Baumann (Foto: Imago, imago)

Olympia | Jackie Baumann

Irgendwann gesteht man sich ein: "Olympia? Keinen Bock auf den ganzen Quatsch"

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Die Hürdenläuferin Jackie Baumann war eine der großen Hoffnungen der deutschen Leichathletik. Völlig unvermittelt aber zog sie sich im vergangenen Jahr aus dem Leistungssport zurück. Sie fühlte sich als "Verbrauchsobjekt". Und versteht gut, was mit US-Turn-Star Simone Biles gerade passiert. Erklärungsansätze im Interview mit SWR-Sportreporter Günther Schroth.

Jackie Baumann, Sie haben wie wir alle gehört, dass sich die beste Turnerin der Welt, Simon Biles, aus Wettkämpfen beim wichtigsten Wettbewerb der Welt, nämlich bei Olympia, verabschiedet hat. Was haben Sie denn im ersten Moment gedacht, als Sie das gehört haben?

Eigentlich hab’ ich gedacht: die Arme! Also das sind ja so Momente, Olympische Spiele: Alle feiern sich, dass sie dort sind. Alle freuen sich. Die ganzen Social Media sind voll! Und du musst dir in dem Moment eingestehen: also eigentlich hab’ ich keinen Bock auf den ganzen Quatsch! Und dann aber die Größe zu haben und zu sagen: Okay, ich lass es, ist dann schon wieder, wo ich sage: Okay, wow! Dazu gehört ein ganzes Stück Mut und ein ganzes Stück Persönlichkeit, glaube ich.

Athleten sind Verbrauchsobjekte

Wenn Sie sagen "kein Bock auf den Quatsch" - was bedeutet das Wort Quatsch? Lastet zu viel Druck auf den Athleten?

Ich bin momentan in der Vorbereitung auf das Staatsexamen und lese gerade relativ viel über den DDR Sport. Und was man leider immer hört ist diese Planerfüllung. Das Problem ist, ich glaube, dass wir momentan bei den Funktionären genau das gleiche Problem haben. Wir haben einen Plan, einen Medaillen-Plan, der soll erfüllt werden. Und mit dem wird man immer wieder konfrontiert, immer wieder, immer wieder bei jeder Mannschafts-Sitzung, bei jedem Ereignis. Haben wir die Leistung erfüllt oder haben wir sie nicht erfüllt? Und du wirst nur daran gemessen und es geht so ein bisschen verloren, dass man ein Mensch ist. Und keine Maschine! Sondern dass man ein Mensch ist, dass man was fühlt. Und dann ist Olympia halt riesengroß. Und der Medien-Aufmarsch, der kommt noch dazu. Und dann kommen die eigenen Erwartungen auch noch dazu und irgendwann steht man da und denkt so: okay, das ist jetzt alles ein bisschen viel. Ich glaube, dass man das lernen kann, mit diesem Gefühl umzugehen. Aber ich glaube auch, dass es Menschen gibt, denen das ganz nahe geht. Biles ist niemand in dem System Sport, die einfach sagt: "Oh, ist alles toll hier, ich mach das alles super gerne und jeder unterstützt mich. Und jeder steht hinter mir." Ich glaube, sie ist tatsächlich eine kritische Person, die sagt: "Also, so richtig läuft das alles nicht." Es wird nicht wirklich fair und nett mit den Athleten umgegangen. Wir sind Verbrauchs-Objekte.

Plötzlich sind die Automatismen weg

Und das ist auch Simone Biles passiert. Und es ist ja eigentümlich, dass ihr völlig selbstverständliche Automatismen abhanden gekommen sind. Pötzlich kann sie die einfachsten Übungen, also für sie einfachsten Übungen, nicht mehr turnen. Sie haben auch eine schwierige technische leichtathletische Disziplin gehabt (400 m Hürden, d. Red.). Können Sie sich vorstellen, dass man das plötzlich verlernt. Dass der Automatismus über die Hürde zu kommen weg ist wegen sowas?

Ich hab’s ja selber erlebt, bei mir war das ja ähnlich. Nach 200 Meter hat's mir den Stecker gezogen. Aber ich glaube, das ist unabhängig, welche Disziplin man macht, also, ob man jetzt hundert Meter läuft, zweihundert Meter läuft. Es können überall Automatismen, die man sich antrainiert hat, einfach wegfallen. Es gibt Athleten, die beim Sprint einfach auf einmal stehen bleiben, weil irgendwas nicht funktioniert. Weil irgendwas nicht passt oder sie am Start stolpern oder irgendwas. Oder man bei einem langen Lauf die letzten hundert Meter auf einmal einfach einbricht. Das ist was, was man nicht so ganz fassen kann. Das ist auch, was man sich nicht erklären kann, und das ist das Unbefriedigende eigentlich.

