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Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha wird der Mainzer Niklas Kaul als zweiter Deutscher nach Torsten Voss 1987 Weltmeister im Zehnkampf. Dabei schreibt der 21-Jährige WM-Geschichte - als jüngster "König der Athleten" aller Zeiten.

Es ist Donnerstag, der 03. Oktober 2019. Tag der Deutschen Einheit, Feiertag - doch nicht für mich. Ich muss arbeiten, habe Spätdienst in der Redaktion von SWR Sport - und freue mich bereits vorab darauf. Denn an diesem Tag fällt bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha die Entscheidung im Zehnkampf. Am zweiten Wettkampftag wird der "König der Athleten'", wie man tradtitionell den Weltmeister unter den Allroundern nennt, gekrönt.

Mein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Niklas Kaul vom USC Mainz. Ein sympathischer junger Athlet, der an der Johannes-Gutenberg-Universität Physik und Sport studiert, dem man auf dem Sport-Campus beim Trainieren zuschauen kann und der, wenn man ihm begegnet, stets höflich und freundlich ist. Für den 21-Jährigen ist es die erste Senioren-WM.

Er ist in einem Alter, in dem es vor allem darum geht, aus solchen Wettkämpfen, aus einem solchen Messen mit der absoluten Welt-Elite, möglichst viel Erfahrung mitzunehmen. Die Zeit, in der Kaul bei solchen Events mit um Medaillen kämpfen wird, kommt noch, denke ich mir. Und ich irre mich.

Niklas Kaul geht als Elfter in den zweiten Wettkampftag

Es ist wirklich nicht mit einem Triumph Kauls zu rechnen. Zumal der erste Tag für den Lehramtsstudenten nicht optimal verläuft. Zudem plagen ihn in Doha Magenprobleme, er kann deshalb weniger Wasser als sonst im Wettkampf trinken - und das bei der Hitze in Katar.

Nach fünf Disziplinen liegt der U23-Europameister mit 4164 Punkten in der Zwischenwertung auf Rang elf. Der zweite Tag ist traditionell sein besserer, das weiß ich. Doch ich rechne bei optimalem Wettkampfverlauf mit Platz sechs. Alles andere halte ich für nicht realistisch. Denn die Spitze ist zu weit weg. Weltrekordler Kevin Mayer aus Frankreich liegt mit 4483 Punkten an dritter Stelle. Der Olympia-Zweite Damien Warner aus Kanada ist mit 4513 Zählern Spitzenreiter vor seinem Landsmann Pierce Lepage, der 4486 Punkte auf dem Konto hat.

"Schadensbegrenzung" als Ziel

Auch Kaul selbst schätzt seine Chancen nach Tag eins realistisch ein. "Schadenbegrenzung" gibt er als Ziel aus - also im Idealfall noch ein paar Plätze gut machen, mehr nicht.

Der zweite Tag beginnt auch nicht außergewöhnlich. Über die 110-Meter-Hürden läuft Kaul eine für ihn normale Zeit, der Wettkampf verläuft also so, wie man es erwartet hat. Doch plötzlich - beim Diskuswurf, der siebten Disziplin - haut der Youngster einen raus. 49,20 Meter, persönliche Bestleistung - das zahlt ein aufs Punktekonto. Das heißt für Kaul: 5912 Punkte und Rang neun. Und es folgen Stabhochsprung, Speerwurf und der abschließende 1.500-Meter-Lauf. Insbesondere in den letzten beiden Disziplinen gehört Kaul unter den Allroundern zu den Besten. Plötzlich scheint bei optimalem Verlauf vielleicht doch die Bronzemedaille drin zu sein.

Bestleistung reiht Kaul an Bestleistung

Auch Kaul selbst scheint Edelmetall plötzlich im Blick zu haben. Er wirkt total fokussiert. Es scheint, als weiß er, dass doch noch einiges für ihn drin ist. Und er beweist es gleich im Stabhochsprung: Fünf Meter - die nächste persönliche Bestleistung für Niklas Kaul.

