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Alina Reh, Langstreckenläuferin aus Laichingen, hatte Tokio 2020 fest im Blick. Jetzt ist Saisonplan "komplett über den Haufen geworfen". Was sich für die U23-Europameisterin durch die Verschiebung der Olympischen Spiele ändert.

Der 8. August 2020, das war der Tag, den Alina Reh voll fokussiert hatte. An diesem Tag stand nämlich das olympische 10.000-Meter-Rennen auf dem Plan. Doch durch die Corona-Pandemie kommt jetzt alles anders.

"Ich war erst kurz traurig"

Reh erfuhr durchs Radio von der endgültigen Verschiebung der Olympischen Spiele. Auch wenn sie damit in den letzten Wochen schon gerechnet hatte, war das im ersten Moment dann doch erstmal eine Enttäuschung.

"Am Anfang war ich schon ziemlich traurig [...], dass es jetzt dieses Jahr nicht stattfindet, weil man ja schon von der Olympiade träumt oder ich zumindest schon lange davon träume. Aber es findet jetzt nächstes Jahr statt, das ist besser als ganz abgesagt und deshalb sehe ich das jetzt als gewonnene Zeit und als Chance, einfach besser zu werden,“ sagt die 22-Jährige im SWR-Gespräch.

Für viele Sportler sind die Olympischen Spiele eine extra Portion Motivation, die jetzt im Trainingsalltag wegfällt. Reh läuft aber so gerne, dass die Verschiebung bei ihr keinen Einfluss auf die Motivation hat.

"Olympia ist zwar das große Ziel, aber ich laufe nicht nur, um bei den Olympischen Spielen am Start zu stehen, sondern weil mir das Training einfach tagtäglich Spaß macht."

Alina Reh, Läuferin aus Laichingen

Finanzielle Sorgen sind immer im Hinterkopf

Die Deutsche Sporthilfe hat ihren Athleten zwar zugesagt, dass sie weiter unterstützt und gefördert werden, trotzdem sind auch die Leichtathleten finanziell von der Coronakrise und der Olympia-Verschiebung betroffen. "Die wirtschaftliche Lage wird nicht besser, da müssen wir einfach gucken, wie sich das so entwickelt," sagt Reh und hofft, dass einige Sponsoren sie trotzdem weiter unterstützen.

Als Sportler schaue man immer "wie man sich nicht nur über Wasser hält, sondern auch was auf die Seite packt für später. Man kann keinem richtigen Beruf nachgehen währenddessen und da fehlen einem einfach die finanziellen Mittel [...], das ist schwierig, aber ich gucke positiv in die Zukunft und denke, jetzt ist es halt so, jeder hat damit zu kämpfen und das kriege ich dann auch irgendwie hin".

Keine Entlastung beim Trainingspensum

Die Verschiebung hat auch den Trainingsplan von Reh über den Haufen geworfen. Zumal neben den Olympischen Spielen eben auch andere Wettkämpfe vorerst abgesagt sind. Eigentlich hätte Alina Reh nach dem Trainingslager in Südafrika, wo sie auf über 2.000 Meter Höhe trainiert hat, jetzt eine ganz kurze Erholungsphase gehabt. Sie wäre dann weniger Kilometer in der Woche gelaufen, dafür aber schneller. Mit der Verschiebung der Olympischen Spiele hat sich das geändert. "Die Planung ist jetzt komplett anders", sagt Reh. Der Fokus bleibt, wie in den letzten Wochen, auf dem Laufumfang. Das heißt, längere Läufe, 160 bis 170 Kilometer in der Woche, dafür aber etwas langsamer.

Trainieren trotz Corona: "Ich bleibe auf dem Gaspedal"

Immerhin kann sie überhaupt trainieren und ist bei ihren Läufen nicht von geschlossenen Hallen oder gesperrten Trainingsplätzen betroffen. Die Schwäbische Alb ist groß genug, dass Alina Reh hier hunderte Kilometer in der Woche laufen kann. Über dreckige Feldwege, gegen den kalten Ostwind, vorbei an Bauernhöfen und Traktoren. Dabei hat Alina Reh nicht unbedingt eine feste Route, sondern überlegt sich jeden Tag neu, an welchem Feldweg sie dieses Mal abbiegt oder welche Runde im Laichinger Wald noch fehlt, um auf das tägliche Pensum zu kommen.

Alina Reh, Langstreckenläuferin aus Laichingen, trainiert auf einem Feldweg bei ihrem Heimatort. (Foto: SWR)
Alina Reh, Langstreckenläuferin aus Laichingen, trainiert auf einem Feldweg bei ihrem Heimatort.

Das Besondere an ihrer Trainingsumgebung: Der Panoramablick über die Schwäbische Alb, auch Ende März sind auf den Hügeln immer wieder weißen Flecken vom Schnee. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen deuten hier den Frühling an. Alina Reh macht das alles nichts aus. Ganz im Gegenteil, für sie sind diese Trainingsbedingungen in der Heimat optimal.

"Die Einsamkeit des Langstreckenläufers widerspiegelt hier Laichingen ganz gut. Man ist hier meistens allein, dreht seine Runden, aber ja, kann einfach auch fokussiert trainieren. Ich habe hier keinerlei Ablenkung, kann kommen und gehen wann ich möchte und das ist für mich auf jeden Fall richtig gut", sagt sie.

"Man grüßt sich und dann laufe ich weiter"

Wenn man in Laichingen das verlassene Waldstadion sieht, scheint es ungewöhnlich, dass hier eine Läuferin für die Olympischen Spiele trainiert. Aber Reh genießt das Familiäre und Kleinstädtische in Laichingen, wenn sie durch die Straßen geht: "Man grüßt sich und dann laufe ich weiter, dann ziehe ich schon mein Training durch, aber klar, es ist schön, wenn man sich kennt und, wenn man irgendwie, jemand ist. Also, wenn man sich wertschätzt, das finde ich schon toll. Wenn ich in Großstädten bin, dann fehlt mir das immer wieder und deshalb bin ich froh, hier nach Laichingen wieder zu kommen, wo man sich einfach kennt." Reh fühlt sich wohl in Laichingen und sieht das als wichtige Grundlage für ihren Sport.

Auch wenn ihr Trainingsalltag durch die Olympia-Verschiebung etwas durcheinander geraten ist. Alina Reh blickt nach vorne, sieht das Positive und die Chance, dass ihr olympischer Tag dann einfach im Jahr 2021 statt im Jahr 2020 kommt. Der Tag, an dem sie dann an der Startlinie für das olympische 10.000-Meter-Rennen steht.

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