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Sein letzter Wettkampf war die Weltmeisterschaft in Doha 2019, als er sich zum "König der Athleten" krönte. Nach mehr als eineinhalb Jahren ohne Zehnkampf ist Niklas Kaul in die Olympia-Saison eingestiegen.

Es ist ihm anzusehen, dass er es vermisst hat: die Anspannung vor dem Startschuss, das Gefühl, nach einem guten Versuch wieder in die Trainingsjacke zu schlüpfen. Sogar den Sand kratzt er mit einem Lächeln aus den Socken. Hauptsache zurück im Wettkampf nach so vielen Wochen und Monaten des Trainings: "Es macht jetzt um so mehr Spaß, wieder dabei zu sein. Auch wenn manche Abläufe immer noch ungewohnt sind nach so langer Zeit."

Guter Saisoneinstieg

Der Einstand des 23-Jährigen beim Meeting in Frankfurt Anfang Mai ist gelungen. Die Leistungen über die 110 Meter Hürden (14,60 Sekunden) und im Diskuswurf (45,12 Meter) sind sehr gut. Mit 7,19 Meter im Weitsprung hat er sogar seine Bestleistung außerhalb eines Zehnkampfes aufgestellt - für Niklas Kaul eine Bestätigung der guten Trainingsleistungen und eine wichtige Standortbestimmung auf dem Weg nach Tokio. "Ganz hundert Prozent - das geht im Training nicht. Das kann man zwar simulieren und probieren, aber die letzten ein bis zwei Prozent, die kriegt man doch erst im Wettkampf. Deswegen sieht man auch im Wettkampf ganz oft, was vielleicht nicht so gut ist."

Operation vor Olympia – ein Risiko?

Es ist noch nicht ein Jahr her, da entschloss sich der Mainzer, seinen rechten Ellenbogen operieren zu lassen. Der schmerzte immer wieder; besonders in seiner Spezialdisziplin Speerwurf. Der Zeitpunkt im Juli 2020 war günstig, da wegen Corona keine Wettkämpfe möglich waren und die Olympia-Vorbereitung noch nicht begonnen hatte. Es folgte eine Reha und der Einstieg ins Wintertraining.

Niklas Kaul verkündet seine Ellenbogen-OP auf Instagram

Für Niklas Kaul gab es nur noch einen Fokus: der Zehnkampf in Tokio im Sommer 2021 - auch wenn nicht klar war, ob das Groß-Event noch einmal verschoben wird. "In meinem Kopf findet Olympia auf jeden Fall statt. Das brauchst du als Motivation. Sonst quälst du dich nicht im Winter, wenn es kalt ist und dunkel."

Training ohne Ende

Die Leichtathletik-Halle an der Mainzer Uni wird zur zweiten Heimat. Bis zu zehn Einheiten pro Woche absolviert er - oft fast ganz allein in der großen Halle. Wo sich sonst 60 bis 70 Kinder tummelten und trainierten, schuftet er nur zusammen mit seiner kleinen Trainingsgruppe. Schließlich dürfen zu dem Zeitpunkt nur Profis und Kaderathleten weiter trainieren. Die Gruppe um den Weltmeister isoliert sich fast vollständig von der Außenwelt. Die Angst vor einer Corona-Infektion oder einer Quarantäne ist da. Bloß kein Risiko eingehen.

Das gilt besonders für die beiden Olympia-Medaillen-Kandidaten in der Trainingsgruppe Kaul: Niklas und die Vize-Weltmeisterin im Siebenkampf von 2017, Carolin Schäfer. Sie trainiert seit eineinhalb Jahren in Mainz und spürt den guten Spirit in der kleinen Gruppe. Sie stellt rückblickend fest, dass sie alle gut durch die schwierigen Monate gekommen sind: "Wir sind eine verrückte Gruppe. Wir harmonieren gut, haben viel Spaß im Training und haben versucht, die Zeit gut für uns zu nutzen. Zum Glück haben wir keinen Lagerkoller bekommen und verstehen uns immer noch gut."

Ähnlich sieht es Niklas Kaul, der ehrlich zugibt, dass er auch mal eine Pause von den immer gleichen Gesichtern in der Leichtathletikhalle gebraucht hat: "Man hat da schon mal einen Durchhänger, kann die Trainingsgruppe nicht mehr sehen. An Weihnachten war es gut, dass man die Leute nicht getroffen hat, auch wenn man sie gerne mag. Die Trainingsgruppe hilft aber sonst sehr. Wenn man einen schlechten Tag hat, ziehen einen die anderen wieder hoch."

Olympia-Qualifikation - und dann eine Medaille?

Das Ergebnis der guten Zusammenarbeit zeigt der Einstieg in die Olympia-Saison in Frankfurt. Während dieser noch mehr ein Herantasten und eine Gewöhnung ans Wettkampfgeschehen war, steht am letzten Mai-Wochenende der erste echte Härtetest an: das Mehrkampf-Meeting im österreichischen Götzis.

Für den Weltmeister vom USC Mainz gilt es dann vor allem, sich fix für Tokio zu qualifizieren. 8.350 Punkte muss er dafür schaffen. Bei einer persönlichen Bestleistung von 8.691 Zählern geht Niklas Kaul diese Aufgabe noch recht entspannt an: "Definitv qualifiziert bin ich nicht, das muss ich erst mal noch fest machen. Auf der anderen Seite geht es darum, die ganzen Abläufe im Zehnkampf kennen zu lernen, wieder Spaß zu haben, weil es jetzt echt eine lange Zeit ohne Zehnkampf war."

Sein Ziel ist natürlich eine Medaille bei den Olympischen Spielen. Außerdem will er auch den deutschen Rekord von Jürgen Hingsen aus dem Jahr 1984 knacken. Der liegt bei 8.832 Punkten. Sollte Niklas Kaul dies bereits am 4. und 5. August in Tokio gelingen, wäre ihm eine Medaille so gut wie sicher – vielleicht sogar Gold.

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