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Der Sport hält inne aufgrund der Gefährdungslage durch das Coronavirus. Das ist insbesondere für alle Sportler tragisch, die auf das Ziel Olympia 2020 in Tokio hingearbeitet haben. Ob die Spiele stattfinden, ist noch offen. Man sollte Geduld mit den Funktionären haben, sofern die Pandemie das zulässt, findet SWR-Sportredakteur Holger Kühner.

Wozu braucht man eigentlich den Spitzensport? Wozu braucht man Olympische Spiele, wozu Fußball-Weltmeisterschaften? Diese Frage habe ich mir in den vergangenen Jahren immer wieder gestellt. Der Spitzensport produziert keine unentbehrlichen Güter.

Sport leistet einen Beitrag, der notwendig ist

Dennoch: In der Fußball-Bundesliga und bei Olympischen Spielen werden Milliarden umgesetzt. Das schafft auch Arbeitsplätze außerhalb der Stadien und Hallen. Der Sport leistet keinen Beitrag, der lebensnotwendig ist. Aber: Der Sport leistet einen Beitrag, der notwendig ist.

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Oder warum sitzen Millionen Menschen vor dem Fernseher? Im Winter, wenn Biathleten auf Skiern laufen und zwischendrin auf Scheiben schießen oder sich tollkühne Kerle von einer Skiflugschanze in die Lüfte erheben und fliegen, bis die Erdanziehungskraft dann doch gewinnt. Turnerinnen und Turner, die sich scheinbar halsbrecherisch um Reckstangen wickeln und Bodenturnen, als seien sie Artisten im Zirkus. Genau das sind sie nämlich, Artisten. Und deshalb reicht es nicht, auf die reichen Kicker und die eitlen Funktionäre zu schimpfen.

Sportler sind auch Künstler

Sportler sind auch Lebenskünstler, die um die Welt tingeln, um uns zu bespaßen und um Geld zu verdienen. Berufsbezeichnung: Sportler. Und wir haben sie dazu gemacht. Wir bezeichnen eine Europameisterin als Star, einen Weltmeister als Helden. Und weil uns der Heldenstatus zu Lebzeiten verwehrt bleibt, kaufen wir uns ein Fußballtrikot und lassen - für sehr viel Geld - auch noch den Namen unseres Stars oder unseres Helden draufschreiben. Und schon sind wir eins mit ihm.

Lasst uns also einen Schritt auf die Seite machen, bevor wir die Fußballspieler als kickende Geldspeicher verspotten und Olympiafunktionäre als geldgierige Seelenverkäufer bezeichnen. So schlimm sind sie nicht, die Großunternehmer in Sportklamotten.

Existenzen stehen auf dem Spiel

Für einige Berufssportler steht in diesen Tagen allerdings die Existenz auf dem Spiel. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen im Sommer in Tokio ist für manche wie die Abiturprüfungen. Stell Dir vor, das Abi fällt aus und Du hast im Sommer keinen Abschluss. Kein Studium möglich und keine Berufsausbildung.

Für viele Sportler sind die Olympischen Spiele wie ein Lottogewinn. Nicht jeder wird Millionär, aber selbst ein kleiner Gewinn kann die Basis sein für den weiteren Lebensweg. Die Fußball-Europameisterschaft abzusagen oder zu verlegen wäre ok. Die Fußballer können irgendwann ihre Saison zu Ende spielen und nach der Sommerpause geht’s weiter. Der Leidensdruck ist gering. Kaum ein Kicker wird wegen der fehlenden oder verschobenen Europameisterschaft seine Karriere beenden.

Gebt den Funktionären ein bisschen Zeit

Anders bei den Olympischen Spielen. Die finden nur alle vier Jahre statt. Gebt den Funktionären also ein bisschen Zeit, sorgt dafür, dass die Sportler wieder trainieren können - wenn die Virus-Krise das zulässt. Nur dann. Aber hört auf, den Sport zu überhöhen. Brot und Spiele meinetwegen. Tod und Spiele nein. Dann sagt die Spiele lieber ab.

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