stephan kann Dorothee Schneider wieder an ihrem großen Ziel arbeiten: der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio.

Es ist erst fünf Wochen her, als Dorothee Schneider bei den Pforzheimer Dressurtagen eine persönliche Tragik erlebt, die der Mannschafts-Olympiasiegerin von Rio lange Zeit schwer zu schaffen macht: Ihre Stute Rock’n Rose kollabiert auf der Ehrenrunde wegen eines Aorta-Abrisses und verstirbt an inneren Blutungen, Dorothee Schneider erleidet einen Schlüsselbeinbruch – vor allem aber auch tiefe seelische Wunden durch den plötzlichen Tod der Stute, zu der sie eine besonders innige Beziehung pflegte.

Ohne Operation und mittlerweile weitesgehend schmerzfrei

Jetzt ist die Dressurreiterin aus dem rheinhessischen Framersheim wieder in den Sattel gestiegen. Sie reitet Showtime, ihren 15jährigen Wallach, mit dem sie vor fünf Jahren Mannschafts-Gold in Rio gewann – und mit dem sie in den nächsten Wochen das wertvolle Ticket für Tokio holen will. "Er ist gut drauf und ich bin mittlerweile auch wieder besser drauf." Die 52jährige lacht. Sie freut sich, dass sie trotz der immer noch fragilen Schulter durch den Bruch des rechten Schlüsselbeins wieder angreifen kann – ohne OP und mittlerweile wieder weitestgehend schmerzfrei.

Ich hoffe, wir können gut performen.

Spezial-Weste im Training

Eine speziell auf ihren Körper zugeschnittene Neopren-Weste hilft dabei. „Die Weste ist eng geschneidert und bildet eine Stütze für den Rippen- und Schulterbereich“, erklärt Dorothee Schneider gegenüber SWR Sport. Besonders wichtig: ein kurzer Gummizug, mit dem der rechte Arm fixiert wird: "Der Arm hat etwas Spiel, aber nicht zuviel, so dass er zum Beispiel nicht plötzlich weggezogen wird bei schnellen Bewegungen. Und so wird das Schlüsselbein geschützt."

Somit kann sie mit dem leichten Spiel der Zügel ihr Olympia-Pferd wieder gezielt traversieren und passagieren lassen – und an der Form für Tokio feilen.

Entscheidung in Balwe und Kronberg

Ob Dorothee Schneider ihr olympisches Gold verteidigen kann in Japan, entscheidet sich erst im Juni bei den Deutschen Meisterschaften in Balwe und einem zweiten Turnier im hessischen Kronberg. "Ich hoffe, wir können gut performen", blickt die gebürtige Wiesbadenerin zuversichtlich auf die entscheidenden Wochen vor Olympia.

Dass die ebenso ehrgeizige wie akribisch arbeitende Dressurreiterin durchaus auch Druck verspürt, ist beim Nachsatz deutlich heraus zu hören: "Und hoffentlich, hoffentlich gehören wir zum Team!"

Liebeserklärung an Showtime

Dorothee Schneider besitzt mehrere Kader-Pferde, doch Showtime ist gesetzt bei ihr. Der ausdrucksstarke Wallach kam dreijährig nach Framersheim und entwickelte sich unter der Pferdewirtschaftsmeisterin zu Weltklasse. "Ein ganz besonderes Pferd, leistungsbereit und doch liebenswert", schwärmt Dorothee Schneider, während sie ihrem sportlichen Partner im Gestüt-eigenen Solarium eine "Wellness-Einheit" gönnt.

"Ein ganz besonderes Pferd, leistungsbereit und doch liebenswert"

"Showtime" - der erfahrene Wallach als große Hilfe

Denn Pflege und Regeneration im Stall gehören für sie ebenso dazu wie intensive Einheiten im Viereck: "Es ist ja wirklich Leistungssport. Und das anschließende Duschen, die Wärme des Solariums, die Entspannung, das ist für die Muskulatur wirklich essentiell." Dorothee Schneider streicht dabei Showtime immer wieder übers dunkelbraune Fell und betont, wie wichtig der erfahrene Wallach grade jetzt, in der Zeit nach dem Drama von Pforzheim, für sie ist.

"Er ist immer vorsichtig mit den Menschen, deshalb ist das auch top für meine Verletzung", erklärt sie. "Er ist wach, er passt auf, er vertraut mir. Er ist ein Pferd, das man nur einmal im Leben hat." Olympisches Edelmetall in Tokio für Dorothee Schneider und Showtime – es wäre die Krönung einer außergewöhnlichen Freundschaft.

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