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"Wir wären jetzt alle gern in Japan", sagt Richard Schmidt und blickt nachdenklich aufs Wasser am Olympiastützpunkt in Dortmund - dort, wo der Deutschland-Achter zuhause ist. Doch durch Corona ist die Eröffnung der Olympischen Spiele, die für diese Woche terminiert war, um ein Jahr verschoben worden. Der Trierer Olympiasieger von 2012 und sechsfache Weltmeister weiß als Athletensprecher zudem, wie die Verschiebung von Olympia vielen Spitzensportlern zusetzt: "Die Zukunftsangst ist immer da."

14 Uhr, Olympiastützpunkt Dortmund, direkt am Ems-Kanal. Die zweite Trainings-Einheit steht auf dem Tagesprogramm. Die Besatzung des Deutschland-Achters lässt das 96 Kilogramm leichte Carbon-Boot zu Wasser. Es ist ein Tag, an dem die Athleten eigentlich in Tokio wären.

Richard Schmidt - ein Urgestein des Deutschland-Achters

"Es ist keine einfache Situation für uns alle", gesteht Richard Schmidt. Der Olympiasieger und sechsfache Weltmeister, der seit jeher für seinen Heimatverein Treviris Trier rudert, sitzt seit nunmehr zwölf Jahren ununterbrochen im Flaggschiff des Deutschen Ruder-Verbands - so lange wie kein anderer der aktuellen Besetzung.

Richard Schmidt weiß deshalb sehr genau, was in den Köpfen und Körpern passiert, wenn der Jahreshöhepunkt plötzlich nicht stattfindet: "Wir haben uns monatelang gequält und geschunden und jetzt weiß man: genau das gleiche fängt nochmal von vorne an."

"Das große Ziel ist plötzlich ganz weit weg"

Das bedeutet bis zu zwölf Trainings-Einheiten pro Woche: Kraftraum, Radfahren, Gymnastik und natürlich die Arbeit im Boot. Eine mentale Ausnahmesituation. "Alles war auf den Sommer 2020 ausgerichtet", erzählt Richard Schmidt: "Und jetzt ist unser großes Ziel plötzlich wieder total weit weg."

Trotzdem wird am Dortmunder Stützpunkt intensiv geschuftet. Das erste Rennen - zumindest wenn nicht noch weitere Absagen erfolgen - wird die Europameisterschaft im Oktober in Polen sein.

"Wir sind ja keine Fußballer mit einem Konto voller Geld"

Die Olympia-Verschiebung verändert bei den Ruderern die komplette Saisonplanung. "Das ganze Jahr ist total skurril", sagt der 33-Jährige. Und was viele nicht wissen: finanzielle Ängste machen sich breit. "Wir sind ja keine Fußballer mit einem Konto voller Geld", lacht Richard Schmidt. Denn private und berufliche Planungen laufen stets parallel zum Hochleistungssport.

"Zukunftsangst ist immer da"

Und die müssen jetzt plötzlich um ein Jahr verschoben werden. Schmidt: "Die Zukunftsangst ist immer da. Und die Frage: wie geht’s weiter? Denn das Leben endet ja nicht mit der sportlichen Karriere, dann geht’s erst richtig los bei uns."

Schmidt selbst nutzt die neu entstandenen Freiräume durch die Corona-Pandemie für seine Dissertation in den Ingenieurs-Wissenschaften, Fachgebiet: Erneuerbare Energien. "Ich bin jetzt verstärkt dran an der Promotion, um Vorsprung fürs nächste Jahr herauszuarbeiten." Fest steht aber auch: sein Einstieg ins Berufsleben verschiebt sich genauso wie Olympia um ein Jahr. Schmidt lachend: "Ja, das ist ein bisschen doof."

Doch im nächsten Augenblick dominiert wieder das hochkonzentrierte Arbeiten an der eigenen Form und am Teamwork im Achter. Denn auch wenn die Ruderer keine hochbezahlten Profis sind: ihre Einstellung zum Sport ist hochprofessionell. Und die Motivation lässt den Blick schnell nach vorne gehen - zu Olympia 2021. "Als amtierender Weltmeister wollen wir natürlich angreifen", sagt Richard Schmidt: "Das Ziel hat sich nicht verändert durch die Verschiebung: wir wollen eine Medaille."

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