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"Dass Sportler nicht zu Olympischen Spielen wollen, das ist neu. Das hat es so noch nie gegeben", sagt SWR-Sportredakteur Holger Kühner. Er kommentiert die Diskussion um eine Verschiebung der Olympischen Spiele.

Ich habe noch eine alte Postkarte gefunden aus der Zeit, als sich Tokio um die Olympischen Spiele bewarb. 2013 war das und die Japaner bekamen die Spiele mit dem Slogan: "Discover Tomorrow" – "Entdecke das Morgen" steht auf dieser knallbunten Karte. Morgen, was ist morgen?

Entscheidung über Olympia verzögert sich

Das wissen wir alle nicht. Beim IOC weiß man schon lange, dass es die Olympischen Spiele, wie sie seit sieben Jahren geplant werden, dass es die so im Sommer 2020 nicht geben kann. Man verschiebt diese Spiele nicht einfach so, wie ein Fußballspiel, hat Thomas Bach der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees noch vor dem Wochenende gesagt. Bach war Fechter, gewonnen hat er nur, wenn er Treffer gesetzt hat. Bach musste fintieren, taktieren, auch mal zögern. Wer aber zulange auf den richtigen Moment wartet verliert.

Hat man beim IOC wirklich geglaubt, dass die vielen Toten in Italien und Spanien bis Juli vergessen sind? Hat man darauf gehofft, dass im Juli alles vorbei ist und dass – wie Bach sagte - das Olympische Feuer ein Licht der Hoffnung für die Menschen sein könnte. Puuh. Selbst als in seiner Heimat Tauberbischofsheim die Fechthalle schon geschlossen war haben, sagte Bach noch, dass Sportler und Funktionäre nach kreativen Trainingsmöglichkeiten suchen müssten.

Bach war als Athlet von Olympia-Boykott betroffen

Bach war mal Athletensprecher, aber es scheint, als würde er diejenigen, die heute die Interessen der Athleten vertreten nicht mehr verstehen. Das IOC, dessen Richtung der Präsident vorgibt, hat den Sport in eine Situation gebracht, in der Bach selbst schon mal war und die er verhindern wollte. Boykott. Wie alle westdeutschen Sportler durften er 1980 nicht nach Moskau, weil die Bundesregierung dem Boykott der damaligen Schutzmacht USA folgte. Die Sportler waren machtlos und Athletensprecher Bach hat sich über die Politiker geärgert.

Warum zögert das IOC?

Deshalb verstehe ich nicht, warum das IOC heute so lange zögert und so spät auf die Hilferufe der Athleten reagierte. Nun wird an einem Plan gebastelt, die Spiele zu verschieben. Endlich. Spät, aber nicht zu spät. Dennoch kommen die ersten Nationen und sprechen von … Boykott.

Dass Sportler nicht zu Olympischen Spielen wollen, das ist neu. Das hat es so noch nie gegeben. Der Sport hätte die Möglichkeit gehabt, diese Irrungen und Wirrungen zu verhindern. Dabei ist es so einfach. Der Mann, der die Olympischen Spiele der Antike neu erfand und 1896 nach Athen brachte, dieser französische Baron Pierre de Coubertin gab sich selbst einen Leitspruch an die Hand: "Voir loin, parl franc, agir ferme" – "weit schauen, offen sprechen, entschlossen handeln". Also. Nach einem neuen Termin für die Olympischen Spiele schauen, den Athleten schnellstens Bescheid geben und dann mit neuer Motivation und Rückenwind die ganz besonderen Olympischen Spiele organisieren – in Tokio 2021.

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