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Erst Jubel und erfolgreiche Olympia-Qualifikation, dann Schmerz und drohendes Olympia-Aus, schließlich Happy-End und der Flug nach Tokio: Gewichtheberin Lisa Marie Schweizer kann jetzt doch ihren Traum leben. Ihrer Premiere bei den Olympischen Spielen steht nichts mehr im Wege – solange die Bandscheibe mitspielt.

Flughafen Frankfurt, Terminal 1. Lisa Marie Schweizer steht vor der riesigen Anzeige mit den Abflug-Daten: 18.15 Uhr, LH 716, Tokio-Haneda. Sie kann es noch gar nicht richtig glauben: "Ja, ich hoffe es klappt alles. Ich freu mich, wenn ich im Flieger sitze und dann Richtung Tokio gucken kann." Ihr Freund Michael begleitet sie auf dem Weg durch die riesige Abfertigungshalle: "Natürlich will ich Lisa hier verabschieden, mit ihr noch einen Kaffee trinken, bevor es losgeht", erzählt Michael und schiebt zwei Gepäckstücke wieder weiter Richtung Lufthansa-Schalter.

Packen als Hilfe gegen Lampenfieber

Es ist nicht zu übersehen, dass an diesem Tag wieder ein großer Teil der deutschen Olympia-Mannschaft auf den elfstündigen Direktflug geht: Athleten, Athletinnen und Betreuer tragen das offizielle Tokio-Outfit mit japanischen Schriftzeichen und dem Bundesadler auf dem Ärmel. Auf den zahlreichen Rucksäcken und Reisetaschen prangt "Germany". Sogar die Kleiderordnung hat Lisa Marie Schweizer gegen das Lampenfieber geholfen: "Da war man ein bisschen abgelenkt, hat im Leitfaden geguckt - was darfst du alles anziehen, was zieht man wann an, um das dann auch einzupacken. Da wurde es einem erst richtig bewusst. Und jetzt ist einfach nur noch die Vorfreude da."

Emotionen auf Berg- und Talfahrt

Dass die Reise für Lisa Marie Schweizer jetzt wirklich stattfindet, ist das Happy-End einer emotionalen Berg- und Talfahrt. Beim Qualifikationsturnier in Kolumbien schafft die 26-Jährige im Stoßen 120 Kilo und erobert damit Platz eins auf der Europa-Rangliste. Kurze Zeit später kam dann tatsächlich die offizielle Olympia-Nominierung – ein überwältigender Moment für die Heberin des AV 03 Speyer.

Doch eine große Feier musste sie sich erstmal verkneifen, "denn am nächsten Tag stand noch ein wichtiger Wettkampf an“, sagt die Heberin in der Klasse bis 64 Kilogramm. Schweizer meint damit das Finale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft mit ihrem AV 03 Speyer. Beflügelt vom Ticket für Tokio setzte sie direkt noch einen Glanzpunkt drauf: 103 Kilo im Reißen, damit persönliche Bestleistung und neuer deutscher Rekord. Klar, dass sie so entscheidend zum überlegenen Sieg gegen Roding beitrug. Es war der sechste deutsche Meistertitel für den traditionsreichen AV Speyer.

Das Kreuz mit der Bandscheibe

Ein ausgelassenes Mannschaftsfoto, eine kleine Meisterfeier – und dann Richtung Olympia blicken? Wenn das so einfach gewesen wäre, denn plötzlich stand die Traum-Reise nach Tokio auf der Kippe: Lisa Marie Schweizer verspürte starke Schmerzen im Rücken. Erste Diagnose: Bandscheibenvorfall. "Ich hab dann sofort erstmal eine Cortison-Spritze bekommen gegen die Schmerzen", erzählt sie. "Dann das volle Programm: Laserbehandlung, Stoßwellentherapie, Termine bei Physio und Doc." Das blitzschnelle Rundum-Paket hilft. Schweizer konnte nach kurzer Zeit wieder an die Hantel. Höchstwahrscheinlich ist es ein älterer Bandscheibenvorfall, der sie kurzfristig aus der Bahn warf. Nach mehreren Belastungstests darf sie jetzt durchatmen: Rücken hält, Olympia-Koffer können gepackt werden!

Dank an die vielen Helfer

"Ich habe zum Glück ein starkes Team hinter mir stehen, das mich enorm unterstützt hat", blickt sie dankbar zurück. Um gleich wieder nach vorn zu schauen: "Ich bin wieder auf den Beinen, bin eigentlich wieder hergestellt. Jetzt gilt es, die nötige Spannung aufzubauen bis zum Wettkampf, ohne dass die Muskeln wieder fest gehen. Und dann soll dem nichts mehr im Wege stehen." Lisa Marie Schweizer strahlt und blickt trotzdem noch einmal ungläubig zur Abflug-Tafel in Terminal 1 des Frankfurter Flughafens hoch.

Gedanken über positive Corona-Fälle

Dass im olympischen Dorf bereits die ersten positiven Corona-Fälle aufgetreten sind, bereitet der Gewichtheberin natürlich einige sorgenvolle Gedanken. Aber sie vertraut den Schutzmaßnahmen der Veranstalter: "Man kann eigentlich nur auf das System vor Ort vertrauen, dass sie wissen, was sie da machen." Dass positive Fälle entdeckt werden, zeige ihr, dass das System funktioniere. "Und dass man da auch alle Vorkehrungen getroffen hat, damit umzugehen!"

Übrigens: im Alter von 14 Jahren kam sie zum Gewichtheben. Die Schülerin war damals in vielen Sportarten aktiv und talentiert. Für die Hantel entschied sie sich, um leichte Rückenbeschwerden zu bekämpfen.

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