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Thomas Bach ist Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Der 66-jährige Tauberbischofsheimer entscheidet nicht alleine, ob und wie die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Aber er könnte eine Entscheidung herbeiführen. Und Bach sagt: "Eine Absage steht nicht auf der Tagesordnung."

COVID-19 gegen Tokio 2020 ist kein sportlicher Wettbewerb

Wir erreichen Thomas Bach im Home Office – in Lausanne am Genfer See. Das "Olympic House", Kommandozentrale des Internationalen Olympischen Komitees, ist geschlossen. Auch Thomas Bach muss draußen bleiben. Im Kanton Vaud sind Kindergärten und Schulen geschlossen. Viele IOC-Mitarbeiter haben Kinder, arbeiten wie Bach von Zuhause aus. Für Athleten, die gerade von Training und Wettkämpfen ausgeschlossen sind, muss jetzt schon feststehen: Home Office ist für sie das Unwort des Jahres. Von Zuhause arbeiten - solange ein Ruderboot nicht in die Badewanne passt und eine Kleiderstange nicht als Reckstange taugt, haben Sportler Berufsverbot.

Dauer

Im Gespräch mit SWR Sport sagt Bach, dies sei eine außergewöhnliche Situation, "für die es keine idealen Lösungen gibt". COVID-19 kennt keine Regeln. Bach sagt auch, er könne mit den Athleten fühlen, "dass es schwierig ist mit dieser Unsicherheit umzugehen und noch schwieriger mit diesen erschwerten Bedingungen für das Training unter denen viele leiden.". Bach durfte 1980 nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen, weil die Bundesrepublik dem Boykott der USA folgte. Damals ging es um Politik: Ost gegen West.

Olympische Spiele kann man nicht so einfach verschieben

Bach bittet die Nationalen Olympischen Komitees, wie den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), nach alternativen Trainingsmöglichkeiten zu suchen. Das tut Michael Breuning seit Tagen. Er leitet das Kunstturn-Forum in Stuttgart, wo auch die Deutsche Meisterin Elisabeth Seitz trainiert. Alle Versuche, mit der Stadt eine Lösung zu finden, dass zumindest die wenigen Olympia-Athletinnen in die Halle dürfen, wurden abgelehnt. Zweimal. Laufen geht überall. Rudern oder turnen nicht.

Andreas Toba hat ans IOC appelliert, die Spiele zu verschieben. Turner Toba, der sich in Rio beim Bodenturnen schwer verletzte und trotzdem weiterturnte, hat sich zurückgekämpft und will zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Aber nicht im Sommer.

Dazu sagt Thomas Bach: "Olympische Spiele können Sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel am nächsten Samstag. Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem Sie nur dann verantwortlich handeln können, wenn sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben und die beobachten wir tagtäglich, 24 Stunden." Das komplexe Unternehmen ist gut versichert. Das Risikomanagement, das Bach als IOC-Präsident installiert hat, macht das IOC finanziell unabhängig. Einen Ausfall der Spiele wäre finanziell offenbar verkraftbar.

Athleten-Dorf ist schon verkauft

Vieles spricht dafür, die Olympischen Spiele abzusagen. Der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zwischen zwei Personen lässt kein 100 Meter Rennen von acht Läuferinnen, keine zwei Ringer, die gegeneinander kämpfen, zu und niemand jubelt, weil keine Zuschauer in die Halle dürfen. Geisterspiele - oder dann doch lieber gar keine Spiele. Bach will nicht spekulieren, das würde die Unsicherheit bei den Athleten und Zuschauern noch vergrößern.

Der IOC-Präsident spricht aber auch von verschiedenen Szenarien. Wie die aussehen könnten, lässt er offen. Eine Absage – Stand heute – kommt nicht in Frage. Aber Bach bastelt an einer Lösung. Er sagt einen Satz, der sperrig klingt und in dem doch eine Lösung stecken könnte:

"Wir müssen uns konzentrieren auf die Findung der verlässlichen Entscheidungsgrundlagen."

Dr. Thomas Bach (IOC-Präsident)

Die liefert im besten Fall die Task Force des IOC, in der auch die Weltgesundheitsorganisation sitzt. Denkbar wäre – theoretisch – dann doch eine Verschiebung. Viele Sportarten werden aus dem Finanztopf der Olympischen Bewegung gespeist, große Widerstände, den internationalen Sport-Terminkalender umzuschreiben, wären nicht zu erwarten. Allerdings ist das Athleten-Dorf, das extra für die Sommerspiele gebaut wird, schon verplant: Die Athleten-Unterkünfte werden zu 4.000 Eigentums- und 1.600 Mietwohnungen umgebaut, inklusive innovativer Brennstoffzellenparks für die Strom- und Heißwasserversorgung. Keine Stadt baut in zwei Jahren nochmal Unterkünfte für 11.000 Athleten, Trainer und Betreuer. Kreative Lösungen wären gefragt.

Bach sagt aber auch, die Task Force meine, es sei noch zu früh, eine Entscheidung zu treffen. Wann dann? Nur soviel: "Die Absage würde den Olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees und dem IOC-Flüchtlingsteam zerstören. Eine solche Absage wäre die am wenigsten faire Lösung." Doch was ist gerade fair? Sich an die verschärften Regeln der Ausgangsbeschränkungen zu halten. Sonst eigentlich nichts.

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