Ein Plakat von Olympia-Starter Nathaniel Seiler im Bühlertal.  (Foto: Jürgen Brügler | privat)

Olympia | Gehen

Olympisches Straßengehen als "Ereignis des Jahrhunderts"

STAND
AUTOR/IN

Gehen, nicht laufen, 50 qualvolle Kilometer. Die derzeit längste Distanz in der Leichtathletik. Fast vier Stunden dauert ein Rennen. Und mit Nathaniel Seiler und Carl Dohmann gehen in Sapporo zwei Athleten aus dem Schwarzwald an den Start.

Wer in diesen Tagen in Baden-Baden und dem nahegelegenen Kurort Bühlertal vorbei schaut, kommt an ihnen nicht vorbei: Plakate mit Fotos von Nathaniel Seiler (25) vom TV Bühlertal und Carl Dohmann (31) vom SCL Heel Baden-Baden kleben und stehen in beiden Orten an vielen verschiedenen Plätzen.

Ob an Ortseingängen, in Schaufenstern oder auf Bussen: Überall sind die beiden Athleten zu sehen. Seiler und Dohmann starten am Donnerstagabend um 22.30 Uhr (MEZ) bei den Olympischen Spielen über 50 Kilometer Gehen.

Drei Tage nur Gänsehaut

Jürgen Brügel kann es kaum erwarten: "Das ist eine einmalige Sache, ich hab schon drei Tage nur Gänsehaut." Brügel, einst selbst erfolgreicher Geher, ist seit neun Jahren Seilers Mentor. Seiler ist der erste Olympia-Starter in der über 100-jährigen Geschichte des TV Bühlertal. Ganz Bühlertal mit seinen 8.000 Einwohnern fiebert dem Ereignis entgegen.

"Für unsere Gemeinde und unseren Verein ist das das Ereignis des Jahrhunderts. Das hätten wir uns nie erträumen lassen, dass mal ein Sportler von uns zu den Olympischen Spielen kommt."

Einmal pro Woche betreut Jürgen Brügel (links) seinen Schützling Nathaniel Seiler beim Training.  (Foto: Jürgen Brügel | privat)
Einmal pro Woche betreut Jürgen Brügel (links) seinen Schützling Nathaniel Seiler beim Training. Jürgen Brügel | privat

Ein eingespieltes Duo

Nathaniel Seiler ist ein "echter Hauenebersteiner". In jenem Stadtteil von Baden-Baden wohnt seine Familie und auch Seiler wohnt und trainiert hier. Dohmann wohnt in Freiburg und trainiert am dortigen Olympiastützpunkt. Zusammen sind sie groß geworden: Seit Jahren trainiert das Duo am Wochenende zusammen mit ihrem Trainer, dem ehemaligen Weltklasse-Geher Robert Ihly. Er hat die beiden eng begleitet auf dem Weg in den Spitzensport.

Die Geher und Trainingspartner Carl Dohmann (links) und Nathaniel Seiler bei den Deutschen Meisterschaften 2021.  (Foto: imago images, IMAGO / Jan Huebner)
Gehen, nicht laufen: Die Geher und Trainingspartner Carl Dohmann (links) und Nathaniel Seiler bei den Deutschen Meisterschaften 2021. IMAGO / Jan Huebner

Für den 25-Jährigen Seiler sind Tokio die ersten Spiele. Sein sechs Jahre älterer Trainingspartner Dohmann weist dagegen schon mehr Erfolge vor. 2016 nahm er an den Spielen in Rio de Janeiro teil, wo er allerdings nicht ins Ziel kam. Bei der WM 2019 in Katar wurde Dohmann starker Siebter über die 50 Kilometer, Seiler dagegen musste nach 45 Kilometern den Lauf wegen erhöhter Körpertemperatur abbrechen.

Ein Ziel

"Für Nathaniel spricht die Jugend und für Carl die Erfahrung", sagt Brügel. Beiden drückt er die Daumen und hofft, dass sein Schützling Nathaniel ins Ziel kommt: "Das wäre schon das Größte, alles andere ist Zugabe."

