Simone Biles bei den Olympischen Spielen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Kunihiko Miura)

Olympia

"Dämonen im Kopf" - Simone Biles und die mentale Gesundheit im Spitzensport

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INTERVIEW

Enormer Druck und "Dämonen im Kopf" haben Turn-Weltstar Simone Biles dazu bewogen, aus den Wettkämpfen bei den Olympischen Spielen in Tokio auszusteigen. SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller erklärt, warum das Thema "Mentale Gesundheit" im Spitzensport immer noch ein Tabu ist.

Wie sehr hat es dich überrascht, dass die weltbeste Turnerin Simone Biles, die schon so viele Drucksituationen gut gemeistert hat, plötzlich dem Ganzen nicht mehr gewachsen ist?

Johannes Seemüller: Einerseits hat es mich überrascht, dass sie mitten im Wettkampf ausgestiegen ist. Ich habe in vielen Gesprächen mit Spitzensportlern davon gehört, dass diese ihre Wettkämpfe trotz einer enormen mentalen Belastung durchgezogen haben; erst danach sind sie quasi zusammengebrochen. Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie direkt nach dem Gewinn von zwei WM-Titeln mehrere Wochen lang ein "mentales Wrack" gewesen sei. Deshalb also: Ja, es hat mich überrascht, dass Biles mitten im Wettkampf die Reißleine gezogen hat.

Andererseits muss ich sagen: Nein, es hat mich doch nicht so sehr überrascht. Denn ich weiß von anderen Spitzensportlern, dass sie in Wettkämpfen auch schon mal einen mentalen Einbruch erlebt haben. Sie haben nur anschließend nicht öffentlich darüber gesprochen. Bei Simone Biles hatte sich das alles offenbar schon angedeutet.

Am Freitag hat sie ein Video veröffentlicht, auf dem man sehen kann, dass sie schon in den Trainingseinheiten in Tokio völlig neben sich stand. Unmittelbar vor ihrem Wettkampf hatte sie dann mit - wie sie es nannte - "Dämonen im Kopf" zu kämpfen. Das muss ein fürchterlicher innerer Zustand gewesen sein. Eine Art Kontrollverlust. Ich denke, sie hat sich richtig entschieden, den Wettkampf zu beenden - im Sinne ihrer eigenen Gesundheit.

Ex-Fußballnationalspieler Dietmar Hamann hat Simone Biles für Ihr Verhalten kritisiert und gesagt: "Wenn sie (den Wettbewerb) angefangen hat, denke ich, dass sie in der Lage war, auch anzutreten. Wenn Aufhören und Fallen das neue Gewinnen ist, bin ich raus." Wie denkst du über diese Aussage?

Seemüller: Ich denke, dieses Statement sagt mehr über das Denken und die Einstellung von Didi Hamann aus, als über Simone Biles. Für mich heißt seine Aussage übersetzt: "Du musst dein Ding auf Teufel komm raus durchziehen. Egal, wie es dir geht: Höre nicht auf deinen Körper und deine Psyche. Stell dich nicht so an, du Schwächling!" Wenn Hamann so mit sich selbst und mit seinem Umfeld umgeht, dann tut er mir leid.  

Ich halte es eher für eine große Stärke, auf sich, auf seinen Körper und seine Psyche zu hören - so, wie es Simone Biles getan hat. Sie muss doch niemandem mehr beweisen, dass sie mental unfassbar stark ist. Seit 20 Jahren hat sie sich durch diese knallharte Turnszene mit vielen Schmerzen und Entbehrungen bis in die absolute Weltspitze durchgebissen, hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Sie wurde von ihrem ehemaligen US-Teamarzt Larry Nassar sexuell missbraucht und hat schlimme Jahre durchlitten. Und jetzt maßt sich ein ehemaliger Fußballprofi aus der Distanz an, so über sie zu urteilen. Das ist wirklich bitter.

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Nur wenige Sportler wie Simone Biles oder auch Tennisstar Naomi Osaka machen ihre mentalen Probleme öffentlich. Psychische Erkrankungen nehmen zwar auch bei uns in Deutschland rapide zu, aber sie gelten - vor allem im Spitzensport - immer noch als Stigma. Warum ist das so?

Seemüller: Weil jemand, der zugibt, dass er psychische Probleme hat, von weiten Teilen unserer Gesellschaft immer noch als "schwach" angesehen wird. Dabei sind laut Deutscher Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) allein in Deutschland jedes Jahr gut 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen.

Wir tun aber immer noch so, als ob Spitzensportler damit nichts zu tun haben dürften und idealisieren unsere Sporthelden. Dabei wissen wir aus Studien, dass auch Leistungssportler ein Erkrankungsrisiko haben, das mit dem Rest der Bevölkerung vergleichbar ist. 

