Malaika Mihambo (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Olympia | Weitsprung

Olympiasiegerin Mihambo: "Der steinige Weg hat sich gelohnt"

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Die Heidelberger Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo hat bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille gewonnen. Die 27-Jährige sprang im letzten Versuch 7,00 Meter.

Sie schreit, sie weint, sie wirft der Kamera Küsschen zu: Als die Anzeigetafel bestätigt, dass Malaika Mihambo tatsächlich olympisches Gold gewonnen hat, lässt die Heidelbergerin ihren Gefühlen freien Lauf.

Mihambo lag vor ihrem letzten Versuch auf Platz drei. Ese Brume und Brittney Reese waren weiter gesprungen. Dann setzte Mihambo zu ihrem letzten Sprung an, klatschte sich auf die Oberschenkel, stieß einen kurzen Schrei aus, rannte los und sprang 7,00 Meter. Fünf Zentimeter weiter als ihr bis dahin im olympischen Finale gelungen waren.

Mihambo setzte damit die US-Amerikanerin Reese und die Nigerianerin Brume unter Druck. Beide waren 6,97 Meter gesprungen, beide konnten mit ihren letzten Sprüngen nicht mehr kontern. Reese gewann aufgrund des besseren zweiten Versuchs Silber. Brume holte Bronze. Und Deutschland hat 21 Jahre nach Heike Drechsler wieder eine Weitsprung-Olympiasiegerin. "Der Wettkampf hört erst nach dem sechsten Versuch auf. Ich glaube, das Wichtigste war, dranzubleiben, nie den Glauben zu verlieren und zu wissen, ich habe noch einen Versuch", sagte Mihambo nach dem Wettkampf im ZDF mit Tränen in den Augen.

Ihre schwere Vorbereitung mit der Umstellung ihres Anlaufs habe sich bezahlt gemacht. "Ich bin super glücklich. Ich habe gewusst, dass ich das auf jeden Fall kann. Dieser lange und steinige Weg hat sich auf jeden Fall gelohnt."

Spannender Wettkampf

Brume setzte sich im ersten Durchgang mit 6,97 Metern an die Spitze. Mihambo kam nach solidem Auftakt (6,83 Meter) bis auf zwei Zentimeter heran. Die 34 Jahre alte Reese schob sich an der weitengleichen Brume vorbei, die Serbin Ivana Spanovic blieb mit 6,91 Metern ebenfalls auf Medaillenkurs.

Zur Halbzeit lagen die besten fünf innerhalb von neun, die besten acht innerhalb von 17 Zentimetern. "Wenn ich mal einen auf dem Brett treffe, passt das auch von der Weite her", hatte Mihambo nach der Qualifikation gesagt. Das wurde aber im Finale ein Problem: In Durchgang drei verschenkte sie 20 Zentimeter, kam aber dennoch auf 6,78 Meter. In der vierten Runde lief sie durch. "Irgendwas ist anders geworden", rief sie ihrem Trainer Ulrich Knapp auf der Tribüne zu.

Sie fand ihren Rhythmus nicht, übertrat im fünften Versuch. Als sie dann aber Bronze sicher hatte, legte sie alles in den letzten Sprung. Mihambo traf das Brett nicht, verschenkte 19,5 Zentimeter - und dennoch leuchteten die entscheidenden sieben Meter auf.

Gute Qualifikation

In der Qualifikation hat Mihambo an der Siebenmetermarke gekratzt. Mit 6,98 Metern war sie die zweitstärkste Athletin im Vorkampf. "Es war gut, durch die schwere Saisonphase immer den Kopf oben behalten zu haben."

Selbstzweifel

Im Coronajahr hat sie ihren Anlauf verändert. Auch wegen einer Verletzung und um sich zu schonen, hat sie ihn von 20 auf 16 Schritte verkürzt. Das habe sie fast ein halbes Jahr gekostet. "Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass es so hart ist. Da kommen viele Selbstzweifel hoch: Kann ich das überhaupt noch? Bin ich gut genug? Kann ich mithalten?", erklärt sie offen. Mihambo kam nicht mehr zurecht, kehrte vor einem halben Jahr zu ihrem gewohnten Anlauf zurück. Doch sie hat Probleme, ihre alte Sicherheit wiederzufinden. Ihre reguläre Bestweite 2021, also die von Rückenwind bereinigte, stand bei 6,92 Metern. Neun Athletinnen waren weiter gesprungen.

Überfliegerin 2019

Von Selbstzweifeln und Unsicherheit war Mihambo vor zwei Jahren weit entfernt. Bei der Weltmeisterschaft in Katar flog sie allen davon. Mit einer Weite von 7,30 Metern gewann sie Gold und war von da an die große Favoritin auf den Sieg in Tokio. Einige fragten sich sogar, ob sie den einstigen Weltrekord von Heike Drechsler übertreffen würde. 7,44 Meter war Drechsler 1985 gesprungen. Dann kam Corona und das Problem mit dem Anlauf.

2016 in Rio war Mihambo noch knapp an einer Medaille vorbei gesprungen, mit 6,94 Metern war sie Vierte geworden. Nun ist sie die vierte deutsche Weitsprung-Olympiasiegerin nach Heide Rosendahl (1972), Angela Voigt (DDR/1976) und Heike Drechsler.

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