Ricarda Funk (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa)

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Ricarda Funk holt erstes Gold für Deutschland - und denkt an die Flutopfer in ihrer Heimat

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Ricarda Funk aus Bad Kreuznach hat im olympischen Kanu-Slalom Gold geholt. Es ist die erste Goldmedaille fürs deutsche Team bei den Spielen in Tokio. Und Funk widmet sie ihrem von der Flutkatastrophe schwer getroffenen Geburtsort Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Sie schüttelt ihren Kopf, hält ihre Hand immer wieder vor ihren von der Schutzmaske verdeckten Mund, so als könne sie nicht ganz fassen, was gerade passiert ist. Ricarda Funk aus Bad Kreuznach hat das erste Gold für die deutsche Olympiamannschaft geholt, vor der Spanierin Maialen Chourraut und Jessica Fox aus Australien.

"Ich kann es wirklich nicht glauben, es war mein Traum und mein Traum ist Realität geworden. Das hätte ich mir niemals erträumen können. Das ist der Wahnsinn."

Funk denkt an Geburtsort Bad Neuenahr-Ahrweiler

In der Stunde ihres größten Erfolgs dachte Funk an ihren Geburtsort Bad Neuenahr-Ahrweiler und die Menschen, die in der Region leben und unter der Flutkatastrophe leiden. "Es war schrecklich, die ganzen Bilder zu sehen, mein Mitgefühl geht nach Hause. Der Kreis Ahrweiler ist stark, zusammen sind wir noch stärker. Ich drücke die Daumen, dass wir gemeinsam durchkommen."

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Funk hat die Katastrophe aus der Entfernung beobachtet und immer wieder bei Freunden und Familie angerufen, um sich zu erkundigen. Ihre Eltern leben noch heute im nur wenige Kilometer entfernten Bad Breisig, helfen bei den Aufräumarbeiten mit. Auch die Strecke in Sinzig, auf der die erste deutsche Goldmedaillengewinnerin von Tokio das paddeln gelernt hat, sei komplett zerstört. "Das ist supertraurig, da bin ich aufgewachsen und dort hat alles angefangen", sagte Funk: "Es tut im Herzen weh, die Heimat so zu sehen. Ich bin unfassbar traurig wegen all der Menschen, die so leiden momentan."

Funk erinnerte sich auch an ihren in Rio tödlich verunglückten Trainer Stefan Henze: "Der ist ganz tief im Herzen und er ist überall mitgefahren, auf der ganzen Reise, bei jedem Wettkampf und bei jedem Training", sagte sie mit Tränen erdrückter Stimme. Leise fügte sie an: "Und er gibt mir immer noch meine Tipps." Henze war bei den vergangenen Olympischen Spielen in Rio an den Folgen eines Autounfalls gestorben. 

Lebenslange Vorbereitung

Die 29-Jährige hat hart und akribisch für diesen Moment gearbeitet. Mehrere Monate hat sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Bei winterlicher Kälte ging sie am Stützpunkt in Augsburg aufs Wasser. Kameras haben die Fließgeschwindigkeit des Wasser gemessen, Spezialpaddel ihre Kraftwerte aufgezeichnet, ihre Blutwerte wurden immer wieder analysiert, um ihre Leistung kontinuierlich zu verbessern. Sie hat auf dem Wasser und an Land trainiert. Bis zu 17 Einheiten pro Woche. Corona hat die Vorbereitung erschwert. Ein sechswöchiger Aufenthalt in Australien war nicht möglich. Deshalb hat sie in der Augsburger Kälte gearbeitet, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Vor fünf Jahren nicht dabei

Vor fünf Jahren hat sie die Olympia-Qualifikation noch verpatzt. Diesmal hat sie lange gebangt, ob die Spiele wirklich stattfinden können. "Ich habe mir sehr lange sehr viele Sorgen gemacht, ob das Ganze hier stattfinden wird. Ich habe mich nicht vier - in dem Fall fünf - Jahre darauf vorbereitet, sondern ein ganzes Sportlerleben lang", sagte Funk.

Sie war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, da saß sie mit Vater Thorsten zum ersten Mal im Boot. "Ich kann mich daran erinnern, dass wir auf dem Rhein gefahren sind. Wir sagten: Die Wellen von den Schiffen sind wie Kindergeburtstag, wir wollen da ein bissel mehr erleben." Anfangs dachte sie, Kanuslalom sei etwas für Jungs. Sie wollte lieber Reiten oder Tanzen. Bei ihrem ersten Wettkampf wurde sie Letzte. "Danach habe ich mir gesagt: Nie wieder." Mit 14 hat sie das Tanzen aufgegeben und sich für das Kanu entschieden.

Wobei Funk, mit 53 Kilogramm eine der leichtesten unter den Top-Athletinnen, immer noch tänzelt. Jetzt eben über die Wellen. Im Olympischen Finale kommt sie nur an Tor 16 einmal von der perfekten Linie ab. In den letzten Lauf war sie als Drittplatzierte gestartet, am Ende stand sie ganz oben.

Glückwünsche von Kaul und Kazmirek

Die beiden rheinland-pfälzischen Zehnkämpfer Niklas Kaul (USC Mainz) und Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) freuen sich mit Funk. Die Leistung sei "der Hammer" gewesen, sagte Kazmirek.

Kaul, der Funk ein paar Mal schon persönlich begegnet ist, freut sich auch deshalb "riesig", weil er weiß, wie sehr sich die Kanutin auf die Spiele in Tokio vorbereitet hat.

Pure Euphorie

Einige Sekunden nach ihrem Erfolg weicht das ungläubige Kopfschütteln der Euphorie. Funk springt mit ihrem Trainer-Team ins Wasser. Sie hat einst erzählt, dass sie eine Vorliebe für Harry Potter und die Zauberei habe. Jetzt hat sie ihren eigenen magischen Moment geschaffen.

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