Letztes Jahr im August haben wir darüber berichtet, dass Sie sich vor Olympia zurückgezogen haben. Jetzt, nach fast einem Jahr: wie geht es ihnen damit? Und wie fühlt es sich an, in Tokio zugucken zu müssen beziehungsweise zu dürfen?

Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung für mich persönlich. Es ist natürlich nicht leicht, sich das anzuschauen. Obwohl: ich freue mich jetzt auf die Leichtathletik. Ich habe viele Freunde aus der Zeit, die ich dann sehr gerne auch im Fernsehen anschaue, wo ich mir dann auch denke, ja, da werde ich mitfiebern. Ich selber würde nicht dort sein wollen, da muss ich ehrlich sein, Ich habe jetzt schon immer mehr das Gefühl, ich bin so ein Organisator, ich bin so ein Helfer. Ich will eine andere Funktion im Sport . Ich will eine menschliche Funktion im Sport haben. Ich will was weitergeben von dem, was ich gelernt habe.

Der Trainer muss den richtigen Wink geben

Auf der anderen Seite sind Sie jetzt Trainerin. Wenn sie jetzt so ein Juwel in die Hand kriegen und Sie sehen, das ist eine Olympia-Kandidatin: wie würden sie die wappnen gegen das, was Simone Biles passiert ist?

Ich glaube, man kann Menschen dafür nicht wappnen. Ich glaube, es gibt die Typen, die sagen, sie gehen in jeden Wettkampf und haben Spaß dabei. Ich glaube aber im Moment, wo klar ist, dass Athleten mit diesem Sport nicht mehr Spaß haben, muss man sie fragen, ob sie nicht eine andere Rolle wollen. Ob sie das nicht auf einer anderen Ebene machen wollen. Das ist ja immer noch eine individuelle Entscheidung und ich glaube, das ist das, was man niemandem wegnehmen kann. Es gibt einen Punkt, bis wohin man kämpfen will und bis wohin man das auch versuchen will. Das ist ja nichts, was man einfach so aus der Hand gibt. Ich glaube, das einzige, was man als Trainer wirklich machen kann, ist zuhören, zuschauen und am Ende dann vielleicht mal den Wink in die richtige Richtung machen.

Glauben Sie, dass Simone Biles wieder in den Wettkampf einsteigen wird? Sie könnte jetzt ja noch die Gerätefinals turnen.

Also sagen wir so, als Sportlerin würde ich mir wünschen, dass sie das macht, weil sie eine Turnerin ist, die die letzten, ich weiß gar nicht acht Jahre, zehn Jahre irgendwie geprägt hat. Und ich kann mich an 2016 oder 2012 erinnern, wo ich total geflasht war von ihrem Schwebebalken. Aber ich glaube persönlich, menschlich, würde ich mir wünschen, dass sie ohne Druck diese Entscheidung fällen kann. Dass kein Funktionär, kein Coach, kein Niemand ihr da rein redet, sondern dass sie sich jetzt ernsthaft darüber Gedanken machen will, ob sie sich da nochmal hin stellt oder nicht. Das würde ich mir für sie wünschen.

Und wenn sie ihre Trainerin wären, was würden Sie ihr sagen?

Ich würde ihr sagen, dass sie sich jetzt mal zwei Tage Zeit nehmen soll, um das Ganze zu überdenken und dann ihre Meinung dazu äußern soll und ich, egal was kommt, hinter ihr stehen werde. Ich kann mich erinnern, als ich meinem Freund gesagt hab, ich höre auf, hat er gesagt: okay. Das war alles. Ich musste mich nicht rechtfertigen. Er hat nur okay gesagt.

Und das war auch gut so?

Das war wunderbar, das war das Beste, was er hätte sagen können in dem Moment. Und ich glaube, als Trainer ist es schwieriger, deutlich schwieriger, weil man ja selbst so viel reinsteckt und ich glaube, das ist am Ende so ein Schock Moment, wo man denkt: 'ach, warum schmeißt man alles in dem Moment weg?' So war es bei mir auch. Aber es geht ganz schnell, dass dann dieses Verständnis kommt, weil wir alle wissen, das es nicht erste Mal so ist. Sondern das bahnt sich ja an.

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