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Seit einigen Jahren litt Deutschlands Hürden-Ass Jackie Baumann vom LAV Tübingen unter Ängsten und Wettkampfdruck. Jetzt zog die Tochter von Olympiasieger Dieter Baumann die Reißleine - und wirft einen kritischen Blick auf das Leistungssportsystem.

Sie kommt mit dem Rad zum vereinbarten Treffpunkt. Jackie Baumann hat sich das e-Bike ihrer Mutter Isabelle geschnappt und gleich bei unserer Begrüßung das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen. "Das ist nicht mein Rad. Ich habe natürlich kein e-Bike. Aber ich muss nachher wieder den Berg rauf."

Dann lacht sie. Überhaupt macht sie einen sehr entspannten Eindruck. Sie ist gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt. Nachdem sie vor gut zwei Wochen offiziell ihr Karriereende verkündet hatte, ist die zweimalige Deutsche Meisterin über 400-Meter-Hürden mit ihrem Freund abgetaucht. Abstand gewinnen. Gemeinsam haben die beiden die Sonne am Bodensee und in der Schweiz genossen.

"Ich konnte nur 80 Prozent umsetzen"

Wir gehen ins Stadion des SV 03 Tübingen. Hier, auf der blauen Laufbahn, hat Jackie Baumann jahrelang hart trainiert. Sie mag diese Bahn. "Was ich hier im Training konnte, war immer besser als das, was ich im Wettkampf geleistet habe. Jedes Mal dachte ich, ich könnte Bäume ausreißen. Das war in Wettkämpfen dann aber nicht der Fall."

"Ich war nie wirklich zufrieden mit dem, was ich im Wettkampf abgerufen habe. Wenn ich nur 80 Prozent von dem umsetze, was ich leisten kann, dann macht es keinen Spaß."

Dabei hatte sie im Juli ihre persönliche Bestzeit auf 55,53 Sekunden drücken können. Sie war in Topform. Trotzdem entschied sie sich kurz vor den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig, ihre Karriere als Leistungssportlerin zu beenden. Für viele kam dieser Entschluss völlig überraschend. Was nur wenige wissen: Schon seit drei Jahren hat Baumann immer wieder daran gedacht, ihre Laufschuhe in die Ecke zu stellen. Immer wieder verwickelte sie ihre Mutter Isabelle, die zugleich ihre Trainerin war, in Diskussionen.

Schlaflosigkeit und Übelkeit

"Wir hatten jedes Jahr mindestens einmal die Situation, wo wir darüber gesprochen haben, ob es Sinn macht, auf diesem Niveau noch weiter zu machen." Lange Zeit hatte sie Angst vor der Entscheidung, Schluss zu machen. Zu groß war die Angst vor dem Ungewissen, was danach kommen könnte. Trotzdem merkte sie: "Man kann nur eine gewisse Zeit gegen eine Wand laufen, die einem immer dicker erscheint, bevor man dann irgendwann sagt 'Okay, ich möchte das nicht mehr. Ich will das nicht mehr'.”

Permanenter Druck

2015 und 2016 hatte sie sich jeweils den nationalen Titel über die 400-Meter-Hürden geholt. Doch ausgerechnet 2016, im Olympiajahr, begann ein schleichender Prozess. Baumann verlor ihre Leichtigkeit. Der permanente Druck machte sie krank, führte zu Ängsten und Zweifeln - oft schon Tage vor den Wettbewerben. “Ich konnte nicht mehr schlafen und hatte Herzklopf-Attacken. Ich hatte abwechselnd Hitzewallungen und Schüttelfrost. Dazu kamen Spannungskopfschmerzen und Übelkeit. Natürlich weiß ich, dass man vor Wettkämpfen nervös sein muss. Das kennt jeder Athlet. Aber es geht darum, was man am Ende wieder zurück bekommt. Wenn man immer in diesen Ängsten und der Nervosität gefangen ist, dann gibt einem der Sport nicht mehr genug zurück, als dass man sagen könnte, man tut sich das immer wieder an.“

