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Thomas Bach ist der starke Mann beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Er wirbt in diesen Tagen auf seiner Japan-Reise für Olympia und will die Spiele im Sommer 2021 unbedingt durchführen. Doch wie kommt das bei den Japanern und Japanerinnen eigentlich an? Wie wirkt der Mann aus Tauberbischofsheim in der großen Metropole Tokio?

"Er wird unter Japanern gut aufgenommen. Bis auf vereinzelte Gegner gab es keine Demos und auch keine Proteste", sagt Mariko Atsumi vom ARD-Studio in Tokio. "Er hat bei der ersten Begegnung mit dem neuen Premierminister Suga sogar japanisch gesprochen. Und auch die Begegnung mit der Gouverneurin von Tokio Yuriko Koike war sehr freundlich". Bach pflegt einen respektvollen und kooperativen Umgang mit dem japanischen Volk - ganz bewusst. Das kommt in Tokio durchaus gut an.

Nur wenige kritisieren Bach öffentlich

Der deutsche Sportfunktionär profitiert von der Zurückhaltung der Japaner. "Wir haben keine Kultur der Demonstration", sagt Atsumi. In der Öffentlichkeit wird wenig kritisch debattiert. Massenmedien halten sich in der Berichterstattung eher zurück, weil sie als Sponsoren Teil des großen Ganzen sind. Und doch ist die Stimmung längst nicht so harmonisch wie es der erste Eindruck vermittelt. Auch gegenüber Bach nicht. Es äußert sich nur niemand öffentlich dazu. "Gerade in der globalen Krise suchen wir nach etwas Positivem oder Fröhlichem zum Mitfeiern", sagt die Japanerin.

Olympia als Lichtblick

Mit seiner Rede vom Montag hat Bach einen Nerv getroffen: Zusammen könne man diese Olympischen Spiele und die Olympische Flamme zum Licht am Ende des Tunnels machen, sagte Bach. Mit dieser Aussage spricht er vielen Japanern aus der Seele. Nach vielen Katastrophen soll es wieder positive Schlagzeilen geben: Tsunami, Fukushima, Corona-Pandemie. Die Spiele in Tokio sollen zu den "Spielen des Wiederaufbaus" werden. Sie sollen das Symbol für den erfolgreichen Sieg über die Pandemie sein.

Besonders die explodierenden Kosten für das Sportevent sorgen allerdings für Kritik. "Das Geld für Olympia könnte Japan sicherlich woanders gut einsetzen. Gerade in Gebieten, die schwer von Naturkatastrophen betroffen waren. So denken viele Menschen hier", sagt Atsumi. Nicht unbegründet: Im Jahr 2013 wurde mit Ausgaben in Höhe von sieben bis acht Milliarden US-Dollar für die Austragung der olympischen Spiele kalkuliert. Japanische Medien berichten inzwischen von über 25 Milliarden US-Dollar, von denen ein erheblicher Anteil am japanischen Steuerzahler hängen bleibt.

Gesundheit kommt vielen zu kurz

Auch das Thema Gesundheit und der Umgang mit dem Corona-Virus ist den Japanern und Japanerinnen ein Dorn im Auge. Zwar kam das Land bisher einigermaßen gut durch die Pandemie (siehe Infobox). Eine Austragung mit Athleten aus der ganzen Welt kommt für viele dann aber doch zu früh. Die Gefahr eines erneuten Ausbruchs der Pandemie ist groß. Daran ändert auch nichts, dass Bach für die Impfung von Athleten und Athletinnen wirbt.

Vorfreude verflogen

Und nicht zuletzt ist die Vorfreude auf sportliche Duelle um Medaillen verflogen. Begeisterung weicht großer Skepsis. "Die ganze Stimmung in Tokio ist ziemlich weit weg von Euphorie, Begeisterung und der Freude auf Olympia", bestätigt Mariko Atsumi SWR Sport.

Das hat auch eine Umfrage des Instituts "Tokyo Shoko Research" heraus gefunden: Lediglich jede vierte Person ist für eine geplante Austragung der Spiele. 33,7 Prozent der Japaner befürworten eine Absage. Auch die Wirtschaft zeigt sich skeptisch. Nachdem die Olympiavergabe für Teile der japanischen Wirtschaft zunächst ein Segen war, fordern viele inzwischen eine Absage oder zumindest die erneute Verschiebung. Eine Überraschung, könnten doch so viele Unternehmen von der Plattform Olympia profitieren.

Was bleibt vom Besuch der IOC-Delegation?

Und so hinterlässt der Mann aus Tauberbischofsheim schließlich große Fragezeichen in Japans Metropole. Die Austragung der olympischen Spiele bleibt ein viel diskutiertes Thema. Am Dienstag besuchte der IOC-Präsident neben dem olympischen Dorf auch das topmoderne Olympiastadion. Faszinierend und inspirierend sei die Sportstätte neun Monate vor den Spielen gewesen. Einige Olympia Gegner versammelten sich dann doch noch und protestierten friedlich.

So bleibt es spannend, unter welchen Umständen Japan im nächsten Jahr Sportler aus aller Welt begrüßen darf. Sollte es allerdings soweit kommen, bleibt zu hoffen, dass die Begrüßung ein wenig flüssiger von der Hand oder vom Ellenbogen geht, als es in den letzten Tagen der Fall war:

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