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Vor gerade mal zehn Monaten knallte Timo Bichler mit über 60 Stundenkilometern auf die Betonbahn, zog sich ein Schädel-Hirn-Trauma und einen komplizierten Daumenbruch zu - und jetzt will der Sprinter des RV Dudenhofen eine Olympia-Medaille!

6. September 2020: Auf der Radrennbahn in Rostock schießen vier Sprinter eines Keirin-Rennens mit über 60 Stundenkilometern in die Steilkurve, beim Führenden platzt ein Reifen, er stürzt und reißt seine Konkurrenten - darunter auch Timo Bichler - mit zu Boden. Alle Vier müssen ins Krankenhaus, Zuschauer und Betreuer sind geschockt, der Renntag wird abgebrochen. "Vom Sturz hab ich jetzt nicht mehr so viele Erinnerungen", gesteht Timo Bichler zehn Monate später. "Das blendet man aus, beziehungsweise man sagt dem Gehirn, dass es nicht mehr existent ist."

Ausbildung als Ablenkung

Es ist der unerschütterliche Pragmatismus eines Athleten, der die Risiken seiner Hochgeschwindigkeitssportart nur allzu gut kennt. Und der ohne diese Haltung wohl nie mehr auf ein Rad gestiegen wäre. "Das war eine gute Ablenkung, einfach auf die Ausbildung konzentrieren und nebenbei trainieren, dass man sozusagen vergisst, dass man ein Handicap hat." Die Hoffnung sei zurückgekehrt, als er wieder auf dem Rad gesessen habe "und die Kraft wieder langsam da war“, wie er formuliert.

"Weltbester Anfahrer"

Monatelang arbeitet er daraufhin an seinem Comeback, trainiert eisenhart, wird schnell und schneller - und sichert sich tatsächlich das Tokio-Ticket für den Teamsprint auf der Bahn. "Timo ist der weltbeste Anfahrer", sagt sein Trainer Frank Ziegler mit erkennbarem Stolz. "Aber er ist auch als Mensch ein ganz feiner Kerl, der seine Ziele ganz akribisch verfolgen kann."

Wie beliebt das junge Rad-Talent ist, zeigt sich bei der Präsentation des Bahn-Teams Rheinland-Pfalz diese Woche in Ilbesheim. Alle Augen richten sich auf die junge Truppe von Nachwuchs-Sprintern und -Sprinterinnen, die von keiner geringeren als Olympiasiegerin Miriam Welte dem begeisterten Publikum vorgestellt wird. Besonders im Blickpunkt von Freunden und Förderern: Timo Bichler. Er formuliert selbstbewusst, sympathisch und mit seinem Mehr-Tage-Bart auch leicht verwegen die Ziele für Tokio: "Klar, es muss alles optimal laufen. Aber eine Medaille ist machbar und das ist auch meine Zielsetzung."

"Wegstecken und fertig"

Von den Sturz-Folgen dabei keine Rede. Bichler ist kein Jammer-Typ. Im Gegenteil. "Timos Stärke? Seine Mentalität", bringt es sein Vater auf den Punkt. Siegfried Bichler, früher selbst ein Sprinter-Typ als Leichtathlet, kann sich noch genau an den Tag des üblen Rostock-Crashs erinnern: "Ich hab mit Timo gesprochen danach. Da hat er gesagt: Jo, Stürze gehören halt dazu im Radsport. Wegstecken und fertig. Das ist das Rezept, das Du in so einem Fall brauchst."

Glücksbringer für Tokio

Klingt einfach, würde aber sicher nicht jedem gelingen. Timo Bichler vertraut auf seine Qualitäten. Mit den körperlichen Stärken beschleunigt er als Anfahrer das deutsche Teamsprint-Trio von Null auf Hochgeschwindigkeit. Mit den mentalen Stärken schafft er die Fokussierung auf den entscheidenden Moment - wie jetzt die Rückkehr zur Topform bei der Olympia-Qualifikation. Und er kann sich auf den Rückhalt seines Umfelds verlassen: Familie, Trainer, Physios und die Mannschaft des Bahn-Teams Rheinland-Pfalz, das auch beim Bund Deutscher Radfahrer als vorzügliche Ausbildungstruppe geschätzt wird.

Einen besonderen Glücksbringer hat der Medaillen-Anwärter jetzt in Ilbesheim noch mit auf den Weg bekommen von seinem Team: Die Elwetritsche, das berühmte Fabeltier aus der Pfalz. Egal, wie die Rennen auf der Bahn in Tokio ausgehen werden: Timo Bichler schreibt mit seiner erfolgreichen Rückkehr in den Sattel schon jetzt ein ganz besonderes Olympia-Kapitel. Und wäre auch ohne Medaille ganz sicherlich ein Sieger.

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