Drama um Mayer

Und plötzlich muss Topfavorit Mayer aufgeben. Unter Tränen beendet der 27-Jährige beim Stabhochsprung den Wettkampf. Es geht nicht weiter für den Franzosen. Der Grund sind starke Schmerzen an der Achillessehne. Unruhe kommt im Stadion auf, was für ein Drama.

Und auch ich, in meinem Redaktions-Spätdienst für SWR Sport, bin gepackt. Plötzlich fühle ich mich so, als sei ich im Stadion in Doha. Und nicht an meinem Schreibtisch im SWR auf dem Mainzer Hartenberg. Zunehmend elektrisiert verfolge ich den Zehnkampf. Emotionen packen mich, ich bange mit Niklas Kaul. Ein Gefühl, dass der Fußball, vor allem aufgrund professioneller Distanz, schon lange nicht mehr bei mir auslöst.

Weltrekord im Speerwurf

Und Kaul ist plötzlich im "flow". Im Speerwurf schleudert er den Speer im ersten Versuch auf 75,42 Meter. Jetzt ist klar: Kaul wird definitiv in den Kampf um eine Medaille eingreifen. Im zweiten Versuch dann stellt der Rheinhesse den Wettkampf endgültig auf den Kopf: 79,05 Meter - eine historische Bestweite. Noch nie warf ein Zehnkämpfer den Speer im Wettkampf weiter als Niklas Kaul aus Mainz.

"Die Chance kommt nie wieder"

Damit ist klar: Es geht für Kaul um die Goldmedaille. Das weiß auch der Saulheimer. "Die Chance bekommst du vielleicht nie wieder", gesteht er später, habe er gedacht. Für den 1.500-Meter-Lauf nimmt er sich vor: "Jetzt musst du alles geben." Kaul gilt als stärkster Läufer in dem Weltklassefeld. Vor dem abschließenden Lauf liegt er nur 19 Punkte entfernt von dem führenden Esten Maicel Uibo - was nur wenige Sekunden bedeutet.

Doch Kaul startet erstaunlich zurückhaltend, liegt fast am Ende des Feldes. Ich werde nervös, verfolge Meter um Meter - doch meine Unruhe stellt sich schnell als unbegründet heraus. Denn Kaul legt sich quasi die Konkurrenz zurecht - und zieht dann mit langen, raumgreifenden Schritten an einem Konkurrenten nach dem anderen vorbei. Er wirkt dabei so entspannt und locker wie ein Hobby-Läufer auf seiner allmorgendlichen Runde.

Schnell weiß ich, dass das für Gold reicht. Kaul setzt sich an die Spitze und vom Feld ab. Mir wird vorm TV deutlich, dass gerade etwas Historisches passiert. Gänsehaut, als Kaul die Ziellinie überquert. 4:15,70 Minuten - die nächste persönliche Bestleistung. Der junge Mainzer hat es geschafft.

Kaul bleibt nach seinem Triumph bescheiden

Nach dem Sensations-Wettkampf ordnet Kaul das Geschehen erstaunlich realistisch ein. "Dass es das am Ende wird - keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich bin nicht der beste Zehnkämpfer, der hier angetreten ist, aber vielleicht der konstanteste", sagt der Held des Abends in seiner ihm eigenen sympathischen Bescheidenheit.

Doch so bescheiden müsste er gar nicht bleiben - schließlich ist er mit 21 Jahren und 234 Tagen der jüngste Zehnkampf-Titelträger aller Zeiten.

Doch mit etwas Abstand kommt die Freude. Bei Niklas Kaul in Doha langsamer als bei mir in der Redaktion, wo sie sich schon lange Bahn geschlagen hat. Eine unfassbare Leistung des Modellathleten - die auch in der Wahl zum Sportler des Jahres 2019 mündet. Für mich ist bereits am 03.10.2019, kurz vor Mitternacht im Newsroom von SWR Sport klar, dass ich gerade Zeuge einer historischen Leistung geworden bin- und den neuen "König der Athleten" gesehen habe. Jetzt ist der 03.10.2019 ein Feiertag - für Kaul ohnehin, für mich im doppelten Sinne. Gleichzeitig weiß ich bereits: Das ist mein persönlicher Sportmoment des Jahres 2019.

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