Naomi Osaka tritt im Viertelfinale des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart gegen Donna Vekic an (Foto: Imago, imago images / Kyodo News)
Auch Naomi Osaka machte ihre mentalen Probleme öffentlich und verzichtete deswegen sogar auf die Teilnahme an Grand-Slam-Turnieren. Imago imago images / Kyodo News

Ich finde es schon erstaunlich: Wir akzeptieren alle, dass ein Fußballprofi nach einem Kreuzbandriss bis zu zwölf Monate ausfällt, aber wir haben wenig Verständnis dafür, wenn sich ein Athlet wegen mentaler Probleme vielleicht einige Monate rausnehmen muss.

Kein Wunder, dass die Sportler Angst haben, über ihre mentalen Probleme offen oder gar öffentlich zu reden. Sie haben Angst, aussortiert zu werden oder Sponsoren zu verlieren. Hinzu kommt der Druck durch die sozialen Medien. Wie dort mit Athleten umgegangen wird, wenn sie nicht liefern, haben wir erst kürzlich bei den drei jungen englischen Fußball-Nationalspielern mitbekommen, die im EM-Finale gegen Italien ihre Elfmeter verschossen haben. Spitzensportler führen wirklich ein Leben am Limit.

Fußball: EM-Final. Englands Kalvin Phillips und Luke Shaw trösten ihren Mannschaftskameraden Bukayo Saka, nachdem dieser beim Elfmeterschießen einen Elfmeter nicht verwandeln konnte.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Nachdem Bukayo Saka seinen Elfmeter im EM-Finale gegen Italien verschossen hatte, wurde er in den Sozialen Netzwerken rassistisch beleidigt. Picture Alliance

Du hast für dein Buch "Am Limit - Wie Sportstars Krisen meistern" mit vielen Sportgrößen auch über das Thema Seelische Gesundheit gesprochen. Wie offen hast du die Sportler erlebt?

Seemüller: Sehr offen. Bei einigen hatte ich sogar den Eindruck, dass sie froh waren, auch mal über dieses Thema reden zu können. Sie waren dankbar, dass sich jemand dafür interessiert, wie sehr sie unter Druck stehen, wie hoch die Erwartungen an sie sind und dass nicht immer alles Hochglanz ist in ihrem Leben. Sie haben mir von Magersucht, Burnout, Depressionen oder Versagensängsten erzählt.

Dabei wurde deutlich: Vor allem diejenigen, die am Ende ihrer Karriere stehen oder die ihre Karriere bereits hinter sich haben, also diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben, die können wesentlich offener über diese Dinge sprechen.

Was hat den Sportlerinnen, mit denen du gesprochen hast, geholfen, mit ihren Krisen umzugehen?

Seemüller: Was ich herausgehört habe, war:  

  1. Je stabiler das persönliche Umfeld, also Familie und Freundeskreis, desto stabiler auch die Persönlichkeit des Athleten.
  2. Je mehr sich die Sportlerin nur über ihre "Wettkampfpersönlichkeit", also allein über ihre sportlichen Erfolge oder Misserfolge definiert, desto anfälliger ist sie auch für mentale Probleme. Die Athleten, die sich auch für andere Dinge interessieren, die Hobbys und Freundschaften pflegen, sie scheinen gefestigter zu sein. 
  3. Die Athleten, die sich von Psychologen oder Therapeuten unterstützen lassen, gehen auch achtsamer mit sich und ihrem Körper um. Deutschlands Topturnerin Elisabeth Seitz hat mir gesagt: "Je älter ist werde, umso gnädiger gehe ich mit mir um."
  4. Wer in eine richtig tiefe Krise gerutscht war, hat sich Gott sei Dank rechtzeitig Hilfe geholt - bei einem Fachmann, also einem Psychiater oder Psychotherapeuten. 

Wie intensiv kümmern sich Vereine und Verbände in Deutschland um die mentale Gesundheit der Sportler?

Seemüller: Mein Eindruck ist, dass es sich - trotz einiger Fortschritte auf diesem Gebiet - immer noch nicht ganz herumgesprochen hat, dass Psychologen genauso zum Betreuerstab gehören sollten, wie Mediziner und Physios, wie Athletik-, Technik- oder Torwarttrainer. Die Fußball-Bundesligisten beschäftigen zwar in ihren Nachwuchsleistungszentren Psychologen, mit den Profis haben sie aber oft wenig zu tun.

Grundsätzlich finde ich, die Athleten sollten für das Thema noch mehr sensibilisiert werden. Sie sollten bei auftretenden Problemen die richtigen Adressen kennen. Wichtig wäre auch, dass es im Verein Sportpsychologen gibt, die nicht nur als Motivationscoach arbeiten, sondern die auch über psychische Erkrankungen Bescheid wissen. Und auch Trainer, Betreuer und Vereinsbosse sollten sich mit diesem Thema beschäftigen und ihre Sportler unterstützen. Denn es geht um deren Gesundheit und deren Leistungsfähigkeit.

Es gibt also noch einiges zu tun auf diesem Gebiet.

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