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Diesen Sommer wollte sich Max Lemke einen Traum erfüllen: Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio. Doch die Corona-Krise hat dies vorerst verhindert. Seinen Frust hat der Kanute mit Bohnen abgemildert.

Eigentlich wäre Max Lemke gerade auf dem Weg nach Tokio. Der Kanute wäre Anfang August bei den Olympischen Sommerspielen im 4er-Kajak gestartet und wäre wohl Olympiasieger geworden, denn das deutsche Boot galt als klarer Favorit auf den Sieg. Das Problem mit dem Konjunktiv: Er ist meist unbefriedigend.

Kaffee gibt Lemke Sicherheit

Max Lemke ist mit 23 Jahren jung genug, um eine Verschiebung der Spiele zu verkraften. Hinzu kommt, dass der umtriebige Kanute derzeit auch seine Karriere an Land vorbereitet. Gemeinsam mit Freunden hat er vor zwei Jahren eine Firma gegründet, die Kaffee vertreibt. Ein wichtiger Baustein für die Zukunft, aber auch ein weiterer Anker in durchaus schwierigen Zeiten wie diesen. "Ich glaube, es gibt einem auch im Sport die Ruhe zu wissen, dass man noch etwas anderes hat. Vor allem in der Corona-Zeit standen viele Sportler da und fragten sich, was mach ich jetzt? Da ist es in meiner Situation auch einfach gut, noch etwas anderes zu haben", sagte das 90 Kilogramm schwere Muskelpaket. "Ich habe gesagt: kein Problem. Dann habe ich jetzt mehr Zeit, mich auf das zu konzentrieren."

Lebenstraum Olympisches Gold

Die Arabica-Bohnen zieren auch sein Sportgerät, seine Kaffee-Liebe macht eben vor nichts Halt. Dass er sich diese Woche beim WSV Mannheim-Sandhofen auf einen nationalen Wettkampf vorbereitet, statt sich bei den Olympischen Spielen in Tokio seinen Lebenstraum zu erfüllen, ist hart für ihn - sehr hart sogar. Aber inzwischen hat er es einigermaßen verarbeitet: "Ich glaube, wir hatten auch jetzt schon eine lange Phase, um uns damit zu befassen, dass das Ganze dieses Jahr nicht mehr stattfindet und haben uns mit dem Gedanken abgefunden."

Training statt Olympischer Wettkampf, drei Kraft- und Ausdauer-Einheiten pro Tag und das ohne konkretes Ziel. Das zehrt an den Nerven - vor allem, wenn man wie Max Lemke den Wettkampf liebt. Das weiß auch Bundestrainer Arnd Harnisch: "Er ist ein Wettkampftyp. Training ist manchmal ein bisschen schwieriger, da muss man ihn ein bisschen animieren."

Ungewisse Zukunft ist problematisch

Mit elf Jahren entdeckte Lemke seine Leidenschaft zum Kanusport. Vom Fußballplatz zog es ihn auf den Rhein. Erfolge stellten sich schnell ein: Junioren-Europameister im Einer-, Junioren-Europa- und Weltmeister im Zweier-Kajak. Und seit 2016 ist er Mitglied des fast ungeschlagenen 4er-Kajaks. Max Lemke sitzt ganz hinten, schiebt das deutsche Kajak-Flagschiff quasi an. Drei WM-Titel in Folge, Weltcupsieger - der deutsche Kajak-4er war klarer Favorit auf Olympia-Gold. Die Verschiebung der Spiele ist daher umso bitterer.

Auch Max Lemkes Eltern Silke und Andreas hatten für Tokio schon alles vorbereitet: "Wir hatten ja schon eine Wohnung in Tokio", ärgert sich Vater Andreas. Auch er war noch nie bei den Olympischen Spielen: "Das war auch unser Wunsch, da einmal dabei zu sein."

Doch Max Lemke ist ein Kämpfer. Sich frustriert verstecken, ist nicht seine Sache. Dass Corona auch die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2021 verändern wird und er derzeit nichts richtig planen kann, beschäftigt Lemke: "Was natürlich doof ist, ist, dass wir wahrscheinlich nicht unsere normalen Trainingslager Vorbereitungen machen können, weil die Länder, in denen wir sonst unterwegs waren, vielleicht noch nicht zugänglich sind, wenn wir wieder unsere Vorbereitung starten. Florida wird wahrscheinlich schwierig im November."

Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (von vorne) im 4er-Kajak beim Weltcup in Duisburg 2019. (Foto: Imago, imago images / Sven Simon)
Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (von vorne) im 4er-Kajak beim Weltcup in Duisburg 2019. Imago imago images / Sven Simon

Kaffee als erlaubtes Dopingmittel

2017 hat Max Lemke an der integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried Abitur gemacht. Für ihn wichtig, denn er will noch Digital Business studieren, um sein Kaffee-Start-Up weiter voran zu bringen. Unter den Kanuten habe sich sein Spezial-Koffein-Drink, der kalt gebrühte Kaffee, schon längst durchgesetzt, sagt Max Lemke mit ein wenig Stolz. "Tatsächlich trinkt ein großer Teil der Nationalmannschaft vor den wichtigen Rennen unseren Kaffee. Wir hatten bei der letzten Weltmeisterschaft zehn Liter von unserem 'Cold Brew' als Booster vor dem Rennen dabei."

Die Olympia-Verlegung war hart für Max Lemke, doch er sieht es als Herausforderung - und wird dann eben 2021 Olympiasieger.

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