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Er ist der Rekordmann unter den aktuellen Tokio-Reisenden aus Rheinland-Pfalz: Peter Joppich aus Koblenz. Der vierfache Weltmeister im Florettfechten bestreitet in Japan seine fünften Olympischen Spiele! Doch diesmal erlebte der 38-Jährige in der Vorbereitung ein wahres Gefühls-Karussell.

Trotz seiner Erfahrung von vier Olympiateilnahmen läuft für den Florettfechter Peter Joppich in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Tokio vieles anders. Das Hauptproblem: es fehlt die Turnier-Praxis. Der Weltcup etwa wurde komplett abgesagt. "Es ist die Schwierigkeit, dass man ein Jahr ohne Wettkämpfe ist, dass man nicht weiß, wo man steht und wo die anderen stehen", beschreibt Joppich das aktuelle Dilemma.

"Man konnte sich nicht messen. Wir haben einfach nur hier trainiert." Hier – das bedeutet der Olympiastützpunkt Rheinland in Bonn. Die Trainingsbedingungen sind hervorragend. Trotzdem: gegen die eigenen Kollegen aus der Nationalmannschaft hat jeder schon hunderte Male gefochten.

Notwendig wären neue, unerwartete Reize bei hochklassig besetzten Turnieren. Joppich lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen: "Wir machen jetzt die Vorbereitung auf Olympia und ich hoffe, dass ich trotz der langen Pause gut ins olympische Turnier reinrutsche."

Impfung als ungewünschter Härtetest

Diese Vorbereitung erlitt durch Corona allerdings empfindliche Rückschläge. Nicht nur die Turnier-Absagen und die diffizilen Hygiene-Vorschriften erschwerten den Trainings-Alltag Vor allem die Impfung setzte dem Routinier der CTG Koblenz heftig zu. "Wie ich die Impfung vertragen habe? Leider nicht so gut: Kopfschmerzen, Schüttelfrost, nachts hab ich im Bett gelegen und viel geschwitzt", erzählt er SWR Sport beim Neu-Start nach überstandenen Nebenwirkungen, die den vierfachen Einzel-Weltmeister wertvolle Zeit gekostet haben. "Ich merke es immer noch heute, das erste Training nach der Impfung ist anstrengend. Aber ich hoffe, dass es weiter bergauf geht und dass wir peu á peu das Training weiter steigern können."

Neue Reize im Kraftraum

Dieses Training gestaltet sich mittlerweile ganz anders als vor 18 Jahren, als Peter Joppich zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilnahm. Im Kraftraum arbeitet er mit dem Athletiktrainer des Stützpunktes zusammen, zum Beispiel mit freischwingenden Gewichten, die an Hantelstangen hängen und so den Körper des Athleten noch mehr fordern.

"Natürlich weiß ich, dass ich älter geworden bin. Aber mein Körper hat gut mitgespielt, ich bin verletzungsfrei"

Dutzende Male werden spezifische Bewegungsabläufe und Muskelbelastungen wiederholt. Was tut weh danach? Joppich lacht: "Im Moment Oberschenkel und Gesäß…"

38 Jahre und immer noch heiß

Neue Erkenntnisse im Kraftraum, dafür altbekannte Trainingsinhalte auf der Planche: Mann gegen Mann, Angriff, Verteidigung, auch hier unzählige Male variiert und ausprobiert. Peter Joppich weiß, dass er mit mittlerweile 38 Jahren haushalten muss mit den Energien. Ist das Alter ein Vor- oder ein Nachteil?

Der mehrfache Sportler des Jahres in Rheinland-Pfalz lacht erneut. "Gute Frage…" Kurze Gedankenpause. Dann fährt er fort: „Natürlich weiß ich, dass ich älter geworden bin. Aber mein Köper hat gut mitgespielt, ich bin verletzungsfrei. Und natürlich bringe ich viel Erfahrung mit.“

"Routine spricht für ihn"

Keiner kann die Stärken von Joppich besser beurteilen als Uli Schreck. Der Bundestrainer Florett war bereits dabei, als der Koblenzer 2012 die entscheidenden Punkte zum Gewinn der Bronzemedaille im Mannschaftswettbewerb macht – und er steht auch an diesem Tag in der Halle und arbeitet mit Joppich am Feinschliff.

Kann er einem Spitzen-Fechter, der schon vier olympische Turniere bestritten hat, denn überhaupt noch was beibringen vor dem fünften Start? "Es ist im Grunde genommen nichts mehr erlernbar", gibt Uli Schreck offen zu. Aber fügt genauso deutlich hinzu: "Ich kann mentale Stärke vermitteln. Und Peter war schon immer von der Einstellung her jemand, der solche Ausnahmesituationen erstaunlich positiv angeht."

Olympia als Familien-Unternehmen

Unverzichtbar im Sportler-Leben des Peter Joppich aber auch: das Familien-Leben. Partnerin Ina Gorius, selbst früher eine erfolgreiche Athletin, weiß genau, dass auch privat alles stimmen muss, um optimale Leistungen erbringen zu können: "Wir achten natürlich darauf, dass er bei jedem Olympia-Zyklus freien Lauf hat. Tja, und dann kam auf einmal Corona…"

Und warf alle Rahmenbedingungen über den Haufen – auch zuhause. Joppich: "Am Anfang konnte man die Bedrohung ja gar nicht einschätzen. Der Lockdown kam und da war viel Verunsicherung da, viel Angst."

Haupt-Augenmerkt: die Ansteckungsgefahr

Haupt-Augenmerk plötzlich: die Ansteckungsgefahr. Joppich und seine Familie reagierten. Sogar Töchterchen Nova trug maßgeblich zum Gelingen bei. "Wir haben sie bewusst aus dem Kindergarten rausgenommen, um das Risiko bestmöglich zu minimieren", erzählt Joppich.

Und Ina Gorius ergänzt: 2Wir haben uns große Mühe gegeben, das bei ihr weitestgehend zu kompensieren. Aber das ist natürlich sehr zeitaufwändig." Mit dem Ziel Olympia? Ina Gorius: "Richtig, mit dem Ziel Olympia. Alles ist darauf ausgerichtet!"

Das große Ziel: Tokio

Familie, Trainer, Sporthilfe, Sponsoren und der Athlet selbst: alle ziehen an einem Strang. Denn für einen Fechter gibt es nichts Größeres als Olympische Spiele. Und egal ob es in Tokio mit der Einzelmedaille endlich klappt oder nicht: Peter Joppich wird allein mit seiner fünften Olympia-Teilnahme eine herausragende Marke setzen!

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