Gerne hätte Brügel seinen Schützling in Tokio angefeuert, aufgrund der Pandemie fiebert er aber nun Zuhause im Bühlertal mit. Hier hat Brügel ein "Private Viewing" organisiert. Gemeinsam mit Seilers Vater, Bühlertals Bürgermeister Hans-Peter Braun und weiteren geladenen Gästen, darunter auch ehemalige Geher aus Mittelbaden, verfolgt Brügel den Wettkampf vor dem Fernseher.

Gehen, nicht laufen

Dann heißt es für Seiler und Dohmann: Gehen, nicht laufen. 50 Kilometer lang. Im Gegensatz zum Läufer darf der Geher nicht "fliegen". Er muss immer mit einem Fuß Bodenkontakt haben, das Knie muss beim Aufsetzen zudem gestreckt sein. Bei Nicht-Einhaltung droht den Sportlern eine zwei Minuten Zeitstrafe, im schlimmsten Fall die Disqualifikation.

Ein historisches Ereignis

Die Herausforderung; Sich 50 Kilometer lang quälen, aber noch genug Körner zu haben, um die Technik zu beachten. Hinzu kommen über 30 Grad in Tokio und eine hohe Luftfeuchtigkeit.

Am Donnerstagabend ist das Gehen über 50 Kilometer zum letzten Mal ein Olympischer Wettkampf, danach sollen die 50 Kilometer abgeschafft und auf 35 Kilometer reduziert werden. Für Jürgen Brügel und das Bühlertal ist dieses Rennen aber auch so schon historisch.

Mehr zu den Olympischen Spielen:

Mannheim

Hintergrund | Hockey Mannheimer HC: Die Hockey-Talentschmiede und ihre Nationalspielerin

Gleich drei Sportler des Mannheimer Hockeyclubs waren bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei. Justus Weigand, Linus Müller und Sonja Zimmermann. Sie alle sind große Vorbilder für den Nachwuchs im Verein.  mehr...

Metzinger

Olympia | Bahnrad Enigerin Franziska Brauße holt Gold im Bahnrad-Vierer

Der deutsche Bahnrad-Vierer der Frauen mit der Eningerin Franziska Brauße hat bei den Olympischen Spielen Gold gewonnen. Im Finale bezwangen sie in neuer Weltrekordzeit die Britinnen.  mehr...

Tokio/Mannheim

Heidelbergerin gewinnt mit letztem Versuch Weitspringerin Malaika Mihambo holt Olympia-Gold in Tokio

21 Jahre nach Heike Drechsler hat Deutschland wieder eine Weitsprung-Olympiasiegerin: Malaika Mihambo triumphierte bei den Sommerspielen in Tokio mit einem Sieben-Meter-Sprung.  mehr...

Meistgeklickt auf swr.de/sport:

Stuttgart

Vor VfB Stuttgart gegen Union Berlin Christian Gentner: "Ich werde dem VfB mein Leben lang die Daumen drücken"

Am Sonntag (17:30 Uhr) empfängt der VfB Stuttgart in der Bundesliga Union Berlin. Christian Gentner hat für beide Vereine gespielt und kennt die Klubs gut. SWR Sport hat exklusiv mit dem 36-Jährigen gesprochen.  mehr...

Mannheim

Fußball | Hintergrund Neue Erkenntnisse zum Corona-Chaos bei Waldhof Mannheim

Erst einer, dann zwei, drei und mehr: Bei Waldhof Mannheim ist in der vergangenen Woche das Corona-Chaos ausgebrochen. Nachdem das Spiel gegen 1860 München aufgrund einer zu hohen Zahl an Ausfällen abgesagt werden musste, laufen derweil die Testungen auf Hochtouren. Und nicht nur das: Auch die Ermittlungen über den Ursprung des Ausbruchs sind in vollem Gange. Es gibt neue Erkenntnisse.  mehr...

Frankfurt

Fußball | Glosse Glosse: Gebt uns den Fuji-Cup zurück!

Hier ein neuer Wettbewerb, da wieder mal eine Reform: Wir sind es längst gewohnt, dass ständig irgendwo Fußball gezeigt wird. Genug ist genug? Nicht, wenn es nach SWR-Redakteur Michael Glang geht. Er hat einen - nicht ganz ernst gemeinten - Vorschlag.  mehr...

STAND
AUTOR/IN