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Tobias Unger (41) hält noch immer den Deutschen Rekord über 200 Meter. 20"20 (Sekunden, Anm. d. Red.) ist nicht nur seine Rekordzeit, sondern auch der Name seines jüngst eröffneten Fitnessstudios in Kirchheim/Teck. Für seinen neuen Karriereweg braucht der ehemalige Top-Sprinter in Corona-Zeiten vor allem Ausdauer.

Sein Leben ist dem Sport gewidmet. Nach fast zwei Jahrzehnten im Profisport und sieben Jahren als Athletik-Trainer beim VfB Stuttgart hat Tobias Unger den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Mitten in der Corona-Krise stellte sich der Ex-Sprinter wieder in den Startblock. Im September vergangenen Jahres gab er - zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Melanie Schäfer - den Startschuss für sein Fitnessstudio 20"20. Ungers Rekordzeit über 200 Meter ist zugleich Namensgeber des Studios.

Der Weg, der noch vor Unger liegt, ist allerdings deutlich länger als 200 Meter. Diesmal ist ein langer Atem gefragt. Kurz nach der Eröffnung musste das Studio schon wieder schließen. Lockdown statt Startschuss, Online-Coaching statt Training vor Ort. Die Fitnessbranche steckt in der Krise. Durch die Corona-Pandemie droht dem Sprinter ein wirtschaftlicher Fehlstart. Unger zeigt sich trotzdem optimistisch. Das Studio ist sein Lebenstraum. In diesen hat er viel Zeit und Geld investiert. Für ihn soll es ein Neustart sein.

"Jammern bringt nichts, auch wenn die Situation brutal schwer ist. Wir wissen, dass es hier abgehen wird, sobald es wieder abgehen darf."

Tobias Unger - Deutscher Rekordhalter 200 Meter-Sprint

Politik fehlt der Wille und die Fantasie

Der Optimismus, den der 41-jährige Kirchheimer an den Tag legt, ist hart erkämpft. Als ehemaliger Leistungssportler weiß er mit Rückschlägen umzugehen. Die geltenden Einschränkungen für die Fitnessbranche kann er nicht nachvollziehen. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Mit einem negativen Corona-Test könne man die Kunden ins Studio lassen - Abstandsregeln, Maske und Einhaltung der Hygienemaßnahmen inklusive. Mit einem QR-Code-Scanner wären kontaktlose Nachweise der Testergebnisse am Eingang möglich. Auch die Trainer könnten aus der Distanz Instruktionen geben. Es gehe ihm nicht darum, die Regeln zu umgehen, betont Unger, sondern mit "gesundem Menschenverstand" zu agieren. Er wirkt ein wenig ratlos, fast schon ermattet angesichts der Frage, warum es bisher keinen klaren Plan für die Studiobetreiber gibt.

"Außer Öffnen und Schließen muss es doch auch was anderes geben."

Tobias Unger - Deutscher Rekordhalter 200 Meter-Sprint

Schmerzgrenze im Herbst erreicht

Lange könne man die Situation nicht mehr durchhalten. Die Mitgliederzahlen gingen stark zurück. Neue Kunden zu werben sei kaum möglich. Für viele Studiobetreiber stehe bereits jetzt fest, dass sie ihre Türen nicht mehr öffnen werden. Unger sieht darin für sich eine Chance: "Mitglieder, die sich ein neues Studio suchen, könnten bei uns aufgenommen werden."

Darüber hinaus profitiert er von einer großen Außenfläche. Dadurch gibt es viel Platz, um mit Outdoor-Training und großen Abständen einen Notbetrieb aufrecht zu erhalten. Zusammen mit Online-Kursen könne man ein wenig abfangen. Auf Dauer reiche das aber nicht. Das ist vergleichbar mit einem Sprint, der jedoch wenig hilft, wenn man einen Marathon überstehen muss: "Eine Weile halte ich noch durch, aber spätestens zum Herbst muss es wieder losgehen."

Keine Corona-Hilfen

Ungers Studio ist in Betrieb, die Fixkosten müssen bedient und Kredite zurückgezahlt werden. Doch einen Anspruch auf Corona-Hilfen vom Staat hat der Rekord-Sprinter nicht: "Wir haben zu spät geöffnet, um aus dem Corona-Fonds schöpfen zu dürfen," sagt er. Ohne laufende Einnahmen geht die Rechnung aber auf Dauer nicht auf. Den Mitgliedern stehe es momentan frei, ihre Beiträge zu zahlen. Viele zeigten sich solidarisch, freut sich Unger, "aber davon überlebst du natürlich nicht."

Es sei unfair, keine Unterstützung zu bekommen. Die neu eröffneten Studios befänden sich in der gleichen Situation wie die etablierten Betreiber. Die Hoffnung liegt auf einem Härtefall-Fonds für solche Unternehmen, an denen die Hilfen bisher vorbeigegangen sind. "Wir warten jeden Tag, ob es eine Möglichkeit gibt, wenigstens eine kleine Unterstützung zu erhalten."

Neben all den finanziellen Sorgen wiegen für Tobias Unger die psychischen Auswirkungen viel schwerer: "Es geht nicht nur ums Materielle. Man möchte einfach nur wieder ein Stück Normalität erleben." Seine Vision ist es, nicht nur eine Trainingsfläche anzubieten. Die Leute sollen sich austauschen, wohlfühlen und auch als Breitensportler von den Erfahrungen aus dem Spitzensport profitieren.

Rekord für die Ewigkeit?

Die Weltspitze entwickelt sich weiter. Das Training entwickelt sich weiter. Die Schuhe entwickeln sich weiter. Ungers Rekord aber steht seit 16 Jahren wie ein Fels in der Brandung. Schmunzelnd reagiert der Schwabe auf die Frage, ob er den Namen seines Studios ändern müsse, wenn sein Deutscher Rekord fiele. "Natürlich wäre es blöd gewesen, wenn im Jahr der Eröffnung der Rekord gefallen wäre. Mich würde es nicht stören, ihn zu behalten, aber ich gönne es jedem, ihn zu brechen."

"So einfach ist es dann doch nicht, die 20"20 zu unterbieten."

Tobias Unger - Deutscher Rekordhalter 200 Meter-Sprint

Tobias Unger ist mit seinem Studio startklar. Schon längst nicht mehr bei "auf die Plätze", er ist "fertig". Jetzt wartet er auf das "Los".

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