Gefangen im System

Die junge Athletin suchte sich professionelle Hilfe. Sie arbeitete mit zwei Sportpsychologinnen zusammen. Doch sie kam letzten Endes nicht weiter. "Eine Sportpsychologin hat immer zu mir gesagt, dass sie glaubt, dass ich ihr etwas verheimliche. Wahrscheinlich habe ich ihr tatsächlich was verheimlicht. Mir ging es eigentlich gar nicht darum, wie ich die Ängste in den Griff bekomme, sondern ob ich das alles überhaupt will."

Auch ihre überraschende Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio brachten ihr keine Erleicherung. Während die Olympia-Teilnahme für die meisten Sportler die Erfüllung eines lang ersehnten Traums bedeutet, wurde der Tübingerin gerade bei diesem Weltereignis besonders deutlich, wie sehr sie als Athletin in dem gesamten Sportsystem fest hing. Verbände, Sponsoren, Medien - alle zerrten an ihr herum.

Wie eine Gefangene

"Das fängt hier in Baden-Württemberg an und geht über den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bis hin zum Weltverband IAAF. Alles hängt zusammen. Alle haben einen gewissen Anspruch an den Athleten. Man soll dies machen, man soll das machen. Wenn du Geld haben willst, dann musst du dort hinkommen. Das ist zwar alles legitim, aber es gibt einem Athleten Grenzen vor, in denen man sich bewegen muss." Baumann fühlte sich manchmal wie eine Gefangene.

Baumann - ein großer Name

Neben der mentalen Belastung und dem Eingezwängtsein in ein forderndes System schleppt sie seit Kindesbeinen eine Bürde mit sich herum. Jackie Baumann trägt einen großen Namen. Sie ist die Tochter von Dieter Baumann, dem 5000-Meter--Olympiasieger von Barcelona 1992. Immer wieder wurde sie von den Medien auf ihren Vater angesprochen. Auch auf die Dopingaffäre, in die Dieter Baumann verwickelt war.

"Mein Name hat nun mal in der Leichtathletik eine Geschichte - nicht nur eine helle Geschichte, sondern auch eine sehr dunkle. Ich glaube, dass das auch ein Grund ist, warum ich kein überzeugter Vertreter dieses Systems bin."

Obwohl sich Dieter Baumann bei ihren Wettkämpfen bewusst im Hintergrund hielt und hoffte, dass seine Tochter ihren eigenen Weg findet - sein Name, seine Erfolge und seine Geschichte waren ihr ständiger Begleiter. Dieter und Isabelle Baumann zeigen volles Verständnis für Jackies Entscheidung, ihre Karriere zu beenden, auch wenn es vor allem der Mutter und Trainerin wohl nicht ganz leicht fällt. "Meine Eltern stehen zu einhundert Prozent hinter der Entscheidung. Wenn ich sage, das ist für mich das Richtige, und ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dann ist das okay. Ich glaube auch, dass meine Mutter weiß, dass es für mich das Richtige ist, weil wir eben so nah waren."

"Keinen Plan haben"

Jetzt will Jackie Baumann erst einmal ihr Lehramts-Studium an der Uni Tübingen (Sport und Geschichte) zu Ende bringen. Im Herbst 2021 möchte sie ihr Examen machen. Alles Weitere will sie auf sich zukommen lassen. "Es ist wie nach einer relativ langen Beziehung, die vorbei ist. Du weißt nicht genau, wer oder was als nächstes wartet. Ich weiß es auch noch nicht genau. Ich bin nicht so ein Probier-Typ, sondern eher eine Planerin. Mein Bruder sagte, ich soll mal ausprobieren, wie es ist, keinen Plan zu haben."

Ihr Plan für den Tag nach unserem Treffen steht allerdings schon fest. Mit lieben Freunden ihren 25. Geburtstag feiern - und vielleicht auch ihren Start in ein anderes Leben.

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