IOC-Präsident Thomas Bach im SWR Sport-Interview (Foto: SWR)

Exklusiv-Interview vor den Olympischen Spielen

IOC-Präsident Bach: "Spiele wären uns unter den Händen zerbröselt"

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Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis zum 8. August) spricht IOC-Präsident Dr. Thomas Bach im Exklusiv-Interview mit SWR Sport über die schwierigen Diskussionen um die Verschiebung der Spiele, über die Zuschauerfrage und über demonstrierende Athlet*innen.

Stell' Dir vor es sind Olympische Spiele und keiner darf hin. Das 17-tägige Mega-Event ist für jede Stadt eine Belastungsprobe. London (2012), Rio de Janeiro (2016), nun Tokio - die olympische Familie landet in der Stadt, genießt Privilegien und ist dann wieder weg. Die besten Athlet*innen der Welt sehen zu können ist die Entschädigung für sieben Jahre Baustelle.

Und jetzt das: Die Spiele werden weitgehend ohne Zuschauer stattfinden. Anhänger von den meisten sportlichen Wettbewerben in Tokio auszuschließen sei keine leichte Entscheidung gewesen, aber sie sei notwendig, sagte Thomas Bach im Gespräch mit SWR Sport, zugeschaltet aus dem TV-Studio, dass das Interationale Olympische Komitee (IOC) eingerichtet hat. Bloß keine Kontakte - "Social distancing". In Tokio wurde der "Notstand" verlängert. Notstand, nicht "Lockdown" oder Ausnahmezustand. Bars und Restaurants sind geöffnet - auch wenn sich die Sportler*innen und Journalist*innen in der Stadt kaum bewegen dürfen.

Leeres Nationalstadion in Tokio vor den Olympischen Spielen 2020 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Marco Wolf | Marco Wolf)
Die Stadien in Japan werden, so wie das Nationalstadion in Tokio, bei den Olympischen Spielen in diesem Sommer leer bleiben. Wegen der Corona-Pandemie werden die Spiele als "Geisterspiele" ausgetragen. picture alliance / Marco Wolf | Marco Wolf

Zweifel auch beim IOC-Präsidenten

Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio war Bach offenbar selbst oft am Zweifeln. Als man die Spiele im März 2020 um ein Jahr verschoben habe, habe man die Komplexität der Entscheidung gar nicht überschauen können, so der Tauberbischofsheimer. "Dafür gab es kein Vorbild. Das war absolutes Neuland, das wir betreten haben und da gab es jeden Tag Zweifel, Überlegungen an so vielen Entscheidungen." Dabei wollte Bach verhindern, dass darüber öffentlich diskutiert wird.

"Stellen Sie sich vor, wir hätten all diese Zweifel, all diese Überlegungen, all dieses Ringen, auf dem offenen Markt ausgetragen. Dann wären uns diese Spiele unter den Händen zerbröselt, weil wir nirgends hätten Vertrauen schaffen können - nicht bei den Athleten, nicht bei den Nationalen Olympischen Komitees, nicht bei den Sponsoren, nicht bei der japanischen Regierung, nicht bei der internationalen Gemeinschaft, die uns sehr, sehr unterstützt hat - von den Vereinten Nationen über die G7 und die G20."

Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, die immer noch Tokio 2020 heißen, ist sich Bach sicher: "Wenn wir dort diese Unsicherheit gesät hätten, hätten wir niemals diese Unterstützung erfahren. Das war ein erschwerender Faktor. Und dafür muss man den einen oder anderen um Verständnis bitten, aber auch all diesen Unterstützern noch viel dankbarer sein, weil sie uns vertraut haben."

Jeder hätte gerne volle Stadien gesehen

Was der 67-Jährige davon hält, dass beim Finale der Fußball-EM in London 65.000 Zuschauer zugelassen waren, wollte er nicht sagen, die Bedingungen seien andere. Ein Fußballspiel sei ein Einzelereignis, bei Olympischen Spielen dagegen finden eine Vielzahl von Wettbewerben gleichzeitig statt. Dazu seien viele Verkehrsbewegungen notwendig, "Social Distancing" könne nicht mehr eingehalten werden - im öffentlichen Personenverkehr und in den Restaurants. "Ich glaube, jeder hätte lieber volle Stadien gesehen und volle olympische Atmosphäre. Aber es war eine notwendige Entscheidung, von der wir schon vorher gesagt haben, dass wie immer sie ausfällt, wir zustimmen werden", so Bach.

Jubel aus dem Archiv gegen Geisterspiele

Die IOC-eigene Produktionsfirma OBS wird 9.000 Sendestunden produzieren. Um den Athlet*innen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind, werden Geräusche und Jubel von vergangenen Spielen passend zu den jeweiligen Wettbewerben aus den Archiven geholt und in den Arenen über Lautsprecher eingespielt. Die Geister vergangener Spiele bei den ersten Geisterspielen.

Demonstrationsrecht in Tokio und Peking 2022

Eine weitere Neuerung: Auf Initiative der IOC-Athleten-Kommission wurde die Regel 50.2 (Demonstrationen, Werbung, Propaganda) der Olympischen Charta gelockert. 3.500 Athlet*innen aus 185 Nationen hatten Vorschläge eingereicht. Bei Interviews, Pressekonferenzen und selbst in den Stadien können Athlet*innen für Ihre Meinung einstehen - so lange sich der Protest nicht gegen die Konkurrenten richtet. Die neue Meinungsfreiheit soll zunächst in Tokio getestet werden, aber auch bei den anstehenden Winterspielen in Peking 2022, so Bach.

Dafür wird das IOC vermutlich auch die Olympische Charta ändern: "Ich gehe davon aus, dass dort die Charta präzisiert werden muss, weil sie in Teilen tatsächlich zu Missverständnissen geführt hat und führt. Und deshalb wird das aus meiner jetzigen Sicht wahrscheinlich dann die Lösung sein, dass die Charta hier entsprechend angepasst wird."

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